Harald Schmidt "Dass er 50 wird, ist mir egal"


Sie sind seit Jahrzehnten befreundet. Er hat am 18. August runden Geburtstag; anstatt zu feiern, macht er eine Schiffsreise. Sie gratuliert schriftlich: eine Hommage an Harald Schmidt von Elke Heidenreich.

"Das mag jetzt zynisch klingen, aber ..." So beginnt Harald Schmidts Lieblingssatz. Das mag jetzt zynisch klingen, aber dass Schmidt 50 wird, ist mir vollkommen egal. Seit wann sind Jugend oder Alter ein Verdienst an sich? Außerdem hat Schmidt vor vielen Jahren mal gesagt, sein gefühltes Alter sei immer Mitte 50 gewesen, so gesehen ist er noch längst nicht irgendwo angekommen - wo denn auch?

Von Heiner Müller kennen wir die "Hamletmaschine". Harald Schmidt ist die "Interviewmaschine". Mit der Nummer ist er seit Jahren gut im Geschäft, er hat alles schon mal gesagt und das Gegenteil auch. Hanns Dieter Hüsch, der im Alter so fromm wurde, reimte mal: "Wenn du erkennst, dass das alles nichts auf sich hat, wirst du zum Spieler mit einem alles umfassenden Blatt." Fromm, denke ich, wird Schmidt nicht werden, konservativ war er schon immer.

Wir alle waren früher, wie er, Rechts-links-Denker und fragen heute nur noch: Arschloch oder nicht? Da bleibt wenig. Das Fernsehen, sagt Schmidt, wird von rund zehn Leuten betrieben, die wechselweise da oben stehen und Preise entgegennehmen beziehungsweise vergeben, es ist unaussprechlich langweilig, und nur wirkliche Bosheit interessiert uns noch. Das kann er. Das sah man gerade wieder, als er auf einem Rheinschiff Feuersteins 70. feierte. Der eine nahm alles ernst und der andere nichts, und natürlich gewinnt immer der, der nichts ernst nimmt, aber das Komischste war sowieso dieses furchtbare Essen, "Triologie (!) von Gänseleber im Baumkuchenmantel auf Rhabarber-Carpaccio im Kakaovelours", da ist Schmidt in seinem Element, "das", sagt er anerkennend, "gab’s früher auf den Einwandererschiffen nicht!" Immer wieder insistiert Feuerstein, ob Schmidt ein Lebensziel habe und was ihn denn motiviere, weiterzumachen? "Die Langeweile", sagt Schmidt. Feuerstein bohrt noch einmal nach: So viel Erfolg könne man doch gar nicht haben, dass man nicht noch weiter seine Fühler ausstrecken möchte? Schmidt, ungerührt: "Wohin?"

Er ist Apokalyptiker mit ungebrochener Lebensfreude

Ihn erreicht nichts mehr, kein Lob, kein Tadel, keiner, der ihm "Ey, Harry!" nachruft, keiner, der ihm ans Bein pinkelt. Er ist und war immer schon klüger als alle, gebildeter als alle, schlagfertiger als alle, besser als alle. Er weiß das. Er ist Apokalyptiker mit ungebrochener Lebensfreude, er liebt seine Familie und hat ein festes Wertesystem, zu dem Kultur, Bildung, Christentum zählen. Aber er mag "die Menschen" nicht, also Ehepaare im Partnerlook und im Supermarkt stillende Mütter, kleine Frauen in knöchellangen Pelzen und grenzdebile Motorbootfahrer auf Binnenseen.

Er mag Leute nicht, die England "Albion" nennen und das Mittelmeer "La grande bleue", er hasst Menschen, die sich mit "tschüssikowski!" verabschieden, und er empfiehlt Sicherheitsfanatiker Schäuble deutsche Rentner auf Sofakissen im Fenster für die totale Überwachung. Er zeigt uns die Sollbruchstellen des Zeitgeistes so subtil, dass wir es manchmal erst viel später merken. Auch wenn er mal schlecht ist, ist er immer noch besser als alles, was es sonst gibt, denn er entlarvt gnadenlos Eitelkeiten.

Schmidt ist nicht komisch. Er meint es immer verdammt ernst, er sagt es nur so, dass wir dabei lachen müssen - der klassische tragische Hofnarr eben, der mehr weiß als der König und dafür gern mal geköpft wird. Wenn er sich wirklich ärgert, sagt er, der äußerlich und sprachlich immer Eleganteste von allen: "Kann eine Pumpgun nicht immer öfter das gesprochene Wort ersetzen?" Statt eines Wortes wie "arm" sagt er "vom Spitzensteuersatz unberührt", statt "dick" "eine Frau, für die das Erreichen der 92-Kilo-Grenze ein Traum ist" und über gewisse Prominente mit seinem freundlichen Älterer-Herr- Lächeln: "Wenn die Welt gerecht wäre, müssten sie barfuß in einem Steinbruch mit den Zähnen den Marmor rausbrechen." Wenn Gottschalk einmal "Kartoffelkretin" statt "Gratin" witzelt, steht eine empörte Nation kopf. Schmidt empfiehlt das Gericht Nazi Goreng, und alles lacht. Nur er darf so was, nur er darf als gespenstischer Adolf Hitler die deutsche Jugend vor Rechtsradikalismus warnen. Nur er darf auf dem Kirchentag Leute, die ihn anstarren, zurechtweisen: "Was ist, habt ihr nix zu beten?" Als Teil 2 des Fernsehfilms "Die Flucht" anstand, überlegte er: "Teil 2? Ist das historisch möglich?

Oder müssen wir da jetzt wieder was vom Zaun brechen?" Das hat die Qualität von Woody Allen, der, wenn er Wagners Musik hört, in Polen einmarschieren möchte. Schmidt ist neben den ganzen sprachunfähigen Grimassenschneidern, die uns als Komödianten angedreht werden, der einzige wirklich komische Mensch im Fernsehen. Das Dümmste, was je über ihn gesagt wurde, leistete sich ein Leser des "Spiegel". Herr G. L. aus Göttingen befand: "Die neueren Comedians spielen besseres Theater, verfremden mehr, treten hinter ihrer Rolle zurück, während er zu leicht mit der Privatperson Schmidt verwechselt werden kann und deshalb oft aufdringlich wirkt." Sollte Schmidt das gelesen haben, muss er sich doch vor Vergnügen gewälzt haben. Wie lange macht er seine Show? "25 gefühlte Jahre", ja, und Herr G. L. aus Göttingen hat nichts verstanden. Nie! Das stimmt heiter.

"Scheitern. Wieder scheitern. Immer scheitern. Besser scheitern"

Harald Schmidt hat Sat 1 überlebt und Waldi Hartmann, Nescafé und Hexal, Dreharbeiten beim "Traumschiff " und bei "Unser Charly". Wir haben bei alldem zugeguckt und waren oft irritiert. Zu Unrecht. Er hat sich nie geändert, nur wir haben die Ansprüche verlagert, das ist wie mit der Liebe: Es mangelt ja nicht an Liebe in der Welt, es mangelt an sinnvollen Erwartungen in die Liebe. Es mangelt nicht an Harald, nur das Fernsehen wird immer primitiver, und wir laden alle gewünschte Schärfe ihm auf und denken selber gar nicht mehr; Schmidt würde sagen, wir "segeln intellektuell am Limit". Er hat längst begriffen, dass wir in einer Welt leben, in der alles gleich bedeutend oder eben gleich wurst ist.

Wie soll einer, der das weiß, sich so ernst nehmen wie ihn die nehmen, die das noch nicht wissen? Wir haben beide, das ist Zufall und verbindet uns, dasselbe Lebensmotto, eine Mischung aus Samuel Beckett und George Tabori: "Scheitern. Wieder scheitern. Immer scheitern. Besser scheitern." Das ist was anderes als "Augen zu und durch", das ist eine stolze Haltung. Ihm sprechen kleine Geister regelmäßig den Unterhaltungswert so ab wie mir den literarischen Sachverstand, das ist lustig und hält die Dinge am Laufen. Wichtig ist es nicht. Wer ihn ernsthaft befragt, bekommt ernsthafte Antworten. Nur einer hat das geschafft: Günter Gaus. Das Fell wird dicker, die Brillen werden es auch. Aber gell, Harald, man sieht ja eh nur mit dem Herzen gut? Jaja.

"Nach mir ist alles im Arsch"

Harald Schmidt wird 50. Er kommt also in die sogenannten besten Jahre. Dazu gehört dann eben auch, dass er, wie viele gut aussehende, wohlhabende 50-jährige Männer, die eigentlich eine nette Familie und auch sonst alles haben, plötzlich noch mal was 20 Jahre Jüngeres, was ganz Doofes, was ganz Blondes will. Er nennt es schon zärtlich "Pochi". Na, soll er. Das geht auch vorbei, notfalls, wie in solchen Fällen üblich, mit Schlammschlacht und teurer Scheidung, aber er ist im Grunde jetzt mit dem, was er Unterschichtenfernsehen nennt, wieder ganz nah am Zeitgeist. Und schon der große Charles de Gaulle sagte (und Schmidt stellt es seiner fiktiven Autobiografie "Mulatten in gelben Sesseln" voran): "Nach mir ist alles im Arsch."

Harald, in diesem Sinne.

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