"Tannöd" Die Bilder in meinem Kopf


Der Krimi "Tannöd" war nicht nur ihr erstes Buch. Es waren die ersten Zeilen, die Andrea Maria Schenkel jemals veröffentlicht hat. Geschrieben aber hat sie immer schon. Im stern erzählt die Autorin von der Zeit vor ihren Sensationserfolgen "Tannöd" und "Kalteis".
Von Andrea Maria Schenkel

"Liebe Andrea Maria Schenkel, danke für das eingesandte Material. Ich würde gerne das ganze Manuskript lesen. Hört sich interessant an. Ich grüße freundlich, Hanna Mittelstädt." Mit diesen wenigen Zeilen beginnt die Geschichte zu "Tannöd". Eine Geschichte, die fantastisch und unglaublich ist. Die, auch wenn ich schon unzählige Male von Journalisten danach gefragt wurde, mir selbst bis heute unerklärlich ist. Ich weigere mich ganz einfach, darüber nachzudenken, fragen Sie mich in fünf Jahren noch einmal, oder in zehn.

Ich hatte mein Buch der kleinen Edition Nautilus angeboten. Unverlangt eingesandt wie unzählige Autoren vor und nach mir. Warum Nautilus? Warum ein kleiner Verlag in Hamburg? Warum nicht!? Absagen von größeren Verlagen hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits genug. Warum es nicht bei einem kleineren versuchen?

"Wir verlegen nur zwei Krimis im Jahr und nur, wenn sie gut sind", hieß es am Telefon. Eine Aussage, die nicht gerade ermutigt. "Aber ich verspreche Ihnen, Sie bekommen innerhalb einer Woche Bescheid." Na, wenigstens etwas!

Und Hanna Mittelstädt hielt ihr Wort. Genau eine Woche später hatte ich den Brief in der Hand. Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg wollten es mit mir versuchen. Zumindest lesen wollten sie das Manuskript. Die Tür hatte sich einen Millimeter geöffnet.

Warum will ich schreiben? Ein Buch? Einen Roman? Einen Krimi? Für mich ist es die Liebe zum geschriebenen Wort, zum Buch. Bücher haben etwas Sakrales, kein Weihnachten ohne ein Buch. Dasitzen unter dem Christbaum und kein Buch in den Händen halten? Nicht möglich. Bücher sind sinnlich, haben eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Ich muss sie berühren, in den Händen halten. Die Blätter befühlen. Sie riechen. Bücher können Träume entstehen lassen, einen verzaubern, einen Teil einer Geschichte werden lassen.

Trauer, Anspannung, Angst im Gesicht meiner Schwester

Ich sehe meine Schwester in unserem Wohnzimmersessel sitzen. Zusammengerollt, die Knie hochgezogen fast bis zum Kinn, ein Buch in der Hand. Ich sehe in ihr Gesicht, ohne von ihr bemerkt zu werden. Sehe die Geschichte, das Gelesene in ihrem Gesicht. Sehe Trauer, Anspannung, Angst. Sehe, wie sie zum ich weiß nicht wievielten Mal vor lauter Nervosität und Anspannung über das Gelesene ihre Strumpfhose langsam in Stücke reißt und doch nicht ablässt von der Geschichte, die sie im Bann hält. Habe ihr befreiendes Lachen im Ohr, losgelöst, laut. Sehe sie das Buch aus der Hand legen, erschöpft vom Gelesenen, vom Erlebten. Erst beim Aus-der-Hand-Legen bemerkt sie die kaputten Strümpfe. Kehrt sie zurück ins Jetzt.

Mit zehn las ich Grass, Brecht, Kafka, Böll

Ich sehe mich selbst als Kind in unserem gemeinsamen Zimmer. Das Bett der Schwester ordentlich, das Bücherregal gefüllt mit all den Schätzen, für die ich, die sechs Jahre Jüngere, noch viel zu klein bin. Geordnet stehen sie da, geordnet nach dem Alphabet. Wie alles bei meiner Schwester immer geordnet ist.

Ich kann nicht an mich halten, muss die Bücher berühren, muss sie aus dem Regal ziehen, vorsichtig, langsam. Das Regal ist über dem Bett. Ich stehe deshalb auf dem Bett, nur so kann ich an die Bücher herankommen. Strecke mich, ziehe ein Buch vorsichtig heraus. Merke mir den Platz im Regal, die Lage der Kissen auf dem Bett. Später werde ich das Buch wieder an seinen Platz zurückstellen, die Kissen wieder ordnen, und niemand wird davon etwas merken. So lese ich mit zehn Grass, Brecht, Kafka, Heinrich und Klaus Mann, und natürlich auch Thomas, Böll. Ich lese "Die schwarze Spinne", und das Bild der aus den Köpfen herausquellenden Spinnen werde ich nie mehr vergessen. Ich lese Camus und irgendwann später auch Poe. Die Bilder, die in meinem Kopf entstehen, sind meine Schätze, die ich hüte, die ich bewache, in Gedanken weiterspinne. Wenn ich nachts auf dem Bett liege, erscheinen sie, vermengen sich, es werden neue Geschichten daraus. Andere zählen Schafe, ich Bilder aus den Geschichten.

Irgendwann las ich wegen der Sprache, der Melodie, des Rhythmus

Irgendwann fange ich an, Geschichten nicht um der Geschichte, um des Plots willen zu lesen. Ich lese sie wegen der Sprache, der Worte, der Melodie, ihres Rhythmus. Es gibt Sätze von unglaublicher Schönheit. Sprache ist Musik. Jeder lernt sprechen, später in der Schule schreiben, aber nicht jeder bringt Sprache zum Klingen. Für mich wird dieser Klang der Sprache immer wichtiger, er ist die Essenz. Und wie jede Essenz sollte er rein sein. Schnörkellos, fast karg. Das ist es, warum ich schreibe, immer schreiben wollte. Die Liebe zum Klang, zur Sprache, zu den Bildern, die sie entstehen lässt. Den Gefühlen, die sie weckt. Warum schreibe ich erst jetzt? Erst so spät?

Ich habe immer geschrieben. Als kleines Kind zuerst Bilder gemalt und mit einzelnen Sätzen ergänzt. Ein Daumenkino aus Bildern und Worten. Die Bilder wurden weniger, die Sätze mehr und länger. Aus dem Geschriebenen kleine Geschichten. Geschichten nicht von Pferden, Hunden und Katzen. Geschichten über Abenteuer, Entführung und Verbrechen. Immer mit dem Detektiv an der Seite. Dem Detektiv, der alles weiß, alles herausfindet. Der tapfer ist, mutig und schlau. Ganz das Gegenteil des Mädchens, das die Geschichten schreibt. Ich streife mit meiner Freundin Gabi herum, und wir finden das Verbrechen überall. Auf Wiesen, Plätzen, in Straßen. Die fehlenden Socken auf der Leine, die merkwürdige Frau im Auto, der Blutfleck auf der Straße. Unserer Kinderfantasie sind keine Grenzen gesetzt. Später schreibe ich Briefe an Freundinnen im jeweiligen Stil des augenblicklichen Lieblingsautors. Wie ein Chamäleon gleiche ich mich der Sprache an und schreibe.

Ich scheiterte an meinen eigenen Ansprüchen

Möchte schreiben und merke doch, ich bin nicht gut genug. Genüge meinen Ansprüchen nicht, bin unzufrieden mit dem Ergebnis, verwerfe alles, ziehe alles in Zweifel. Werde wieder vom Schreiber zum Leser, lese alles, verschlinge alles. Werde ein Bücherfresser. Kaufe, kaum komme ich in einen Buchladen, alles zusammen. Werde hemmungslos, was mir gefällt, muss ich besitzen. Ich bin kein Ausleiher, mag keine Bibliotheken oder Büchereien. Ich möchte die Stapel voll Stolz nach Hause tragen. Sie nicht wieder hergeben müssen. Lesen und wieder lesen. Und wieder habe ich die Bilder im Kopf, die sich vermengen, zu neuen Geschichten ordnen.

Als Kinder lauschte ich meiner Oma

Aber warum erzähle ich die Geschichten erst so spät? Die Sehnsucht muss wachsen. Es ist nicht möglich zu schreiben ohne die Sehnsucht. Man muss sich danach sehnen, Geschichten schreiben zu wollen. Geschichten, die als Bilder im Kopf vorhanden sind, umzusetzen. Der Wunsch muss unerträglich werden, darf nicht mehr loslassen, muss quälen. Wenn man fast zerspringt, ist die Zeit reif.

Bücher haben etwas Grausames.

Warum diese Geschichten? Warum Krimi?

Es sind Geschichten, die mir bereits von meiner Großmutter erzählt wurden. Als kleines Mädchen lauschte ich ihnen gebannt. Moritaten aus meiner Kindheit. Die Landstorfer Bande, der Räuber Kneißl, das schaurige Verbrechen von Hinterkaifeck. Geschichten, die mich in ihren Bann zogen, mich nicht mehr losließen. Die Geschichten der kleinen Leute, Erzählungen, blutig und schaurig, von Verrat, geplatzten Träumen und Hoffnungen. Ich habe das Bild meiner Großmutter vor mir, wie sie auf einer Bank sitzt, links und rechts ihre Söhne. Der eine hat ein Schifferklavier in den Armen, und sie singt dazu. Bänkellieder.

Ich begann, zu forschen, in Archiven, im Internet

Erst viel später kamen diese Geschichten zu mir zurück. Ich begann nachzuforschen, zu recherchieren. In Zeitungen, in Archiven, im Internet. Redete mit Nachbarn, Bekannten und Freunden, einfach mit jedem, der mir etwas darüber erzählen konnte.

Aber sind "Tannöd" und "Kalteis" wirklich Krimis? Es sind keine Geschichten, in denen es darum geht, den Mörder zu finden, ihn der gerechten Strafe zu übergeben, und alles ist wieder gut. Keine "Who done it"-Storys. Wollen wir wirklich immer die Wahrheit wissen? Wollen wissen, wer es war? Ist es nicht viel interessanter, über das Umfeld zu berichten, über die Träume, die Wünsche, die Sehnsüchte? Die kleinen Dinge, die Geschichten in den Geschichten? Die Garnrolle, die als Symbol des Glücks in der Kinderfaust liegt. Deren Farbe beim langsamen Öffnen der Hand in der Sonne leuchtet. Das Bild, das in unseren Köpfen entsteht. Das Gefühl, das das Bild in uns wachrüttelt. Längst vergessen bringt es uns zurück in die Kindheit. Wir sind das Kind mit der Garnrolle in der Hand, wir, die Leser, halten diese Rolle in diesem Augenblick. Spüren ihr Gewicht, spüren sie auf der Handfläche liegen. Wir wollen sie nicht mehr hergeben, wir sind es, die sie halten in diesem Moment. Wir halten sie durch die Bilder in unseren Köpfen. Wir spüren die Scham, wenn wir sie doch hergeben müssen, wie das kleine Mädchen in "Kalteis" sie spürt, als sie das Kleinod hergeben muss. Wir sind es, die die Scham spüren. Dann funktioniert die Geschichte, dann sind wir in der Geschichte und Teil der Geschichte. Wir können die Welt bereisen, spüren die Hitze in Mittelamerika, ohne je da gewesen zu sein. Wir spüren, wie unsere Haut nass ist vom Schweiß, spüren die Fliegen, die gierig den Schweiß lecken, weil sie das Salz unserer Haut brauchen. Das sind die Bilder, die erzählt und gelebt werden wollen.

Stehen am Rande des Kraters

Es sind natürlich auch die schaurig schönen Augenblicke, in denen wir im Sessel sitzend in die Abgründe blicken können. Wir sitzen da, wie damals meine Schwester, und sehen in die Abgründe. Durchwaten den Grund, den Bodensatz, ohne schmutzig oder nass zu werden. Stehen am Rande des Kraters, blicken in den Höllenschlund, spüren die Hitze, die Angst, und doch sind wir sicher. Das ist die Faszination am Genre Krimi. Und manchmal erfahren wir mehr über uns selbst, als es uns lieb sein kann. Bücher sind schonungslos.

Bücher und Geschichten sind wie Kinder, man trägt sie unter dem Herzen. Am Anfang steht die Idee. Ohne jeden Zusammenhang, vage, farblos. Ein Sammelsurium. Die Idee zieht andere Ideen nach sich. Wird größer, wächst, verselbstständigt sich immer mehr. Man gibt das Manuskript, die Idee aus der Hand. Weiß, es ist jetzt nichts mehr zu tun, die Geschichte ist zu Ende erzählt. Man wartet, hofft und bangt. Wünscht sich nichts mehr, als dass die Geschichte angenommen, gelesen wird, und hat doch vor nichts mehr Angst als vor diesem Augenblick. Hofft, dass sich die Tür diesen Spalt öffnet. Und lässt los.

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