Ekrem Imamoğlu
Was der Prozess gegen Erdoğans Rivalen für die Türkei bedeutet

Ekrem Imamoğlu gestikuliert bei einem Empfang im Jahr 2024 mit der rechten Hand
Ekrem Imamoğlu (Archivbild) steht nun in der Türkei vor Gericht
© Oliver Berg / DPA
In der Türkei läuft der Prozess gegen den Ex-Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu. Die Staatsanwaltschaft fordert 2000 Jahre Haft – mit Folgen für die ganze Türkei.

Als der ehemalige Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoğlu den Gerichtssaal in Istanbul betritt, ertönen lauter Beifall und Pfiffe. Er dreht sich unter strengen Blicken der Sicherheitsbeamten um und winkt. Nicht nur die ersten Minuten sind von lauten Zwischenrufen geprägt. Als Imamoğlu wegen formeller Einwände ans Rednerpult tritt, wird er sogleich vom Richter ermahnt. Das Publikum ist empört. Schließlich müssen alle nur kurz nach dem Beginn raus aus dem Gerichtssaal, die Verhandlung wird unterbrochen. Später wird ihm bei weiteren Versuchen das Mikrofon abgestellt – und der erste Verhandlungstag geht vorbei, ohne den Hauptangeklagten offiziell zu Wort kommen zu lassen.

Die Stimmung des Hauptprozesses gegen Imamoğlu spiegelt die vor fast einem Jahr wider, als der Oppositionspolitiker festgenommen, verhaftet und als Istanbuler Bürgermeister abgesetzt wurde. Auch Imamoğlus Universitätsdiplom – Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur – wurde annulliert. Das Vorgehen des wichtigsten politischen Gegners des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan löste landesweite Proteste aus und wurde zum Symbol einer neuen Repressionswelle gegen die größte Oppositionspartei CHP, Regierungskritiker und Journalisten in der Türkei

Schwere Vorwürfe gegen Ekrem Imamoğlu

Imamoğlu sitzt seitdem im Istanbuler Bezirk Silivri in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem die Gründung einer kriminellen Vereinigung sowie Bestechung und Geldwäsche vor.

Erdoğan bezeichnet die CHP – Gründungspartei des Landes – als kriminelle Bande, die sich wie ein Oktopus über die Stadt Istanbul ausgebreitet habe, mit Imamoğlu an ihrer Spitze. Imamoğlu selbst nennt den Fall „eine der härtesten Prüfungen für die türkische Demokratie“. Menschenrechtsorganisationen bewerten den Prozess als politisch motiviert.

Staatsanwalt fordert 2000 Jahre Haft

Die Vorwürfe wiegen schwer: Imamoğlu ist wegen 142 Vergehen angeklagt. Er soll eine kriminelle Organisation gegründet und geleitet haben, wie aus der Anklageschrift hervorgeht. Ziel sei gewesen, die Istanbuler Stadtverwaltung systematisch für die Begehung von Straftaten zu nutzen und sich persönlich zu bereichern. Konkret wird ihm vorgeworfen, die Stadtverwaltung als Finanzquelle missbraucht zu haben, um die Führung der CHP zu übernehmen und so seine Präsidentschaftskandidatur abzusichern.

Zusammengerechnet fordert die Staatsanwaltschaft Staatsmedien zufolge mehr als 2000 Jahre Haft für Imamoğlu. Insgesamt sind in dem Verfahren 407 Verdächtige angeklagt, darunter Imamoğlus Anwalt, sein Sprecher, Familienmitglieder sowie Journalisten. 

Nun soll wöchentlich von Montag bis Donnerstag verhandelt werden, hieß es vom Richter.

Ehefrau hofft auf ein gutes Ergebnis

Dilek Imamoğlu, die Ehefrau des Angeklagten, sagte der Deutschen Presse-Agentur vor Beginn, sie betrachte den Prozess nicht nur als persönliche Angelegenheit, sondern als wichtige Bewährungsprobe für die Rechtsstaatlichkeit im Land. „Unsere Hoffnung ist sehr groß. Denn wir wissen, dass wir im Recht sind, und daran glauben wir von ganzem Herzen.“ Für sie sei ein gutes Ergebnis nicht nur ein Freispruch. „Aber 'ein gutes Ergebnis' bedeutet für mich, dass das Vertrauen der Gesellschaft in die Justiz wieder gestärkt wird.“

Der Prozess könnte Jahre dauern. Die Regierung betont, die Justiz sei unparteiisch. Doch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) äußerte ernsthafte Bedenken, dass Imamoğlu ein faires Verfahren erhalte. 

So sei die Anklageschrift noch vor ihrer Annahme an regierungsnahe Medien durchgestochen worden. Ein Großteil der Beweisführung stütze sich auf rund ein Dutzend Zeugen, deren Identität geheim gehalten werde, ähnlich wie bei anderen politisch motivierten Prozessen in der Türkei, bemängelte HRW. Es gebe voreingenommene Aussagen von Staatsanwälten und Erdoğan selbst. Etwa sei Erdoğans Oktopus-Aussage in die Anklageschrift übernommen worden.

Wie er zum Gegner von Recep Tayyip Erdoğan wurde

Für scharfe Kritik sorgte, dass Erdoğan im Februar den Staatsanwalt, der die Ermittlungen gegen Imamoğlu leitete, zum Justizminister ernannte. Das verdeutliche den „eklatanten Einfluss“ der Regierung auf die Justiz, so Human Rights Watch.

Um zu verstehen, warum Imamoğlu für den Präsidenten zum Rivalen wurde, lohnt ein Blick auf seine Wahl zum Bürgermeister im Jahr 2019. Zuvor hatte Erdoğans islamisch-konservative Regierungspartei Istanbul 25 Jahre lang regiert.

Die Abstimmung wurde nach Kritik Erdoğans annulliert. In der zweiten Runde gewann Imamoğlu mit noch größerem Abstand – dies galt als schwerer Rückschlag für den Präsidenten.

Präsidentschaftswahl in der Türkei schon 2027?

Konnte Erdoğan die Präsidentenwahl 2023 gegen den schwachen Oppositionschef Kemal Kılıçdaroğlu noch für sich entscheiden, landete seine Partei bei den landesweiten Lokalwahlen 2024 erstmals in ihrer Geschichte nur auf dem zweiten Platz hinter der CHP.

Beobachter gehen davon aus, dass die nächste Präsidentschaftswahl, geplant für 2028, schon im kommenden Jahr stattfinden könnte. Denn um erneut kandidieren zu können, muss Erdoğan die Verfassung ändern lassen oder vorgezogene Wahlen ansetzen.

Imamoğlu will trotz ungünstiger Vorzeichen kandidieren, wie er dem Medium T24 in einem schriftlichen Interview mitteilte. Eine Wahl, bei der er nicht antreten dürfe, „wäre eine Wahl, bei der die Legitimität des Präsidenten endet“, so Imamoğlu aus dem Gefängnis.

DPA
tkr/Mirjam Schmitt, Linda Say und Melissa Erichsen

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