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Movember Jamie ist nicht-binär und trans* – warum er sich in den Händen von Ärzt*innen nicht gut aufgehoben fühlt

Transgender
Die trans* Flagge wurde 1999 von Monica Helms designt. Rosa steht für Weiblichkeit, Blau für Männlichkeit und der weiße Streifen für nicht-binäre  Personen wie Jamie B.
© Red Diamond / Getty Images
Wohl die meisten Frauen gehen selbstverständlich zur jährlichen Untersuchung bei einer/einem Gynäkolog*in. Auch für Jamie B. wäre die Krebsvorsorge wichtig. Doch als trans* männliche Person fühlt er sich dort Fehl am Platz. Wie er auf das Gesundheitswesen blickt und was er verändern würde.

Die schulterlangen Haare von Jamie B.* wellen sich an den Spitzen. Die junge trans* männliche Person trägt eine schmale Brille. Er lächelt sympathisch in die Kamera, während wir via Video-Call miteinander sprechen. Die kleine wuschelige Hündin Dobby sitzt auf seinem Schoß. Die Gefährtin blickt sich interessiert um. Jamie B. beschreibt, wie sich 2018 sein Leben verändert. Ein Radiobeitrag zum Geschlechtseintrag divers wurde zu einem Schlüsselmoment für den 27-Jährigen. Er kannte zwar vorher schon trans* Personen, war auch mit einem trans* Mann liiert, hatte sich aber nie damit auseinandergesetzt, dass er selbst trans* sein könnte. Erst der Beitrag im Radio, eröffnete ihm Berührungspunkte, zeigte ihm, dass es mehr als nur männlich, weiblich und trans* männlich gibt. "Ich habe auch eine Person kennengelernt, die sich als divers identifiziert. Es war für mich ein augenöffnender Moment, dass eine Transition nicht nur von A nach B geht, sondern ein ganzes Spektrum dazwischen ist und man auch auf einem Teil der Strecke stehen bleiben kann."

Die meisten würden unter Transidentität fälschlicherweise verstehen, dass sich jemand von einer Frau in einen trans*Mann verwandle und auch geschlechtsangleichende Operation vornehmen lasse. Doch so ist es nicht. "Ein trans* Mann ist ein Mann, sobald er sagt, dass er ein trans* Mann ist – ob und welche Eingriffe diese Person vornehmen lassen möchte, ist ihr überlassen." Anfang 2019 hatte Jamie sein Coming-Out als trans*. Er definiert sich aber nicht als männlich, sondern als nicht-binär. Eine Geschlechtsidentität also, die bedeutet weder ganz weiblich noch ganz männlich zu sein. Er entscheidet sich für eine Hormonbehandlung mit Testosteron, damit möchte er seinen Körper so modifizieren, dass er auch zu dem Körperbild passt, das er von sich hat. Mit dieser Entscheidung beginnt für Jamie B. ein beschwerlicher Weg, den trans* Personen auf sich nehmen müssen, wenn sie ihren Körper durch eine medizinische Transition verändern möchten.

Andere entscheiden über Jamies Körper

"Ich fühle mich im Gesundheitssystem schlecht aufgehoben und habe schon viele Diskriminierungserfahrungen gemacht. Es ist ein Problem, dass es sehr viele Gatekeeper*innen gibt, also Menschen, an denen ich vorbeikommen muss, um zu bekommen, was ich möchte. Sie dürfen Entscheidungen über mich treffen. Ich darf nicht über meinen eigenen Körper bestimmen und selbst sagen, was ich brauche, damit es mir gut geht." Um mit seiner Hormonbehandlung beginnen zu können, brauchte Jamie B. ein Indikationsschreiben einer/eines Psycholog*in. Doch die Suche nach einer trans* erfahrenen Praxis und Termine neben seiner damaligen Ausbildung, stellten für Jamie B. zu große Hürden dar. Er konnte sich durch lange Arbeitswege nicht vorstellen, auch noch eine Therapie zu machen. "Ich konnte schließlich bei einer Beratungsstelle Termine bekommen und so meine Indikation. Hätte es die Stelle nicht gegeben, hätte ich wahrscheinlich bis heute noch keine Hormonbehandlung begonnen oder hätte mir die Hormone auf anderem Wege besorgt."

Damit hätte Jamie B. ein hohes Risiko in Kauf genommen. Ein Hormontherapie ist nach Angaben der Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie ein massiver Eingriff. Der Verband warnt vor einer Eigentherapie mit Hormonen. "Unsachgemäß angewandt birgt sie deutliche Risiken für Körper und Seele. Dies können etwa Leberschäden, hormonempfindliche Tumoren oder psychische Erkrankungen wie Depressionen sein", heißt es in einer Mitteilung.

Einen Endokrinologen hat Jamie in Hamburg gefunden, doch für einen Besuch dort muss er zwei Stunden anreisen. Auf dem Land sei die Versorgung mit Fachärzt*innen schlecht und erst recht, für trans* Personen, die auf der Suche nach Mediziner*innen sind, die sich mit trans* Personen auskennen und sich die Behandlung zutrauen würden. Aus seiner Arbeit in einer Selbsthilfegruppe für nicht-binäre trans* Personen wisse er, dass Ärzt*innen sich die Behandlungen zum Teil nicht zutrauen und sie ablehnen.

Ein Gesundheitssystem, das auf zwei Geschlechter ausgelegt ist, ist für nicht-binäre Personen ein Problem

Doch neben der Hürde, überhaupt medizinische Hilfe zu bekommen, sieht Jamie B. ein strukturelles Problem im Gesundheitssystem: "Das Gesundheitssystem ist auf zwei Geschlechter ausgelegt. Mein Endokrinologe geht davon aus, dass ich eine 'komplette' vermännlichende Transition machen möchte. Dabei bin ich nicht-binär und strebe auch einen nicht-binären Körper an. Ich weiß von der Community, dass er kein Fachwissen über nicht-binäre Transitionsmöglichkeiten hat. Ich möchte es ihm gegenüber nicht thematisieren aus Angst, er könnte mir dann die Weiterbehandlung verweigern." Er informiere sich in der Community und lege die Dosis selbst fest. Er führt aus: "Es ist schon ein bisschen so als wäre ich mein eigenes Versuchskaninchen und würde mit meiner eigenen Gesundheit rumspielen." Doch die Entscheidung für die Hormonbehandlung stand fest. "Es ist wirklich aus einem sehr starken Leidensdruck entstanden für mich, wo ich sagte, ich brauche das, sonst schaffe ich das nicht."

Doch neben den großen Problemen seien es auch die vermeintlich kleinen Sachen, die dafür sorgen, dass sich Jamie B. in den Händen von Ärzt*innen und unserem Gesundheitssystem nicht gut aufgehoben fühlt. Auf seiner Krankenkassenkarte steht noch sein weiblicher Name, was dazu führt, dass er immer wieder mit einem falschen Namen angesprochen wird oder ihm gar nicht geglaubt wird, dass es seine Karte ist. "Gute Erfahrungen habe ich eigentlich nur bei meinem Hausarzt gemacht. Er ist zwar über 60 Jahre alt und hat bestimmt keine Schulung zu trans* Personen gemacht, aber er bekommt es hin, mich mit meinem richtigen Namen anzusprechen und respektvoll mit mir umzugehen."

Angst vor dem Besuch bei Gynäkolog*innen

Movember

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Eigentlich müsste Jamie B. auch weiterhin zur jährlichen Krebsvorsorge, doch er habe schon vor Beginn seiner medizinischen Transition schlechte Erfahrungen bei Gynäkolog*innen gemacht. Jetzt als trans* männliche Person habe er das Gefühl, dort nicht hinzugehören. "Die werden es nicht schaffen, mich richtig ansprechen, ich werde dort im Wartezimmer schief angeguckt — ich bin doch bei eine*r Frauenärzt*in fehl am Platz. So ein Termin würde mich unglaublich viel Kraft kosten, und die habe ich gerade nicht über." Die vielen Diskriminierungen im Alltag führen dazu, dass er sich nicht noch in weitere solche Situationen begeben möchte.

"Ich habe dieses Gefühl, der Gesellschaft ziemlich egal zu sein. Und dass meine Diskriminierungserfahrungen, mein Leiden in diesem System nicht zählen. Dass es den meisten Menschen einfach völlig egal ist und dass es da so eine Gleichgültigkeit gibt", beschreibt Jamie B. wie es ihm ergeht. Für eine bessere medizinische Betreuung für trans* Personen wünscht sich Jamie zunächst, dass in jeder Praxis der richtige Name erfragt und die erwünschte Anrede verwendet wird.

Darüber hinaus ist eine allgemeine Aufklärung wichtig. "Die Richtlinien zur Behandlung sind da, aber sie bringen uns nichts, wenn die Ärzt*innen die Behandlung verweigern. Die verschiedenen Möglichkeiten zu binären und nicht-binären Transitionen sollten ausgebaut und sichtbar gemacht werden. Ärzt*innen sollten die eigenen Vorstellungen über Transition nicht ihren Patient*innen aufzwingen."

Der Alltag von trans* Personen sei nicht einfach. Eine Verminderung der Diskriminierungen im medizinischen System wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Auch trans* Personen sollten die Möglichkeit haben ohne Alltagsdiskriminierungen an unserer Gesellschaft teilzuhaben.

* Jamie B. hat in Wirklichkeit einen anderen Nachnamen. Der Redaktion ist sein Name bekannt.

Wichtige Begriffe

Cis

Menschen, die "cis" sind, identifizieren sich mit dem Geschlecht, dass ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Deadname

Der Vorname, den eine trans*Person abgelegt hat.

Divers

Seit 2018 besteht nach dem Personenstandsgesetz die Möglichkeit, bei Geschlechtseinträgen männlich, weiblich, keine Angabe oder divers anzugeben. Der Begriff wird nur in offiziellen Dokumenten wie dem Reisepass oder der Geburtsurkunde genutzt.

Gender

Der Begriff stammt aus dem Englischen – hat sich aber auch in Deutschland etabliert. Er dient dazu, um zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem sozialen Geschlecht (gender) unterscheiden zu können. Im sozialen Geschlecht sind auch Geschlechterrollen verankert – also was wir als typisch weiblich oder männlich ansehen.

Geschlechtsidentität

"Die geschlechtliche Identität umfasst das körperliche und das soziale Geschlecht und beruht auf dem eigenen Geschlechtsempfinden. Es gibt eine Vielfalt von geschlechtlichen Identitäten. Die Geschlechtsidentität eines Menschen kann sich – insbesondere bei trans* Menschen – von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht unterscheiden", heißt es im Glossar der FU Berlin.

Geschlechtsdysphorie

Es bedeutet, dass eine Person unter dem Zustand leidet, dass ihr biologisches Geschlecht nicht mit der eigenen Geschlechtsidentität übereinstimmt. Dieser Leidensdruck kann entstehen, weil das eigene Aussehen nicht zu den eigenen Geschlechtsvorstellungen passt aber auch, wenn die Umwelt trans* Personen in einem falschen Geschlecht wahrnimmt.

Nicht-binär

Menschen, die nicht-binär sind, sind weder vollständig weiblich noch männlich.

Pronomen

Wenn wir in der deutschen Sprache nicht den Namen nutzen wollen, um über eine Person zu sprechen, nutzen wir geschlechtsbezogene Pronomen. Also: er, sie, ihre. Manche trans* Personen nutzen für sich auch diese Pronomen, andere nutzen alternative Pronomen wie "xier".  Oder sie nutzen statt Pronomen immer den Namen.

Selbstbestimmungsgesetz

Das Selbstbestimmungsgesetz soll das noch bestehende Transsexuellengesetz ablösen. Dadurch soll trans* Personen u.a. eine deutlich einfachere Änderung des Vornamens ermöglicht werden.

Transidentität

Es handelt sich um eine Wortschöpfung. Durch diesen Begriff wird auf das Wort "transsexuell" verzichtet. Durch diesen Begriff wird deutlich gemacht, dass es sich nicht nur um die Sexualität dreht. Es geht vielmehr um die Identifikation mit einem anderen Geschlecht als jenem, welches bei der Geburt zugewiesen wurde.

Trans*

Menschen, die "trans*" sind, identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Durch das Sternchen sollen alle Menschen auf dem trans* Spektrum eingeschlossen werden.

Transition

Transition bezeichnet den Übergang von einem Geschlecht in ein anderes. Bei der medizinischen Transition passen trans* Personen ihr biologisches Geschlecht mit Hilfe von medizinischen Behandlungen an ihre Geschlechtsidentität an. Heißt: Durch Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen kann ein trans* Mann seinen Körper so modifizieren, dass er männlich aussieht.

Trans* Frau

Eine Frau, der bei Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde.

Trans* Mann

Ein Mann, dem bei Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde.

Transsexuellengesetz

Das deutsche Transsexuellengesetz trat 1980 in Kraft. "Das Transsexuellengesetz, wie es momentan noch gilt, regelt nur den rechtlichen Rahmen, wenn ich meinen Vornamen und/oder Personenstand ändern will. Dafür sind zwei Gutachten nötig und in einem Gerichtsverfahren wird dann darüber entschieden, schildert Grünen-Politiker Adrian Hector.


Quellen: Glossar FU Berlin , Bpb

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