Die meterlange Peitsche schnellt durch die Luft, dann ein lauter Knall. Es ist ein Geräusch, das vor allem am Bodensee zur schwäbisch-alemannischen Fastnacht dazugehört - auch wenn sich viele andere Bräuche von Stadt zu Stadt unterscheiden. Ob auf Umzügen oder Narrentreffen, über die ganze Region hinweg klingen in der Fastnachtszeit die Karbatschen - und auch nur dann.
Über dem Kopf bildet sie eine liegende Acht. Mit jedem Schwung schlägt sie Löcher in die Luft, so beschreibt es Sophie Muffler. Von klein auf hat die 26-Jährige das Schnellen gelernt. Seit ein paar Jahren fertigt sie die bis zu 4,50 Meter langen Karbatschen sogar selbst. Für jede Fastnacht stellt die Seilerin zwischen 200 und 250 der kunstvoll gefertigten Peitschen her - gemeinsam mit ihrem Vater Bernhard Muffler. Es ist ein mehr als hundert Jahre altes Handwerk, das nur noch wenige beherrschen.
Karbatschen sind sehr gefragt
Aus der ganzen Region kaufen Narren Karbatschen bei Mufflers oder lassen sie reparieren. Mehrere Tausend Menschen schnellen etwa im schwäbisch-alemannischen Raum, schätzt Andreas Reutter von der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN).
Viele davon sind aus der Gegend rund um Pfullendorf, Markdorf oder Stockach und allein etwa 1.000 aus Überlingen am Bodensee. Und immer mehr wollen es lernen, heißt es aus mehreren Zünften. Überall steige die Nachfrage - besonders bei den Kindern. Kurz vor der Hochsaison ist bei Mufflers fast jede Karbatsche schon verkauft, bevor sie fertig ist.
Spinnen, binden, flechten
Es sind routinierte Handgriffe für die Seilermeisterin. In der alten Werkstatt in Stockach spinnt sie Flachs zu Garn, verdreht ihn zu einem dünnen Seil und flechtet damit die kunstvolle Peitsche. Industriell gefertigt gibt es solche kegelförmigen Seile nicht. Also stellt die Seilerei Muffler sie in stundenlanger Handarbeit selbst her.
Die Peitsche besteht aus Naturmaterialien wie Hanf oder Flachs. Nur im letzten Stück sind auch synthetische Fasern eingeflochten, um die Karbatsche langlebiger zu machen. Das Ende bildet das Bändel. Dieses Nylonband macht den Krach. Wenn die Peitsche geschwungen wird, durchbricht es die Schallmauer, so beschreiben es Schneller.
In den richtigen Händen nicht gefährlich
Mit den Peitschen machen die Narren vor allem bei Umzügen Lärm - und das vor Tausenden Menschen. Geht da auch mal etwas schief? "In den richtigen Händen ist die Karbatsche niemals gefährlich", sagt Uwe Wolfensperger, Hänselevater in Überlingen. Abstand müsse aber sein.
Um die sogenannten Schneller herum werde deshalb abgesichert, Narren schieben Leute zur Not zur Seite. Von größeren Verletzungen habe er in den vergangenen Jahren nichts mitbekommen.
Als Schneller bekomme man die Karbatsche vielleicht mal am Fuß ab oder es zische an den Ohren, heißt es auch aus anderen Zünften. Kritisch sei natürlich, wenn man das Ende ins Auge bekommen würde. "Aber das wäre auch extremes Pech", so Reutter von der VSAN.
Woher kommt der Brauch?
Die Karbatsche ist vor allem ein Lärminstrument, um Platz für die Narren zu machen, sagt Reutter. In einigen Zünften heißt es dagegen, der Knall soll den Winter vertreiben. Daneben gibt es noch lokale Erzählungen. Ihre Ursprünge hätte die Peitsche in Südosteuropa, wie Reutter erzählt. Ähnliche Peitschen werden heute noch als Hirten- und Rinderpeitsche in Ungarn und Rumänien genutzt. Wann und wie die Peitsche konkret an den Bodensee kam, wird unterschiedlich erklärt.
In Überlingen beispielsweise gehört die Karbatsche wahrscheinlich seit dem 18. Jahrhundert zum Hänsele dazu. Aus der Zeit stammt laut der Zunft die erste überlieferte Erwähnung. In Pfullendorf dagegen gibt es eine Sage, die das Schnellen vom 30-jährigen Schwedenkrieg ableitet. So hätten Fuhrmänner mit dem Peitschenknall Soldaten vertrieben, sagt Oliver Müller von der Schnellergilde Pfullendorf. Eine Sache haben die allermeisten Zünfte allerdings gemeinsam: Geschnellt werden darf traditionell nur zwischen dem 6. Januar und Aschermittwoch.