Mehr als 30 Jahre nach dem Tod von Heiner Müller gibt es erstmals öffentliche Einblicke in ein jahrzehntelang unbekanntes Notizbuch des Dramatikers. Der Schauspieler Martin Wuttke liest am Mittwoch (19.00 Uhr) in der Akademie der Künste (AdK) am Pariser Platz aus den Aufzeichnungen.
Am 1. Januar 1945 - als 15-Jähriger - habe Müller mit den Aufzeichnungen in dem Notizbuch begonnen, teilte die AdK mit. Er habe "seine Gedanken über die Aufgaben der Kunst, die Revolution in der Literatur, über das moderne Drama, literarische Vorbilder und die geistige Lage Europas" niedergeschrieben. Das Buch enthalte auch Schriftstellerzitate und Vokabellisten mit altgriechischen Vokabeln und Shakespeares Englisch.
Buch aus Umzugskarton geborgen
Renate Ziemer, Müllers langjährige Mitarbeiterin, hatte das Buch im vergangenen Jahr an die AdK übergeben. Sie hatte es noch zu Müllers Lebzeiten in einem Umzugskarton gefunden und seitdem wie einen Schatz gehütet, wie in der aktuellen Ausgabe der AdK-Literaturzeitschrift "Sinn und Form" (Heft 1/2026) nachzulesen ist. Dort sind auch Auszüge aus dem Notizbuch veröffentlicht. Das Original befindet sich im AdK-Archiv und kann dort für Forschungszwecke eingesehen werden.
Lesung und Diskussion
Nach der Lesung diskutieren der Autor Achim Engelberg, die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, der Maler Mark Lammert, die Übersetzerin und Germanistin Kristin Schulz und der Theaterkritiker Simon Strauß über die anhaltende Bedeutung von Heiner Müllers Werk. Schon um 17.00 Uhr können Interessierte bei einer Gesprächsrunde über Müller dabei sein - mit Anmeldung.
Der ebenso gefeierte wie umstrittene Dramatiker Heiner Müller (1929-1995) zählt zu den wichtigsten Theaterautoren des 20. Jahrhunderts. Er arbeitete sowohl in der DDR als auch in der BRD. Zu seinen bekanntesten Stücken gehören "Der Lohndrücker" (1958), seine Shakespeare-Adaption "Die Hamletmaschine" (1977) sowie seine Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (1993). Müller war von 1990 bis 1993 der letzte Präsident der Akademie der Künste Ost.