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Cecilia Bartoli: Mit der Stimme malen

Cecilia Bartoli hat es mit ihrer ausdrucksstarken Stimme und ihrer energischen Bühnenpräsenz bis an die Spitze der internationalen Opernszene geschafft. Ihr aktuelles Album „Maria„ widmet sie der ersten großen Diva der Operngeschichte: Maria Malibran.

Frau Bartoli, Sie widmen Ihr aktuelles Album und Ihre Konzerttournee der ersten und größten Operndiva des 19. Jahrhunderts. Was fasziniert Sie an Maria Malibran?

Maria war die erste wahre Diva – im positiven Sinne: extravagant, mit eigenem Stil. Sie hat sich auf der Bühne ausgelebt und die Musik genauso aufgeführt, wie sie sie fühlte. Sie war die erste, die auf der Bühne ihre Emotionen zeigte und diese mit dem Publikum teilte. In kürzester Zeit eroberte sie die angesehensten Konzertbühnen Europas und wurde sogar der erste richtige Opernstar in den USA. Sie war unglaublich frei! Auch privat: Sie war ein Symbol der Emanzipation! Sie war nicht nur eine hervorragende Sängerin, sondern sie malte auch, sprach mehrere Sprachen, trug - damals für eine Frau sehr gewagt - Hosen und wollte die Revolution. Das war einzigartig! Sie war die neue Frauenfigur. So viele Menschen haben sich in sie verliebt... Nicht nur das Publikum, sondern auch große Musiker und Komponisten dieser Zeit wie Chopin, Liszt, Bellini, Mendelssohn... Einfach jeder!

Malibrans Leben war aber nicht nur glamourös, sondern auch tragisch...

Ohne Frage! Es heißt, dass ihr Vater, der sie im Gesang unterrichtete, ihr das Singen buchstäblich eingeprügelt haben soll. Um ihm zu entkommen flieht sie bereits als Teenager in die Ehe mit einem fast dreißig Jahre älteren Mann, den sie später verlässt, um mit ihrem Liebhaber, einem jungen belgischen Stargeiger, in wilder Ehe zusammenzuleben. Sie hat einfach mit den Konventionen der damaligen Zeit gebrochen! Sie hat die Menschen damals geschockt und zugleich fasziniert. Sie war eine Ikone der Emanzipation und hat einfach gemacht, was sie wollte.

Wie nah fühlen Sie sich der Sängerin, die vor 200 Jahren in Paris als Spross der weltbekannten spanischen Musikerdynastie García geboren wurde?

Es gibt Parallelen im Repertoire und in der Art, wie wir aufwuchsen. Ich komme aus einer Musikerfamilie, genau wie sie. Ihr hat der Vater das Singen beigebracht, mir meine Mutter. Und es gibt auch Ähnlichkeiten bei der Stimme: Sie war ein Mezzosopran und ich bin auch ein Mezzosopran. Sie war allerdings fast mehr Kontraalt, sie konnte auch in den tiefen Registern singen. Darüber hinaus spielte Maria Malibran noch viele verschiedene Instrumente - da kann ich nicht mithalten. Und was uns definitiv unterscheidet: Ich reite nicht gerne. Ich habe das ein-, zweimal ausprobiert und werde es nicht wieder tun...! (lacht)

An einem Reitunfall ist Maria Malibran mit nur 28 Jahren schließlich auch gestorben. Dem Glamour ihrer Opernkarriere stand stets die Tragik ihres Privatlebens gegenüber. In Ihrem Leben, Frau Bartoli, scheint alles etwas geschmeidiger zu laufen...

In meinem Leben hat es auch dunkle Momente gegeben: Ich habe Menschen verloren, die ich geliebt habe, ich habe Familienangehörige verloren. Aber da ich beschlossen habe, mein Privatleben auch privat zu halten, wissen viele Leute einfach nicht, was in meinem Leben passiert. Aber in jedem Leben und in jeder Karriere gibt es glückliche Momente und dunkle Momente.

Braucht man als Opernsänger Tragödie im eigenen Leben, um Oper überhaupt glaubwürdig singen zu können?

Nein! Sie brauchen überhaupt keine Tragödie. Um Oper singen zu können, müssen Sie Musiker sein. Musiker und Schauspieler. Sie müssen die Musik ausfüllen, Sie müssen der Musik dienen: In dem Moment, in dem Sie eine Rolle spielen, sind Sie tatsächlich diese Figur auf der Bühne. Um ein Opernsänger zu sein, muss man mit der Stimme malen.

Was unterscheidet Sie, als populäre Opernsängerin unserer Zeit, von Maria Malibran und ihrer Erfolgskarriere vor 200 Jahren?

Maria Malibran war ein Popstar! Wir können ihre Karriere vielleicht mit dem eines Hollywoodstars vergleichen wie Marilyn Monroe, oder mit Michael Jackson oder Madonna. So populär war sie. Meine Karriere hingegen ist eher eine klassische Opernkarriere. Ich bin eben kein Popstar.

Aber Sie waren mit Ihren Alben schon öfters in den internationalen Popcharts. Das ist für eine klassische Musikerin eher ungewöhnlich...

Ich bin in den Charts, das stimmt! (lacht) Heißt das jetzt, dass ich mich als Popsängerin betrachten müsste? Popklassik vielleicht?

Nun ja, Sie waren in diesem Jahr auch bei der Popkomm in Berlin zu Gast, Deutschlands größer Musikmesse...

Ja, dort war ich, weil mein aktuelles Projekt ein sehr modernes und innovatives ist: Mein Musikalbum und meine Konzerttournee werden von einer Ausstellung begleitet, die Erinnerungsstücke an Maria Malibran zeigt. Das Ganze wird in einem LKW präsentiert. Das ist ganz neu: ein mobiles Museum. Deswegen war ich auf der Popkomm. Außerdem geht es hier schließlich um "den" Popstar des 19. Jahrhunderts. Mit Malibran hat alles angefangen!

Ihr Malibran-Projekt birgt ein gewisses Risiko: Sie haben viele unbekannte Musikstücke ausgewählt. Waren Sie sich von Anfang an sicher, ein breites Publikum dafür zu begeistern?

Angst ist ein schlechtes Rezept fürs Leben! Ich liebe das Risiko, weil ich an die Kraft der Musik glaube, vor allem an die Kraft der Botschaft dieser Musik. Deswegen glaube ich an die Musik von Mendelssohn, Pacini und Bellini. Und da diese Musik zu mir spricht, bin ich mir sicher, dass sie auch zu anderen Menschen spricht. Deswegen riskiere ich etwas. Ich habe einige wirkliche Perlen der Musik entdeckt, die müssen einfach geteilt werden. Außerdem habe ich auch eine kulturelle Botschaft: Dieses Projekt ist Teil unserer Kultur, unserer musikalisch kreativen Geschichte. Vor diesem Hintergrund findet sich immer Publikum, dass sich dafür interessiert - auch wenn die Werke zunächst eher unbekannt sind.

Was ist Ihnen das Wichtigste in Ihrem Leben?

Das ist eine sehr philosophische Frage. Letztendlich geht es darum zu lernen, seine Energie auf die Dinge zu konzentrieren, an denen man wächst - intellektuell wie spirituell. Und, ganz wichtig: verliebt sein... Verliebt sein ist extrem wichtig im Leben!

Verliebt sein in eine Person, in die Musik, oder überhaupt...?

Ganz allgemein. Das ist wirklich wichtig, weil es Dir mehr Energie gibt und Motivation. Die Liebe ist der Balsam des Lebens: "L´ amore è il bálsamo della vita." - Auf italienisch hört sich das ganz selbstverständlich an! Und es stimmt wirklich: Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, wie wichtig es ist zu lieben und Liebe zu teilen.

Wenn Sie nicht der Musik oder Ihrer Sammlerleidenschaft nachgehen, womit verbringen Sie Ihre Zeit?

Ich genieße das Leben! Ich habe gute Freunde, wir gehen ins Kino, zu Konzerten, und ich liebe es, für sie zu kochen.

Was ist Ihre Spezialität?

Ich kann gut Pasta zubereiten - hausgemachte Pasta selbstverständlich.

Wenn Sie die Zeit 200 Jahre zurückdrehen und Maria Malibran persönlich treffen könnten: Was würden Sie gerne von ihr wissen, ihr sagen, mit ihr machen?

Ich möchte nicht banal klingen - aber ich würde wahnsinnig gerne ihre Stimme hören! In meiner aktuellen Arbeit dreht sich alles nur darum: über die Musikstücke ihre Stimme zu rekonstruieren, um sie sich vorstellen zu können. Jetzt fehlt nur noch eines: Bitte sing für mich! (fleht händeringend) Einfach nur die Augen schließen und diesem wundervollen Instrument lauschen... Und natürlich würde ich sie auch gerne einmal auftreten sehen.

Maria Malibran hatte ein sehr aufregendes Leben. Sie selbst haben spannende musikalische Projekte, aber man weiß nur wenig über private Abenteuer... Ist das nichts für Sie, oder halten Sie das einfach gut geheim?

Natürlich habe ich private Abenteuer! Aber die sind eben privat! Nur so kann man auch weiterhin seine persönlichen Abenteuer haben: Indem man sie geheim hält... (Augenzwinkern)

Interview: Bianca Kopsch