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"The Hitch": Memoiren eines Provokateurs

Christopher Hitchens ist bekannt als Provokateur und eine der widersprüchlichsten Persönlichkeiten unserer Zeit: Der Publizist, Essayist und Literaturkritiker wandelte sich vom Trotzkisten zum Neokonservativen. In "The Hitch" lässt er sein Leben Revue passieren.

Als Christopher Hitchens seine Autobiografie "Hitch 22" schrieb, wusste er noch nicht, wie es um ihn steht. Mit gewohnt spitzer Feder attackierte der britisch-amerikanische Autor Mutter Teresa, Henry Kissinger, Amerikas Ex-Präsidenten Jimmy Carter und Ronald Reagan sowie Bill Clinton und machte auch vor sich selbst nicht Halt. Ein gutes Jahr später ist sein Ton sanfter geworden. Leser der jetzt erschienenen deutschen Ausgabe erfahren, dass Hitchens (62) an Krebs leidet.

"Dieses Vorwort schreibe ich nun zu einem Zeitpunkt, an dem ich, so sagen meine Ärzte, nicht sicher sein darf, noch einen weiteren Geburtstag feiern zu können", heißt es in dem deutschen Band "The Hitch. Geständnisse eines Unbeugsamen".

Weltbestseller eines glänzenden Provokateurs

Hitchens hat elf Bücher und etliche Essay-Bände herausgegeben, darunter den Weltbestseller "Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet". In seiner Wahlheimat USA schreibt der gebürtige Brite für die "New York Times", das "Wall Street Journal" und Zeitschriften wie "Vanity Fair", "Slate" und "The Atlantic Monthly".

"Die Welt" würdigte ihn einmal als "den wahrscheinlich klügsten Kopf seiner Generation". "Die Zeit" bescheinigte ihm, "berühmt und berüchtigt" zu sein, und fuhr fort, "Hitchens ist ein glänzender Provokateur, er schreibt wie die Axt im Walde".

Schonungslos offen, aber gleichzeitig augenzwinkernd stellt sich Hitchens in seinen gut 670-seitigen Memoiren vor: Sohn eines strengen Offiziers und einer freigeistigen Mutter, die sich in den Armen eines Liebhabers in einem Athener Hotel das Leben nimmt. Erst nach ihrem Tod erfährt Hitchens, dass die Frau, die ihn im christlichen Glauben erzog, selbst aus einer jüdischen Familie kam.

Von den Trotzkisten zu den Neoliberalen

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schildert er die ersten sexuellen Erlebnisse im Jungen-Internat. Während seines Studiums an der renommierten Oxford-Universität geht Hitchens mit den Trotzkisten auf die Straße. Er wird mehrfach bei Protesten gegen den Vietnamkrieg festgenommen und pflückt als Linksintellektueller Kaffeebohnen in Kuba. Fast zur gleichen Zeit besucht er mit einer Clique von Freunden teure Restaurants und macht der konservativen Margaret Thatcher beim Cocktail seine Aufwartung.

Die Terroranschläge des 11. September 2001 veranlassen Hitchens, damals bereits als Journalist in Washington, zum Bruch mit der Linken. Er nimmt die US-Staatsbürgerschaft an, verbrüdert sich mit den Neokonservativen um Paul Wolfowitz und propagiert den Irakkrieg. Gleichzeitig pflegt er seine Freundschaft mit Kollegen wie dem Islam-Gegner Salman Rushdie ("Satanische Verse") und der New Yorker Polit- und Sozial-Essayistin Susan Sontag.

"The Hitch" ist packend geschrieben, spritzig und liebenswürdig. Es bietet die Beobachtungen und Ansichten eines bemerkenswerten Einzelgängers, der keine Mühe scheut, seine politischen Ausschläge nach links und nach rechts verständlich zu machen.

Gisela Ostwald/DPA / DPA