Meinung
Walrettung: Der Wunsch, die Welt und uns selbst zu heilen

Ein Schlauchboot der DLRG nähert sich dem Wal
Walverwandtschaften: Ein Schlauchboot der DLRG nähert sich dem Buckelwal
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Mal bewegt sich der Buckelwal, mal nicht. Die Aufregung um das verirrte Tier hat absurde Züge angenommen. Warum bewegt uns sein Schicksal so sehr? Die Antwort ist einfach. 

Ein Buckelwal hat sich verirrt. Man nennt ihn Timmy. Die Medien haben ein neues Lieblingsthema. Auch der stern berichtet mit einem Liveblog. Schaulustige pilgern in seine Nähe. Auf Poel beten weinende Menschen in der Inselkirche für das Tier. Plötzlich kehrt so etwas wie Gottesglaube zurück. Glaube an das Gute. Alle wollen helfen. Geld spielt keine Rolle. Timmy muss überleben. Er muss. 

Es geht weniger um den Wal. Es geht vor allem um uns selbst

Warum? Weil wir Menschen glauben, uns damit selbst retten, heilen, befrieden zu können. Die Welt ist groß, unübersichtlich, so vieles bleibt abstrakt. Krieg. Hass. Inflation. Machtmissbrauch. Künstliche Intelligenz. Ungewissheit und Unsicherheit prägen unsere Zeit. Wir fühlen uns ohnmächtig, klein, hilflos. Wäre es da nicht wunderbar, wenigstens einem einzigen Lebewesen helfen zu können? 

Es gibt im jüdischen Talmud den berühmten Satz „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“. Mit diesem Satz schwingt auch die große Sehnsucht des Menschen nach Selbstwirksamkeit mit: Ich kann als Einzelner etwas im Kleinen tun, um etwas Großes zu vollbringen, das einem übergeordneten guten Ziel dient. Helfen wir dem Wal, helfen wir uns selbst. Indem wir dem Tier die Richtung weisen, schaffen wir es vielleicht, unserem eigenen Leben eine Richtung zu geben. Und damit vielleicht so etwas wie Frieden, Erlösung, Akzeptanz.

Wir projizieren unsere eigenen Erfahrungen, Ängste und Befürchtungen in Leben und Sterben des Buckelwals. Wir unterstellen Gemeinsamkeiten: Die Tiere gelten laut Greenpeace als „Langstreckenreisende, die auf ihren jährlichen Wanderungen zwischen Futter- und Brutgebieten enorme Distanzen zurücklegen“. Sie pflegen ein „komplexes Sozialverhalten“, nutzen „komplexe Gesänge zur Kommunikation“ und zeigen einen „ausgeprägten Schutzinstinkt, insbesondere beim Abschirmen von Kälbern“. Das alles dürfte uns Menschen sehr bekannt vorkommen. 

Die Geschichte des Wals lässt sich, übertragen auf uns Menschen, auch so lesen: Du bist ein paarmal falsch abgebogen im Leben, hast dich verirrt, bist an einem dir unbekannten Ort gestrandet, wo du nie sein wolltest. Jetzt steckst du fest, mit wunder Haut, unendlich müde, und findest nicht mehr nach Hause. Am Ende kannst du nicht mehr. Und stirbst. Allein.

Wäre es nicht schön, nur ein einziges Mal wirklich etwas tun zu können?

Jedes Jahr, so schätzt die Umweltorganisation WWF, sterben bis zu 300.000 Wale und Delfine weltweit als sogenannter Beifang in Fischereinetzen. 300.000 – allein diese Zahl ist eine Zumutung. Unsere Empathiefähigkeit ist begrenzt. Sie nimmt nicht zu, je mehr Opfer es gibt, sondern sie nimmt ab. Damit schützen wir uns vor Überforderung und emotionaler Überlastung. Dies hat auch evolutionäre Wurzeln. Wir leben, denken und fühlen in kleinen Gruppen. Das Leid von Millionen können wir uns nicht vorstellen. Wohl aber das Leiden eines einzelnen Lebewesens. Das ist menschlich. Aber mitunter schwer auszuhalten.