HOME

"Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach?": Mario Levi sucht nach dem gelingenden Leben

Was machen Menschen Anfang 50? Manche sind unerträglich gesettelt. Andere tun so, als wären sie noch einmal jung. Selten wagen sie das, was Mario Levi in seinem neuen Roman erzählt: Die Spuren zu den Träumen und den Freunden ihrer Jugend wiederaufnehmen.

Wer die Orientierung verloren hat, greift heutzutage zum Handy. Der Satellit hilft. Und wer trotz genauer Geodaten immer noch zweifelt, lässt sich Ablenkung anbieten, Kino, Restaurant, Museum. Das Leben bleibt nicht lange leer. Aber Zerstreuung ist nicht das Rezept von Mario Levi. Sein Buch "Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach" baut darauf, dass man Orientierungslosigkeit auch mal aushält, Kritik nicht gleich abwehrt, Niederlagen akzeptiert. Levi nimmt sich dafür viel Zeit. Dank dieser Behutsamkeit wirkt der Roman wie ein langes Gespräch mit einem guten Freund.

Istanbul vor 30 Jahren: Sechs junge Leute sind hier zusammen aufgewachsen, haben eine französischsprachige Schule besucht, bringen ein Theaterstück auf die Bühne. Isaak, der die Geschichte erzählt, ist Jude, wie auch sein Freund Niso und seine Freundin Seli. Die Wurzeln von Yorgos sind griechisch, die von Necmi und Sebnem türkisch. Sie alle haben Flausen im Kopf, wie ihre Eltern das nennen würden, haben Träume, wollen die Welt verbessern, die große Liebe leben, Abenteuer bestehen. Alles scheint möglich.

"Wir haben das Leben verfehlt"

Und dann? Sie stoßen, jeder für sich, an ihre Grenzen, verlieren einander aus den Augen. Bis Isaak die Truppe wieder zusammentrommelt. Gemeinsam blicken sie zurück, schonungslos. "Wir haben das Leben verfehlt, Isi", sagt Necmi, der in den Folterkellern der Militärs litt. Auch bei den anderen schwingt Melancholie mit, wenn sie Bilanz ziehen. Aber keine Wehleidigkeit: Sie schauen einfach dem Leben in die Augen, beschönigen nichts, konstruieren keinen Sinn, wo keiner war, leugnen aber auch nicht die Liebe, wo sie sie erfahren haben.

Levi (53) hat einen ganz eigenen Stil, diese Dialoge zu schildern. Es ist viel vom Theater und vom Film die Rede, aber dieser Roman ließe sich nur sehr schwer auf die Bühne oder die Leinwand bringen. Denn die Gedanken, die der Erzähler Isaak sich während der Gespräche mit seinen Freunden macht, nehmen mehr Raum ein als das Gesagte. Erinnerungen, Spekulationen, Analysen - kein Stein bleibt auf dem anderen. Das braucht viel Zeit, das braucht viel Platz, aber es ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite.

Integration in eine kulturelle Vielfalt

Über all das hinaus öffnet Levi auch noch den Blick für kulturelle Vielfalt. Integration heißt eben nicht, dass alle gleich sein müssen, dass Zuwanderer sich bis zur Unkenntlichkeit anpassen. Levi selbst und sein Erzähler Isaak stammen von Juden ab, die vor 500 Jahren aus Spanien vertrieben wurden und unter anderem in die Türkei zogen - und die sich ihre Religion, ihre Sprache, ihre Küche bewahrten.

Levi verbreitet keine Multi-Kulti-Romantik. Er schildert Antisemitismus in der Türkei, aber auch, wie der Vater der türkischen Jüdin Seli ihre Liebe zum griechischen Türken Yorgos verbietet. Identität ist nicht statisch, nicht angeboren. Man kann sich gegen Identitäten entscheiden oder sie wählen, sagt Isaak: "Es ist richtig, dass der Mensch sich in bestimmten gesellschaftlichen Gegebenheiten als Resultat einer Reihe von Zufällen vorfindet."

Was die Menschen aus diesen Zufällen machen, ob sie den Kampf aufnehmen für ihre Träume, davon handelt der Roman. Die Lebensläufe der sechs Freunde haben eines gemeinsam. Sie zeigen: Es geht nicht darum, diesen Kampf zu gewinnen. Es geht darum, nicht aufzugeben.

Jürgen Hein/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel