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"Mein Jahr als Mörder": Dunkle Schatten in der Nachkriegsgeschichte

Friedrich Christian Delius schildert vor dem Hintergrund einer wahren Begebenheit eine tragische Episode aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Am Anfang steht pure Mordlust. Ein Berliner Student hört am Nikolaustag 1968 im Radio vom Freispruch des Nazi-Richters Rehse und fühlt sich berufen zum Mörder des glimpflich davongekommenen Henkers. Friedrich Christian Delius, politischer Chronist der deutschen Geschichte nach 1945, breitet vor dem Hintergrund der 50er und 60er Jahre ein mächtiges Stück Nachkriegsgeschichte aus. Was als Krimi beginnt wird bald zur peniblen Dokumentation eines tragischen Nachkriegsschicksals.

Hans-Joachim Rehse war neben Roland Freisler für unendlich viele Todesurteile im Dritten Reich verantwortlich, sein Freispruch 1968 war einer der größten Justizskandale der Bundesrepublik. Zu Rehses Opfern gehörte auch der 1944 zum Tode verurteilte Georg Groscurth. Diese realen historischen Ereignisse verknüpft Delius mit der fiktiven Handlung rund um einen bislang unbescholtenen Studenten.

Akten und Dokumente

Der junge Mann, seit Kindheitstagen engster Freund des Sohnes des geköpften Groscurth, vertieft sich in Akten, Dokumente und Gespräche mit der Witwe des Mediziners. Dieser hatte als Leibarzt von Rudolph Heß Zugang zu internen Informationen und unterstützte Juden und andere vom Regime Verfolgte medizinisch und finanziell. Durch eine unglückselige Verkettung von Zufällen wurde seine zusammen mit Robert Havemann gegründete Widerstandsgruppe enttarnt, an Groscurth wurde das Todesurteil vollstreckt.

Mittelpunkt der eigentlichen Geschichte ist die Witwe Anneliese Groscurth. Nach 1945 ist sie einer absurden Rechtsprechung ausgeliefert. Da sie sich in den 50er Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands einsetzt und als Ärztin im Osten Berlins arbeitet, behandelt die westdeutsche Justiz die tapfere Pazifistin als kommunistisch infizierte Staatsfeindin, der weder Witwenrente noch Verfolgtenstatus anerkannt werden. Anneliese wehrt sich über Jahre, doch in einer Zeit politischer Paranoia und der Atmosphäre des Kalten Krieges hat sie keine Chance, gegen die unglaubliche Ungerechtigkeit anzugehen.

Delius, Jahrgang 1943, dokumentiert akribisch den skandalösen Fall und steht dabei als Romancier hinter dem Dokumentaristen. Was sich als Sachbuch brisant und informativ liest, überzeugt als Roman weniger. Der als Beichte deklarierte Bericht der Hauptfigur über einen Mordplan, der niemals ausgeführt wird, verblasst im Hintergrund.

Anke Breitmaier/AP