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"Unterwegs im Namen des Herrn" Thomas Glavinic ist dann auch mal weg


Ist es die Sehnsucht nach Gott oder einfach nur eine Midlife-Crisis? Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic hat sich auf Wallfahrt begeben. Seine Erlebnisse lesen sich zwar amüsant - auf seiner Suche ist der 39-Jährige jedoch keinen Schritt weiter.

Schon die Anfahrt ist ein Schock. "Es wird bis zur slowenisch-kroatischen Grenze gebetet", verkündet der Reiseleiter den Pilgern auf dem Weg zum Wallfahrtsort Medjugorje in Bosnien-Herzegowina. Und er meint es wörtlich - wie Schriftsteller und Mitpilger Thomas Glavinic entgeistert feststellt. "In GANZ Slowenien muss gebetet werden" - also 150 Kilometer Busstrecke lang. Für sein neues Buch "Unterwegs im Namen des Herrn" ist der Österreicher, der sich selbst als "nicht gläubig" bezeichnet, auf Pilgerfahrt gegangen - aus Neugier und aus einer Sinnkrise heraus.

Das Ziel seiner Reise ist klar: "Ich will sehen, welche Menschen Pilgerreisen unternehmen, und ich will erfahren, wie es auf einer solchen Reise zugeht. Ich will Menschen in ihrem Glauben erleben, vielleicht auch, weil ich sie irgendwo tief in mir drin darum beneide." Doch der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller geht von Anfang an halbherzig an die Sache heran. "Eigentlich wollte ich nach Lourdes fahren, aber da dauern sowohl Fahrt als auch Aufenthalt noch länger, und man muss es ja nicht übertreiben." Also fährt er mit Freund Ingo in den abgelegenen bosnischen Wallfahrtsort Medjugorje, wo 1981 drei Hirtenkindern die Jungfrau Maria erschien.

Zu viele Gebete, zu wenig Essen

Aber schon auf der 14-stündigen Hinfahrt passt den Beiden gar nichts: Zu viele Gebete, zu wenig Essen. Für seine Mitpilger und den Reiseleiter hat der Schriftsteller hauptsächlich spöttische Bemerkungen übrig, nennt sie "Lilliputaner", "Kappenmann" oder "Fundamentalistenmutter". Glavinic versucht gar nicht erst mit ihnen ins Gespräch zu kommen, beschreibt sich als "viel zu träge" und "desinteressiert". In Medjugorje angekommen, beschwert sich Glavinic hauptsächlich über die Hotels. An den Messen und Wallfahrten nimmt er nicht teil und reist schließlich kränkelnd und frustriert mit Freund Ingo frühzeitig wieder ab.

Schon in der Mitte des Buches wird mehr als deutlich, dass Glavinics Suche erfolglos bleiben wird. "Ich denke an all das, was ich in Medjugorje erlebt habe, und bin ein wenig traurig, weil ich nicht klüger bin als vor meiner Reise", schreibt er nach einer turbulenten Heimreise, die im Buch noch einmal genau so viel Raum einnimmt wie die Wallfahrt, konsterniert. Vielleicht sei das Ganze ja auch nur eine Midlife-Crisis gewesen.

Widerwillige Wallfahrt

Glavinics Reiseerzählungen sind amüsant und unterhaltsam zu lesen. Gemessen an seiner Zielsetzung bleibt das Buch jedoch deutlich zu oberflächlich. Der 39-Jährige gibt sich auch nicht nur ansatzweise Mühe, seine Mitpilger zu verstehen und bietet so auch dem Leser nur einen sehr kleinen Einblick in diese sehr eigene Welt. Er schafft es nicht, den Graben zu überwinden und macht seine widerwillige Wallfahrt so zu einer Geschichte des eigenen Scheiterns. "Ich habe keine Ahnung, woran die Menschen glauben, die ich in Medjugorje getroffen habe. (...) Ich weiß, dass ich von Geburt an von ihnen getrennt bin und dass ich mich immer danach sehnen werde, einer von ihnen zu sein, irgendwie."

Christina Horsten/DPA DPA

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