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"Verbotene Oper": Cecilia Bartolis römische Entdeckungsreise

Wie wenige Sängerinnen versteht es Cecilia Bartoli mit ihren Arien das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Auf ihrer neuen CD "Opera proibita" geht die 39-jährige Mezzosopranistin auf Spurensuche durch das barocke Rom.

Sie ist Entdeckerin neuer Musikwelten: Cecilia Bartoli hat mit unbekannten Werken von Antonio Vivaldi, Christoph Willibald Gluck und Antonio Salieri Millionen CDs verkauft. Mit ihren Klassik-Raritäten hat die Italienerin ein weltweites Publikum gewonnen. Wie wenige versteht es die 39-jährige Mezzosopranistin, mit ihren Arien Leid und Freud, Trauer und Zuversicht zu verkörpern und das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Auf ihrer neuen CD "Opera proibita" (Decca) mit Kompositionen von Georg Friedrich Händel (1865- 1759), Antonio Scarlatti (1660-1725) und Antonio Caldara (1670-1736) geht Bartoli auf Spurensuche durch das barocke Rom und ist erweist ihrer Heimatstadt damit eine musikalische Reverenz.

"La Gioiosa", die Freudenbringerin, wie Bartoli von ihren Landsleuten genannt wird, blickt auf die ersten Jahre des 18. Jahrhunderts zurück, als in Rom die Kirche das letzte Wort hatte und die Kardinäle auch jenseits der Vatikan-Mauern als Sittenwächter auftraten. In jenen Jahren war die Oper so gut wie aus dem öffentlichen Leben Roms verschwunden. Die Purpurträger sahen die darstellenden Künste als Ausdruck lasterhaften Lebens. Zum Heiligen Jahr 1702 bestätigte Papst Clemens XI. ein Aufführungsverbot seines Vorgängers Innozenz XII. 1706 kam Händel nach Rom und musste sich dem Verbot beugen.

Dabei zählte der Opernbesuch zur Lieblingsbeschäftigung von Kardinälen und Bischöfen. Immer wieder sah man Mitglieder des Klerus im Theater neben Kurtisanen und Kastraten. "Vor allem Kardinäle, die Oper liebten, waren mit der Entscheidung des Vatikan unzufrieden", berichtet Bartoli. Mäzene wie Fürst Francesco Maria Ruspoli sowie die Kardinäle Pietro Ottoboni und Benedetto Pamphilij unterstützten die Musiker. Niemand konnte die Potentante daran hindern, die Werke in ihren Palästen privat aufführen zu lassen.

Die Erotik ist hautnah zu spüren

Zur Tarnung wurden Leidenschaft und Sinnlichkeit der Oper in die strengeren Formen des Oratoriums versteckt. Doch die Komponisten wollten die Lust aus ihrer Musik nicht verbannen. "Sie brauchten eine Menge Fantasie und Kreativität, um vor den strengen Augen der Kirche zu bestehen", sagt Bartoli. Die Erotik etwa im Dialog zwischen der "Schönheit" und der "List" aus Händels Oratorium "Der Triumph der Zeit und der Ernüchterung" ist bei Bartoli hautnah zu spüren. Händels Arie "Lascia la spina, coglie la rosa", von Bartoli geradezu geflüstert, ist ein Ohrwurm, einfühlsam begleitet vom Ensemble "Les Musiciens du Louvre" mit dem Dirigenten Marc Minkowski. In Scarlattis "Alta Roma" schmettert Bartoli manieriert Kolloraturen, die weich wie Watte, zart und verführerisch klingen.

Auf die Idee der "verbotenen Opern" kam Bartoli durch Zufall. Vor drei Jahren sollte sie in Zürich die Titelpartie in der Haydn-Oper "Armida" singen. Dirigent Nikolaus Harnoncourt musste absagen und so waren ein neues Werk und ein neuer Dirigent nötig. Da erinnerte sich Bartoli an Händels "Triumph", das sie dann mit Minkowski auf die Bühne brachte.

Wie bei Fellini

Für die neue CD bemühen die Produzenten eine historische Parallele zum 20. Jahrhundert: Wie in der Zeit der allmächtigen Päpste seien die Römer auch in den 50er Jahren von Pius XII. misstrauisch beäugt worden. Nach dem Tod des strengen Pontifex kehrte das Nachtleben in die "Ewige Stadt" zurück. Und so erscheint "la Bartoli" in dem üppigen Booklet als Italo-Diva in schulterfreiem Kleid und wie in der wohl berühmtesten Szene von Federico Fellinis "Dolce Vita" stellt sie sich vor sprudelndes Wasser - ganz wie einst die blonde Anita Ekberg in ihrem legendären Bad im Trevi-Brunnen. (Cecilia Bartoli, "Opera Proibita", Les Musiciens du Louvre - Marc Minkowski, Decca)

Esteban Engel/DPA / DPA