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"Unwort des Jahres": Mitnahme-Mentalität gegen Öko-Stalinist

Auf der Suche nach dem "Unwort des Jahres" ist eine Jury auf sprachliche Missgriffe und verbale Entgleisung gestoßen. Schröders "Mitnahme-Mentalität" ist einer der großen Anwärter auf den Titel.

Die Formulierung "Mitnahme-Mentalität" stammt aus einer von Bundeskanzler Gerhard Schröder angestoßenen Debatte über den Sozialstaat. Die "Mitnahme-Mentalität" sei dabei nur einem bestimmten Teil der Bevölkerung angelastet worden, sagte der Sprecher der "Unwort"-Jury, Prof. Horst-Dieter Schlosser Diejenigen, die das meiste mitnähmen, seien jedoch nicht kritisiert worden.

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Schröder hatte einer Zeitschrift gesagt, dass es in Ost wie West eine Mentalität bis weit in die Mittelschicht hinein gebe, staatliche Leistungen mitzunehmen, wo man sie kriegen könne. "Die 'Mitnahme-Mentalität' ist natürlich gezüchtet worden im Laufe der Zeit; und man hatte schreckliche Vorbilder", urteilte Schlosser. Als Beispiel nannte der Germanistik-Professor Leute wie den ehemaligen Mannesmann-Konzernchef Klaus Esser, "die ja nun eine ganze Menge mitgenommen haben unter Zustimmung von Gewerkschaftsführern sogar".

Gute Chancen, zum 14. "Unwort" gekürt zu werden, hat nach Angaben Schlossers auch der Begriff "Öko-Stalinist". So hatte CSU-Landesgruppenchef Michael Glos im Februar Bundesumweltminister Jürgen Trittin bezeichnet. Auch "Armutsgewöhnungszuschlag" sei "Unwort"-verdächtig, sagte Schlosser. "Wenn die Armut zuschlägt, muss man sich noch daran gewöhnen." Allerdings sei die Quelle für diesen Vorschlag noch nicht ganz klar.

1520 Einsendungen sind seit Beginn der "Unwort"-Suche im Oktober eingegangen, etwa 50 Prozent mehr als sonst um diese Zeit. Unter einem "Unwort" versteht die sechsköpfige Jury Formulierungen oder Wörter, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Bis zum 9.Januar können weitere Vorschläge mit Angabe der Quelle eingereicht werden, am 18. Januar wird die Entscheidung bekannt gegeben.

DPA / DPA