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Sir Simon Rattle: Der Sound von Simon

Was passiert, wenn ein Wunder an Charme und der nobelste Klangkörper des Landes aufeinander treffen? Seit Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern ist, feiert die Welt den Honeymoon von Dirigent und Orchester.

Von Christine Claussen

Eine Sekunde kann eine Ewigkeit sein. "Takt 117", sagt Simon Rattle am Pult, "Pizzicato!" Pizzicato, das Zupfen: bak!, der Saiten statt sie zu streichen - wie oft haben sie darüber schon gelacht. Weil die Streicher regelmäßig diese eine Sekunde zu spät kommen dabei und nicht zusammen und zu wuchtig. Komisch ist das. Jedes Orchester bringt das Pizzicato auf Anhieb, und gerade dieses, dem man alles und noch mehr zumuten kann, tut sich so schwer damit. "Babababa-bak", versucht Rattle es noch einmal, "spielen Sie es leichter, nicht wie George Bush in China!"

Ein sonniger Tag zwischen Herbst und Winter. Draußen leuchtet die Berliner Philharmonie wie eine Riesenkonfektschachtel neben der Einerlei-Architektur des Potsdamer Platzes, drinnen proben die Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten. Im Dunkel des Großen Saals sitzt nur der uralte Michel Schwalbé, der legendäre Konzertmeister, in der fünften Reihe wie stets. Gebeugt und gebrechlich, aber hellwach, lässt der greise Schwalbé sich kein einziges Rattle-Konzert, keine Probe entgehen. Das Podium ist erleuchtet, kleines Orchester. Flöte, zwei Oboen, zwei Fagotte, je zwei Hörner und Trompeten, Pauken, Streicher, alle in Freizeitkleidung. Sie proben fürs Abendkonzert: Haydn-Symphonien Nr. 67 und 90, eine Kantate von Haydn, eine Arie von Gluck, beides mit Cecilia Bartoli.

Und wie sie proben. Sie sitzen auf der Stuhlkante, spielen wie die Teufel, lächeln und grinsen, auch wenn es mit dem Pizzicato noch immer nicht klappt. Weil sie den Mann auf dem Podest, der seit einem Jahr ihr Chef, Trainer und Inspirator ist - weil sie diesen Simon mit den weißen Locken und dem Mozartlächeln einfach lieben. Weil er, wie ein Hornist sagt, "ein Glücksfall ist, das Beste, was uns passieren konnte".

Als der 48-jährige Brite vor einem Jahr kam, war die ganze Stadt mit "Welcome Sir Simon!"-Plakaten bepflastert - dergleichen gab's nicht mal bei Karajan. Der Taxifahrer, der ihn in die Stadt fuhr, sagte: "Wir warten schon auf Sie, Mr Rattle!" Und kaum hatte Sir Simon seinen Einstand gegeben, da ging ein Ruck durch Deutschlands nobelsten Klangkörper. Heiterste Aufbruchstimmung machte sich breit, fast Euphorie.

Gemeinsam eilen die Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten seitdem von Erfolg zu Erfolg. Ein unglaublicher Kommunikator sei er, sagen sie von Trompete bis Bass, charmant, menschlich, klug, einer, der seine Vorstellung von Klang glänzend vermitteln kann. Wie der probt, das haben sie lange nicht mehr erlebt. Ist exzellent vorbereitet. Weiß um die Besonderheiten jedes Instruments. Gibt allen das Gefühl, gleich wichtig zu sein. Lacht, witzelt und weiß genau, was er will.

Gibt es das denn? Aufbruch, Feuer, reine Zukunftsmusik - in dieser Zeit? In der Theater, Opernhäuser und Orchester sich missachtet fühlen von einer Bohlen-süchtigen Spaßgesellschaft, finanzklamm "Weh!" heulen und von einer Depression in die nächste schliddern? In den vergangenen zehn Jahren wurden in Deutschland mehr als 1800 Musikerstellen gestrichen und 29 öffentlich subventionierte Opern- und Konzerthäuser geschlossen. Aber dieses hier, das steht glänzend da. Es ist gerade drei Jahre her, da rissen sich der Bund und das Land Berlin darum, wer dies Orchester in Zukunft finanzieren dürfe. Weil die Philharmoniker das erste Orchester der Republik sind, das beste der Welt, das kulturelle Aushängeschild Deutschlands.

Er sei in echter Panik

gewesen, sagt Rattle und grinst, als er 1987, gerade 32, sein Debüt in Berlin gegeben habe. Der Wunderknabe, der mit elf Jahren wusste, dass er Dirigent werden wollte, hatte zwar schon damals jede Menge Meriten vorzuweisen, vor allem das "Wunder von Birmingham". Alle Welt schaute auf die nordenglische Metropole, deren verlottertes städtisches Orchester der blutjunge Maestro, immun gegen Dirigenten-Jetsetting, in Jahren beharrlicher, hingebungsvoller Arbeit zur ersten Musikadresse des gesamten Inselreichs gemacht hatte.

Aber die Berliner Philharmoniker dirigieren! Das Karajan-Orchester. Den philharmonischen Elitetrupp, selbstbewusst, elitär und umweht von erhabener Tradition. Den mit dem unverwechselbaren, energiegeladenen "deutschen" Sound: erdiger Tiefe, der Wärme der Streicher, der Farbenpracht der Holzbläser - jener spezifische Klang, der sich über die Generationen tradiert, keiner weiß, wie das kommt. Sodass die 30-jährigen Streicher noch heute das Pizzicato mit dieser kleinen Verzögerung spielen, wie vor mehr als einem halben Jahrhundert Wilhelm Furtwängler es wünschte.

Aber als Rattle, der umworbenste Dirigent des Planeten, vergangenen Herbst wiederkam, nein, da wollte er nicht mehr sterben, da war er "just terrified" von der Aussicht, die deutsche Nationalmannschaft der Musik zu leiten. "In anderen Orchestern gibt es vielleicht fünf, sechs unverwechselbare starke Charaktere", schwärmt er. "Aber hier ist jeder ein John Malkovich." Ein atemberaubendes Niveau hätten sie, "man muss sie nicht motivieren. Im Gegenteil: Man öffnet einen Käfig, und lauter wilde Tiger springen heraus".

128 Tiger sind es

im Ganzen. Sie kommen aus A wie Australien bis V wie Venezuela, 83 haben einen deutschen Pass, 15 sind Frauen. In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich stark verjüngt - das Durchschnittsalter liegt heute bei 40 Jahren, der jüngste, Edicson Ruiz aus Caracas, ist gerade 18 geworden. Sie sind so gut, dass viele von einem Solistenorchester sprechen.

Das liegt vor allem am strengen Auswahlverfahren. Wer es schafft, Aufnahme in Deutschlands Eliteband zu finden, darf sich mit Fug und Recht als "Erwählter" empfinden: für eine Violinen-Stelle gab es unlängst rund 150 Bewerber. 52 wurden zum Probespiel eingeladen, 13 zum Hauptprobespiel vor dem gesamten Orchester. Der eine, der besteht, ist damit mitnichten schon ein Philharmoniker. Das wird er erst, wenn sich das Orchester nach zwei Jahren Probezeit mit Zweidrittelmehrheit dafür entscheidet - dann freilich auf Lebenszeit.

Die Musiker bestimmen auch ihren Chefdirigenten selbst. Zudem lenken zwei Orchestervorstände neben Dirigent und Intendant (die Stelle ist derzeit vakant) die Geschicke des Hauses. Kein anderes Orchester verfügt über so weitreichende Rechte - ein Erbe seiner Geschichte, die mit einer Revolte begann: 1882 kündigten 54 Musiker des königlichen Musikdirektors Benjamin Bilse diesem die Gefolgschaft auf, weil Bilse seine Kapelle bei einer Polenreise bloß Holzklasse fahren lassen wollte. Die 54 schworen sich zusammenzubleiben und fanden in Hans von Bülow ihren ersten Chefdirigenten. Illustre Maestri folgten - in 120 Jahren waren es im Ganzen nur sechs. Nach Bülow kamen Artur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Claudio Abbado - und nun der Engländer Simon Rattle.

Die Philharmoniker

haben sich die Wahl ihres jüngsten Dompteurs nicht leicht gemacht. Sie hatten viel Zeit, nachdem Abbado schon 1998 bekannt gab, er werde sich vier Jahre später zurückziehen. Sie schätzten die Verdienste des vornehm nachdenklichen Italieners, der das Karajan-Orchester geöffnet hatte, es verjüngt und ihm in Maßen ein modernes Repertoire erschlossen hatte. Doch sie wussten auch, dass sie mit dem introvertierten Maestro in eine intellektuelle Nische geraten waren. Nach Jahren mit Abbado, der erst abends im Konzert aufblühte und bei dessen fahrig-wortkargen Proben, wie der "Spiegel" schrieb, "der ganze Laden mitunter feixte wie eine Schulklasse mit einem konfusen Pauker", sehnten sie sich nach Führung und Klarheit. Sie wussten: Die Seele fehlt ihnen.

Als es schließlich "Habemus papam!" rauchte aus der Philharmonie, war es der urmusikalische Rattle geworden, der Popstar unter den Dirigenten, der pfiffigste, offenste. Der Mann mit der betörend warmherzigen Ausstrahlung und dem eisernen Willen stellte ein paar Bedingungen und kam, weil er für klare Verhältnisse war, erst, als sie erfüllt waren: kein Doppelleben des Orchesters mehr, das als "Berliner Philharmonisches Orchester" nachgeordnete Behörde des Kultursenators war und als "Berliner Philharmoniker" eine private Gesellschaft, deren lukrative Erträge im Plattengeschäft direkt in die Taschen der Musiker flossen. Und das Orchester sollte eine Stiftung werden. Ein echter Coup: Obwohl die Philharmoniker weiter subventioniert werden, sind sie die staatliche Bevormundung jetzt los.

Und der Laden läuft: ausverkaufte Konzerte, Wartezeit für ein Abonnement bis zu vier Jahren. Während bei anderen Orchestern die Refinanzierungsquote um die 15 Prozent liegt, erwirtschaftet die Berliner Spitzenband mehr als die Hälfte ihres 30-Millionen-Etats selbst - mit Kartenverkäufen, Vermietungen des Großen und des Kammermusiksaals. Und wenn das Orchester, um das sich alle reißen, von Tourneen heimkehrt - gerade kam es von einer umjubelten USA-Reise zurück-, dann hat es nicht wie andere ein weiteres Defizit angehäuft, dann kommt noch ein Batzen dazu. Mit der Deutschen Bank hat es zudem einen mächtigen Sponsor.

Als die Philharmoniker kürzlich unter Rattles Leitung "Surrogate Cities" von Heiner Goebbels gaben, da war Hans Scharouns güldene Konzertschachtel kaum wiederzuerkennen. Im kühlen, wenig einladenden Foyer, in dem man sich stets verläuft auf der Suche nach seinem Platz in Block A, B, G oder E, ist der Teufel los. Menschen drängen sich um eine Riesenleinwand, auf der grelle Großstadtszenen aufzucken, vom Sampler kommt Hupen, Flugzeug- und Baustellenkrach, ein Orchester aus Schülern des Friedrich-Engels-Gymnasiums und ein paar Philharmonikern paukt, bläst, fiedelt dazu. Und am Rand hockt Sir Simon, als müsste er nicht in zehn Minuten das Konzert im Großen Saal dirigieren, und lächelt versonnen.

So wünscht er es sich, sein "Education"-Projekt. Ein pädagogisches Zukunftsprogramm, das die Philharmoniker hinaus in die Stadt führt, in Schulen, Krankenhäuser, zu Behinderten und an sonstige soziale Brennpunkte, zum Unterrichten und Musizieren; das Kinder und Jugendliche - Deutsche, Türken, Russen und Araber - mit selbst gestalteten Vorprogrammen zu den Philharmoniker-Konzerten hineinzieht in dieses Haus, das sie sonst niemals beträten.

Kurz darauf beginnt

das "echte" Goebbels-Konzert. Und wer gedacht hatte: Heiner Goebbels - who? Zu modern, da kommt keiner, sah sich getäuscht. Randvoll ist der Saal, 2400 Plätze - junge Leute, Pärchen, viele, die zum ersten Mal da sind. Der ganze Saal kommt ins Swingen über Goebbels' jazzig-rockiger Großstadt-Collage, einer Mixtur aus Heavy Metal und Miles Davis, Scarlatti-Sonaten und den Gesängen jüdischer Kantoren. Und als das Spektakel zu Ende ist, da johlt und pfeift es, als sei es ein Pop-Event.

Nicht wenige Musiker waren skeptisch gewesen vor diesem Konzert in den heiligen Hallen der Philharmonie, manch ein John Malkovich lehnte das eklektische Goebbels-Werk sogar rundheraus ab. Aber der Erfolg überzeugte sie, und vor allem - sie vertrauen Rattle immer mehr in dem, was er tut. Ihm trauen sie zu, aus der Philharmonie ein Unternehmen Zukunft zu machen.

Als Rattle die Programme der vergangenen 20 Jahre studierte, stellte er gähnende Leere in Sachen Haydn, Mozart, Barock und bei den Zeitgenossen fest, in Überdosis hingegen die drei großen B: Beethoven, Bruckner, Brahms. "Und Mahler! Mahler haben sie so oft gespielt, es war wie eines dieser "So viel Sie essen können"-Buffets." Warum das so war? "Weil alle Dirigenten mit diesem Orchester "Brandenburger Tor" spielen wollen", sagt Rattle und lacht, "und das sind immer die gleichen 20 Stücke, die mehr oder weniger laut enden."

Damit ist Schluss. Statt eines gediegen in sich selbst zirkulierenden Spielvereins mit abgehangenen Oldies und grau gewordenem Abonnementspublikum will Rattle ein offenes Haus, in dem es alles gibt - von Barock bis zum Jazz eines Duke Ellington. Kaum war er da, mottete er fürs Erste die alten Hausgötter ein und spielte stattdessen Messiaen, Debussy und britische Jungstars. Und Joseph Haydn natürlich, für Rattle der Beste von allen: "Bevor wir alle in der Hölle enden, möchte ich mit ihm zu Abend essen."

Freitagabend, wenige Minuten vor Konzertbeginn. Die letzten Besucher haben in den Großen Saal gefunden - auf die berühmten "Weinbergterrassen", jene schwebenden Sitzblöcke, die der Architekt Hans Scharoun im Geniestreich übereinander gestapelt ums Podium in der Mitte gruppierte und die dem Saal trotz seiner Größe Wärme, fast etwas Intimes verleihen. Im Musikerfoyer hinter der Bühne eilen schwarz befrackte Geigen, Celli, Hörner und Oboen zwischen mattsilbrigen, riesigen Instrumentenkästen hindurch, im Streicherzimmer bricht eine letzte Bratsche ihre Dehnübungen ab. "Die Damen und Herren des Orchesters, bitte Platz nehmen", kommt die Lautsprecheransage. Als das Orchester sitzt, wird es dunkel im Saal. Der Konzertmeister gibt den Kammerton vor, 443 Hertz, minutenlang singt, jault und brummt es wüst durcheinander. Es ist genau 20 Uhr drei, da eilt leichtfüßig Sir Simon herein, verneigt sich in die Bravos und fängt sofort an.

Seit Rattle da ist, sitzt man im VIP-Block A allenfalls noch, um auf Tuchfühlung mit Sandra Maischberger oder den Weizsäckers zu sein. Seit Rattle da ist, sind die folterharten Holzbänke hinter dem Orchester stets als erste vergeben. Weil man von hier nicht bloß seinen Rücken hat, sondern Darling Simon von vorn. Weil man hier sehen kann, wie sein Gesicht über Haydn und Gluck in die reinste Lust und Verzückung gerät und wie der Mann seine Malkovich-Band und die hummerfarben gewandete Bartoli damit befeuert. Auch wer nie gelernt hat, Noten zu lesen und bei dem es daheim bloß Fernsehen und keine Hausmusik gab - von den Holzbänken aus wird noch der letzte Klassikignorant zum Connaisseur.

Weil Simon Rattle so dirigiert, dass man die ganze Herrlichkeit, Raffinesse und Komik dieses Haydn-Konzerts von seinem Körper ablesen kann, seinem Wippen und Wiegen, Sich-Aufbäumen, Krümmen und Zucken. "Bislang ging es in der Philharmonie gesittet zu", schrieb unlängst ein (weiblicher) Fan, "künftig werden wir die Bühne stürmen. Wir werden einen Rattle-Starschnitt in der "Opernwelt" durchsetzen und einen Gastauftritt in "Sex and the City"."

Als alles vorbei ist,

der Jubel und die Bravos für die Bartoli, für Rattle und das Orchester, da ist hinter der Bühne als Erster der uralte Schwalbé zur Stelle, der legendäre Konzertmeister, und gratuliert. Und Georg Faust, erster Solocellist, lächelt und sagt, während er sein Instrument im Kasten verstaut: "Im letzten Jahr haben wir mit Simon unglaublich beschleunigt. Jetzt sind wir kurz davor abzuheben. Und in zwei, drei Jahren, da werden wir über den Wolken sein."