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Rekordfrost in Berlin Softeis aus dem Euter


Wozu ein Würstchen bei minus 20 Grad gut sein kann, warum Berlin gern Wiesel trägt und weshalb Hundekot uns nichts mehr anhaben kann - mein Tag im Tiefkühlfach.
Von Rebecca Struck

Es ist der Morgen danach. Hinter mir liegt die kälteste Nacht in Deutschland seit 25 Jahren - und ich wache schweißgebadet auf. Die Heizung, die den ganzen Tag nicht in Gang kam, hat in der Nacht beschlossen, doch noch zu funktionieren. Die Warnungen der Energieriesen von wegen "ohne Atomstrom gibt’s im Winter Heizausfälle" hat sich bisher als schäbige Finte der Nuklearlobby entpuppt. Strom gibt es genug - wir exportieren sogar nach Frankreich.

Dass die eigene Heizung funktioniert, ist deswegen noch lange nicht gesagt: In Spandau ist ein Heizkessel ausgefallen, in der Schule der Unterricht. Glück im Unglück. Ob es kältefrei auch für Arbeitnehmer gibt? Ich frag mal die Gewerkschaft.

In der U7 Richtung Spandau fahren mehr Leute als sonst, drum muss ich draußen bleiben. Die Waggons sind berstend voll, die Radwege verlassen. Die Bahn hat mal keine Winterprobleme? "Solange kein Schnee liegt - der Frost allein lässt uns kalt", witzelt der Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe. Toll. Meinen Platz in der nächsten U-Bahn mühsam erobert, treffe ich dann die Obdachlosen, die sonst draußen am Eingang rumhängen. Ich gebe ihnen mehr als sonst, und bin nicht die Einzige: Die Wohlfahrt läuft wie geschmiert, scheinbar denken bei den Minusgraden alle an ihren Nächsten. In der Bahnhofsmission stapeln sich die Wintermäntel, die Bahn lässt die Obdachlosen ausnahmsweise mitfahren und auch die Sparkassen haben ihre tolerante Seite entdeckt: "Wir schmeißen niemanden raus - außer er macht Ärger." Erklärt zumindest die Sprecherin am Telefon. Sankt Martin wäre stolz.

Heizungen im Rentenalter

Bei der Commerzbank am Alexanderplatz hingegen stehen die Kälteflüchtlinge vor, die Security in der Bank: Tolerante Türpolitik bei brutaler Kälte? Unbekannt. Dabei wäre bei minus 24 Grad Hilfe bitter nötig: Wo ich schon auf der kurzen Strecke von der U-Bahn zum Büro befürchte, Gliedmaßen zu verlieren, müssen 22.000 Obdachlose im Land ganze Nächte überleben.

Wovon es zu Hause zu viel gab, bekomme ich im Büro zu wenig: Wärme. Die Heizung ist kaputt. "Irgendjemand hat am Wochenende ein Fenster aufgelassen, da ist ein Rohr geplatzt", nuschelt der Haustechniker und fingert am Heizkörper herum. Na Glückwunsch. Geplatzte Rohre sind deutschlandweit gerade das größte Problem: Fast vier Millionen Heizungsanlagen sind veraltet. Die Telefone bei den Kundendiensten laufen heiß, wer friert, muss viel Zeit mitbringen. "Die Schmerzgrenze bei der Auftragslage ist längst erreicht", sagt der Berliner Heizungsinstallateur Frank König. Wie oft er in seinem Stadtteil Friedrichshain unterwegs ist? Er zählt nicht mehr. Voraussetzung ist aber: Der Dienstwagen, ein Diesel, springt an. "Es brennt tatsächlich die Hütte", bringt es der Sprecher des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima auf den Punkt.

Her mit dem Bikini!

Zum Aufwärmen schaue ich eine Runde Sport, Kältefans haben ja Spaß. Der neue Winter-Trend laut facebook: Frosting. So tun, als wäre es Sommer, und im Bikini in den Schnee. Das tut doch weh. Bei twitter übers Wetter beschweren geht auch nicht, da ist schon alles voll mit #Kältetweets. Die meisten sind kreativ darin, der Kälte doch noch was Gutes abzugewinnen: "Mehr als Minus 273 Grad ist physikalisch nicht möglich", "Bauern verkaufen aktuell Soft-Eis direkt ab Euter" oder "Voll gut, diese Kälte. Man kann in Hundekacke treten und nix passiert." Echte Beschwerden gibt es auch, aber die sind mir zu politisch. "Die aus Russland kommende Kälte ist eine kommunistische Erfindung und sollte vom Verfassungsschutz beobachtet werden!" Also bleibt nur, sich vertrauensvoll an die Wetterbeschwerdestelle zu wenden. Tut gut.

Mittags soll ich wieder raus, Nahrungssuche. Größtes Problem bei -15 Grad: Meine Ausstattung. In nur wenigen Minuten ist mein kleiner Finger, der durch ein Loch in meinem Handschuh schaut, blau und taub. Ein paar neue müssen her - leichter gesagt als getan. "Wir verkaufen nur noch die Restbestände", sagt die Verkäuferin einer Kaufhauskette am Alex und winkt ab. Wozu denn auch was wärmendes, wenn ich winzige Bikinis, Sonnenhüte und bunte Sandalen en masse haben kann! Mache ich es eben wie die "froster": Klamotten runter und Sommer spielen. Okay, Spaß beiseite.

Berlin trägt Wiesel

Was schon im August in den Regalen landete und im Dezember niemand brauchte, weil das Wetter einen falschen Frühling vortäuschte, ist jetzt heiß umkämpft: Schals, Mützen, Wollstrumpfhosen. Also nimmt man, was man kriegen kann, ein paar rosa Synthetikhandschuhe mit Fell? Da trag ich lieber den Typ Loch. Und Deutschland umso öfter Pelz. Überall posieren junge Frauen im Tierlook, baumeln Nerzfüßchen am Hals oder rote Fuchsköpfe an der Kapuze. "Der Verkauf hat sich in kurzer Zeit extrem gesteigert", sagt Peter Hoppe von der Kürschner-Innung Berlin. Pelz wärmt eben besonders gut. "Gerupfter Nerz, Wiesel, auch Nerzstoff-Wendeteile, Merino-Lämmer mit gewachster Seite oder Breitschwanzpersianer. Fuchs und Waschbär geht eher im Süden, die Berliner mögens praktisch." Ah ja.

Pelz könnte auch Maik Schmidt gebrauchen. Der Grillwalker steht seit drei Jahren auf dem Alexanderplatz und verkauft Würstchen. Über Frostbeulen wie mich lacht er müde: "Klar ist es kalt, aber man weiß ja wie man sich anziehen muss". Ich anscheinend immer noch nicht, ich spüre meine Füße kaum noch. Acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche steht Maik am Alex, 28 Kilo Arbeitsutensil umgeschnallt, alle zwei Stunden wechselt er sich mit einem Kollegen ab. Maik grillt ohne Handschuhe, dafür mit "Kältezulage". Ich ziehe meine schnell wieder an, noch nicht einmal Würstchen essen geht ohne. Weichei.

Hirnfrost bei minus 80 Grad

Als mein iPhone klingelt, müssen sie doch runter: Das Display ist mit Handschuhen unbedienbar. Zurück im Büro finde ich heraus: Die Engländer haben dafür angeblich immer ein Würstchen in der Tasche, als Fingerersatz. Bei minus 10 Grad macht der Akku sowieso schlapp, bei -80°C friert außerdem das Gehirn ein und Dieselkraftstoff hält es nur bis minus 22 Grad aus. Vielleicht auch deshalb muss die ADAC-Pannenhilfe jeden Tag fast drei Mal so häufig zu Pannen ausrücken wie an gewöhnlichen Wintertagen. Aber was ist momentan schon gewöhnlich. Wirklich beklemmend finde ich die Zahl der Kältetoten: Europaweit sind bisher mehr als 300 Menschen erfroren, in Deutschland starben seit Montag vier Personen.

Umso unwirklicher erscheint mir die Vorstellung, dass viele Leute bei diesen Temperaturen sogar noch Sport machen. Zurück in der Kälte treffe ich nach Feierabend immer noch Fahrradfahrer, mal dick eingepackt, mal entspannt in Lederjacke und dünner Stoffjeans. Ein Kajakfahrer wurde auf der Elbe gesichtet, am Erfurter Nordstrand treffen sich sonntags auch bei 0 Grad Wassertemperatur noch Leute zum Eisbaden. Sport nennen die das. "So lange man sich bewegt ist doch egal wie kalt es ist", findet der Student Jonas und joggt an mir vorbei, die Museumsinsel entlang. Mir ist Zittern genug Bewegung, ich entscheide mich heute Abend wohl eher für die entspannende Variante: Vielleicht Saunieren an der Spree, überdacht im warmen Badeschiff oder Kino. Eine Komödie wäre nicht schlecht - Kälte kann man nämlich weglachen. Das sagt zumindest eine Studie der Universität Zürich.

Mitarbeit: Gloria Veeser

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