Meinung
Wir sind alle ein bisschen Buckelwal

Wal Timmy vor der Insel Poel im Wasser liegend
Sein Schicksal rührt viele Menschen: Wann wird der Buckelwal sterben? 
© IMAGO
In der Wismarer Bucht ist der Timmy genannte Buckelwal offenbar nicht mehr zu retten. Warum beschäftigt uns das so sehr? Es geht vor allem um eine menschliche Urangst.

Vor der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns stirbt ein verirrter Buckelwal. Er trägt längst einen Namen: Timmy. Das ganze Land nimmt Anteil an seinem Schicksal. Auch der stern berichtet mit einem Liveblog. Seltsam ist: Jedes Jahr, so schätzt die Umweltorganisation WWF, sterben bis zu 300.000 Wale und Delfine weltweit als sogenannter Beifang in Fischereinetzen. Wieso bekommt ein einziger Buckelwal so viel mehr Aufmerksamkeit als die zigtausend anderen Tiere, die qualvoll sterben?

Das Schicksal des Wals spiegelt unsere menschlichen Ängste

Psychologen können das gut beantworten: Was vor unseren Augen im unmittelbaren Umfeld passiert, berührt uns stärker als das, was weiter weg ist. Die Psychologie kennt auch den „Effekt des identifizierbaren Opfers“: Der Einzelne ist greifbar, die Masse bleibt anonym. Unser Mitgefühl ist umso stärker, wenn wir die individuelle Geschichte, den Namen oder das Gesicht eines Menschen oder Tieres kennen. Ein Wal, der inoffiziell Timmy heißt, hat einen Namen. Könnten wir ihm ins Gesicht schauen, wäre die Erschütterung über sein Schicksal vermutlich noch weitaus größer. 

Zugleich ist unsere Empathiefähigkeit begrenzt. Sie nimmt nicht zu, je mehr Opfer es gibt, sondern sie nimmt ab. Damit schützen wir uns vor Überforderung und emotionaler Überlastung. Dies hat auch evolutionäre Wurzeln. Wir leben, denken und fühlen in kleinen Gruppen. Das Leid von Millionen können wir uns nicht vorstellen. Wohl aber das Leiden eines einzelnen Menschen oder Tieres.

Im gleichen Maße, wie uns die Rettung von Tausenden überfordert, glauben wir, ein Individuum retten zu können. Dass uns das nicht gelingt, schmerzt. So sehr, dass wir dazu neigen, das Schicksal des Tieres auf uns Menschen zu übertragen: Wir projizieren unsere eigenen Erfahrungen, Ängste und Befürchtungen in das Leben und Sterben eines Buckelwals.

Allein sterben zu müssen – das ist unsere größte Angst

Die Tiere gelten laut Greenpeace als „Langstreckenreisende, die auf ihren jährlichen Wanderungen zwischen Futter- und Brutgebieten enorme Distanzen zurücklegen“. Sie pflegen ein „komplexes Sozialverhalten“, nutzen „komplexe Gesänge zur Kommunikation“ und zeigen einen „ausgeprägten Schutzinstinkt, insbesondere beim Abschirmen von Kälbern“. Das alles dürfte uns Menschen sehr bekannt vorkommen. 

Timmys Geschichte lässt sich, übertragen auf uns Menschen, auch so lesen: Du bist ein paarmal falsch abgebogen im Leben, hast dich verirrt, bist an einem dir unbekannten Ort gestrandet, wo du nie sein wolltest. Jetzt steckst du fest, mit wunder Haut, unendlich müde und findest nicht mehr nach Hause. Am Ende kannst du nicht mehr. Und stirbst. Allein.

Viel besser kann man die Angst vor einem missglückten Leben und dem eigenen Tod nicht beschreiben. Kein Wunder, dass wir alles dafür tun würden, um zu verhindern, dass vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns ein einzelner Wal zugrunde geht.

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