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"Die Erfindung der Currywurst": Der würdige Mann an ihrer Seite

Sie ist eine große Dame des deutschen Films, er ein jugendliches Übertalent. Zusammen sind Barbara Sukowa und Alexander Khuon die Idealbesetzung für die Verfilmung von Uwe Timms Roman "Die Erfindung der Currywurst". Aber wer ist eigentlich dieser Khuon?

Von Frauke Hartmann

Kurz vor Kriegsende läuft er durch das zerbombte Hamburg. Und er schaut nur noch vor sich hin, ins Nirgendwo. Er will das alles gar nicht mehr sehen, ist blind für die Trümmer, die das Filmteam herangekarrt hat, und den brennenden Dachstuhl, der beinahe auf ihn herabstürzt. Alexander Khuon spielt den desertierten Marineoffizier Hermann Bremer. Und ohne es zu ahnen, marschiert dieser gerade mitten hinein in eine Liebesgeschichte mit einer Frau, die seine Mutter sein könnte.

Vierzehn Jahre nach dem Erfolg von Uwe Timms Novelle "Die Erfindung der Currywurst" wird das Stück über die Liebe in Zeiten des Krieges verfilmt - mit dem gefeierten Jungschauspieler Alexander Khuon in der Hauptrolle, seiner ersten beim Film überhaupt.

Drei Jahre lang lag das Projekt wegen Finanzierungslücken bei einer Berliner Filmproduktion auf Eis. Das ohnehin kleine Spielfilm-Budget von ursprünglich drei Millionen Euro drosselte der jetzige Kölner Produzent Gerd Haag noch einmal auf 1,8 Millionen. Ulla Wagner, die Regisseurin, hatte schon seit drei Jahren die Zusage für ihre weibliche Traumbesetzung: Barbara Sukowa, die große Fassbinder-Schauspielerin und Arnold-Schönberg-Interpretin, die seit 16 Jahren in New York lebt mit ihrem dritten Mann, dem Künstler Robert Longo, und ihrem dritten, einem gemeinsamen Sohn. "Barbara Sukowa brauchte einen würdigen Gegenspieler. Und ich wollte immer einen in der Filmwelt unbekannten jungen Mann haben", sagt Ulla Wagner, die auch das Drehbuch schrieb. Sie fand ihn in Alexander Khuon, Jahrgang 1979.

Der jüngste Hamlet

Fototermin am Deutschen Theater in Berlin, an dem Khuon sich in den vergangenen vier Jahren zu einem der gefragtesten jungen Schauspieler entwickelt hat. Allein in dieser Spielzeit tritt er in acht Inszenierungen auf. Gerade hat der 28-Jährige seine jüngste, umjubelte Premiere hinter sich gebracht: Heiner Müllers "Hamletmaschine" unter Regie von Dimiter Gotscheff. Und einen Solo-Abend als Walter Gieseking hingelegt, dem traurigen Helden aus Moritz von Uslars Debütroman "Waldstein oder der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005". An diesem Abend steht er in Oliver Reeses "Goebbels" auf der Bühne, einer Bearbeitung der 14.000 Tagebuchseiten von Hitlers Propagandaminister. In zwei Tagen reist er zum Drehbeginn der "Currywurst" nach Riga, wo die meisten der wenigen Außenaufnahmen entstehen. Danach geht es im Kölner Studio weiter. "Ans Eingemachte", sagt Khuon.

Das Theater war sein Kinderzimmer: Sein Vater ist der erfolgreiche deutsche Theater-Intendant Ulrich Khuon, seine zwei Jahre jüngere Schwester Nora ist Dramaturgin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Sie ist seine engste Vertraute und Beraterin in allen Theaterfragen. "Die wird mal Intendantin", sagt Khuon Junior. "Intendantensöhnchen, komm raus, du Sau", pöbelte ihn der nicht nur in seinem choreographischen Theater als Berserker geltende Regisseur Johann Kresnik während der Ausbildung an der Leipziger Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschule an. "Geh doch zurück nach Kärnten", schmetterte Khuon zurück. Ein Jahr später war er am Kölner Schauspiel unter Vertrag und mit 24 Jahren wohl der jüngste Platonow auf einer großen deutschen Bühne. Mit 25 spielte er den Hamlet.

Am Deutschen Theater erlebt er seit drei Jahren mit den großen Regisseuren des deutschen Theaters, was er "konzentrierte Selbsterfahrung" nennt. Sie durchschauen ihn, sie merken, wenn etwas nicht da ist, die Wut zum Beispiel. Dann steigt Jürgen Gosch in den Proben zu "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" in seinem feinen englischen Cordanzug auf die Bühne, wischt das Geschirr vom Tisch und bemerkt trocken: "Mach doch mal so was". Solche Lektionen sitzen. "Spielen heißt: Alles ist möglich", sagt Khuon. "Es gibt kein 'als ob', du musst dich ganz geben." Als Schauspieler ist er dennoch Minimalist. Er verrät von seinen Figuren nur das Nötigste. Stets bewahrt er ihnen ein Geheimnis. "Ich mag die kleinen Ausschläge."

Das andere Nacktsein

Am Set in Köln, in der Halle einer ehemaligen Gummiwalzenfabrik, stehen so viele Schlafzimmermöbel aus den dreißiger Jahren herum, dass man problemlos drei Filme damit ausstatten könnte. Heute konzentriert sich die Kamera auf das Matratzenlager neben dem Bollerofen, auf das Matratzenfloß, wie es Uwe Timm liebevoll nannte. Der Deserteur Hermann Bremer hat seine erste Nacht mit Lena verbracht. Barbara Sukowa betritt die Wohnung und sieht sich suchend um, als Khuon sie von hinten mit einer Umarmung überrascht, ihr die Bluse aufknöpft und sie mit einer tänzerischen Drehung zum Bett hin bugsiert. Worauf sie mit ihrer hellen Mädchenstimme lacht. Nacktsein vor der Kamera ist Khuon viel unangenehmer als live im Theater vor 600 Zuschauern. "Obwohl hier nur fünf Leute zugucken."

Erschöpft wirkt er und blass in seinem weißen Bademantel und den Plastiklatschen, in denen er draußen vor der Halle auf der Rampe steht und raucht. "Für mich ist das die große Herausforderung beim Film: Wie viel muss ich verraten, um eine Atmosphäre spürbar zu machen? Das ist eine Gratwanderung, und die finde ich irrsinnig spannend. Also nicht den Kommentar mitzuliefern oder Emotionen zu vergrößern, wie es am Theater häufig der Fall ist."

Der etwas längere One Night Stand

Die Frau, der Offizier Bremer nach einem Bombenangriff durch Hamburg folgt, eröffnet ihm in ihrer Wohnung am Großneumarkt eine Gegenwelt. "Einen Mikrokosmos, der nur so entstehen kann, weil draußen der Krieg tobt", sagt Khuon. Die beiden verbringen die Nacht zusammen, und Bremer beschließt, nicht zu seinem Einsatz zurückzukehren. Aus dem One Night Stand in den Wirren des ausgehenden Zweiten Weltkriegs wird eine Liebesbeziehung. Und die Machtverhältnisse, die draußen gerade zerbrechen, werden drinnen noch einmal auf den Kopf gestellt. Hermann Bremer ist Lena Brücker plötzlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die von ihrem Ehemann verlassene Mittvierzigerin und Soldatenmutter, die über ihre Arbeit in einer Militärkantine immer noch an Lebensmittel heran kommt, wird sein einziger Kontakt zur Außenwelt. Und sie genießt die erotische Zweisamkeit wie ein Geschenk. So sehr, dass sie ihrem Liebhaber das Kriegsende verschweigt.

Nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung erfährt der junge Deserteur schließlich doch die Wahrheit und macht sich in einem Anzug ihres verschollenen Mannes aus dem Staub. Lena schneidert sich ein Kostüm aus seiner Uniform, an der ein silbernes Reitabzeichen zurück geblieben ist. Es verhilft der lebenstüchtigen Frau bei Tauschgeschäften zu einem Kilo Curry. Ein Gewürz, das sie nur aus Bremers Erzählungen kennt. Und das durch einen Treppenunfall mit Tomatensauce in Berührung kommt.

Die Leidenschaft für Currywurst jedenfalls teilt Alexander Khuon mit Uwe Timm, seit er als Kind von seinem Onkel angefüttert wurde. So muss er sie nicht einmal spielen, wenn er in der Abschiedsszene mit Barbara Sukowa genießerisch in eine hinein beißt. Der Rest ist Wurst(geschichte).