"Marilyns letzte Sitzung" Die Monroe und ihr letzter Seelenarzt


Ein Buch über Marilyn Monroe, das sich nicht um die immergleiche Frage dreht: Starb die einst schönste Frau der Welt mit 36 Jahren an einer Überdosis Schlaftabletten oder wurde sie ermordet? Den französischen Psychoanalytiker Michel Schneider interessiert nicht das Ende, sondern der Weg dorthin.

In seinem preisgekrönten Roman "Marilyns letzte Sitzung" entwirft er in einem Countdown der letzten 30 Monate das dichte Psychogramm einer zutiefst verunsicherten Frau, die die Verletzungen ihrer Seele eines Tages nicht mehr erträgt. In Frankreich hat der brillant geschriebene Roman im vergangenen Jahr für großes Aufsehen gesorgt, lange stand er auf den Bestsellerlisten. Für mehrere Literaturpreise nominiert, erhielt er schließlich den begehrten Prix Interallié.

Thema des Porträts ist die Beziehung von Marilyn Monroe zu ihrem letzten Psychoanalytiker Ralph Greenson - eine "Liebesgeschichte ohne Liebe". Der Seelenarzt verstößt bei der Behandlung seiner prominenten Patientin gegen alle Regeln der psychoanalytischen Kunst: Er lässt eine Nähe in der Beziehung zu, an der Marilyn am Schluss zerbricht. Er nimmt sie in seine Familie auf, wird zu ihrem Berater und Manager und übernimmt letztlich die Regie für ihr gesamtes Leben - von der Entscheidung über Rollenangebote bis hin zum Kauf eines Hauses. Eine verhängnisvolle Abhängigkeit.

Mit Fiktion zur Wirklichkeit

Faszinierend ist Schneiders Erzähltechnik. Der Roman fängt wie eine Reportage an und entwickelt dann in einer Collage aus oft nur schlaglichtartig erzählten Begegnungen, Ereignissen und Gedanken ein Gesamtbild. Die kurzen Kapitel sind chronologisch angeordnet, mit Vor- und Rückblenden, und allenfalls gegen Ende etwas langatmig. Die Geschichte beginnt in der Zeit, in der Marilyn gerade ihre Rolle als Sugar Cane in Billy Wilders Travestie-Komödie "Manche mögen’s heiß" abgedreht hat, und endet mit den Arbeiten an George Cukors "Something’s Got to Give", der bis heute zu den bekanntesten unvollendeten Filmen Hollywoods gehört.

Weil viele Originalquellen wie Briefe und Arztberichte nach wie vor nicht freigegeben sind, muss der Autor sich auf Zweitquellen und seine Fantasie verlassen. "Wie Marilyns Haar ist auch dieser Roman in Wirklichkeit falsch", sagt er. Der Leser kann nicht unterscheiden, was wahr ist und was gut erfunden. Gleichwohl wird er unweigerlich in die Geschichte hineingezogen, so als würde Marilyn ihm das Drama ihres Lebens selbst erzählen.

"Nur die Fiktion eröffnet einen Zugang zur Wirklichkeit", sagt Schneider, der als Psychoanalytiker auch eine kritische Auseinandersetzung mit seinem eigenen Berufsstand liefert. Der intellektuelle Tausendsassa, früher Richter am Rechnungshof und Musikdirektor im französischen Kulturministerium, hatte schon mit Büchern über Proust, Baudelaire und Glenn Gould auf sich aufmerksam gemacht.

In "Marilyns letzte Sitzung" zeichnet er ein ungewöhnliches Bild des meist auf eine Sexbombe reduzierten Hollywoodstars. Bei ihm ist sie eine nachdenkliche, belesene und interessierte Frau. Als Kind von der Mutter verlassen und von einem Pflegevater missbraucht, leidet sie trotz aller Erfolge in der Glitzerwelt Hollywoods unter kaum beherrschbaren Versagens- und Verlassenheitsängsten. Die Beziehung zu ihrem Analytiker scheint der Monroe schrittweise aus ihrer manisch-depressiven Psychose herauszuhelfen, bis Greenson sich mit einer dubiosen Europareise schlagartig aus ihrem Leben verabschiedet. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Der Psychiater war der Letzte, der Marilyn lebend, und der Erste, der sie tot sah. Viele der Mordtheorien ranken sich deshalb um seine Person. Aber auch hier nimmt Schneider den Menschen in den Blick: den ehrgeizigen jüdischen Intellektuellen und prominenten Seelenklempner zahlreicher Hollywoodgrößen, der sich von seiner "Lieblingsschizophrenen" noch mehr Ruhm, Geld und Einfluss in der Traumfabrik verspricht und schließlich zum "Gefangenen seiner Gefangenen" wird. Er hat die begehrteste Frau der Welt nie berührt, dennoch werden sie füreinander Schicksal: "Sie ist meine Tochter geworden, mein Schmerz, meine Schwester, meine Unvernunft."

Nada Weigelt/DPA


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