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Andrew Sean Greer: "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli"

"Sei, wofür sie dich halten", schärft man ihm ein, aber Max Tivoli hält sich nicht daran. Als 70-Jähriger geboren, lebt er sein Leben rückwärts und buhlt noch mit 12 um seine einzige Liebe.

Nicht viele bringen sich selber um, elf Jahre vor dem erwarteten Todestermin. Max Tivoli schon. Im Herbst 1930 nimmt er sich das Leben, im gefühlten Alter von 59. Eigentlich hätte sein Ende erst 1941 kommen sollen. Max Tivoli wäre dann 70 Jahre alt geworden und hätte als sabberndes Baby das Zeitliche gesegnet. Nach einem Leben voller Lügen, Selbstverleugnungen und ungewollten Kränkungen will er sich einen Abschied als zum Säugling geschrumpften, überreifen Mann nicht auch noch antun. Verständlich.

Der Amerikaner Andrew Sean Greer erzählt dieses Schicksal in seinem zweiten Buch "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli", das nun im S. Fischer Verlag erschienen ist. Greer, 35, wohnt in San Francisco, wo auch Max Tivoli sein umgestülptes Leben lebt. Spätestens seit Jonathan Franzens "Korrekturen" erfreut sich der Roman, vor allem bei US-Autoren wieder großer Beliebtheit. Auch der fantastische, wie im Fall von Greer.

Es ist ein Nisse

Sein Held, Max Tivoli, kommt 1871 zur Welt. Als "Nisse", wie sein Vater bei der Geburt freudig registriert - als greiser Kobold. Es stellt sich heraus, dass Max verkehrt herum altert. Geboren als Greis wird sein Körper mit jedem Lebensjahr jünger. Umgekehrt zu seinem Geist natürlich, der erst mit 17 auf die Liebe seines Lebens trifft und von der er Zeit seines Lebens nicht mehr lassen wird.

Alice ist 14 und sieht in Max nur den älteren Herren und Nachbarn, der sich als "Schwager" um seine verwitwete Mutter kümmert. Vorsichtig und vergeblich buhlt Max um die Gunst des Mädchens, um schließlich als Liebhaber ihrer Mutter zu enden. "Sei, wofür sie dich halten", wurde ihm stets eingeschärft und er hält sich daran. Meistens.

Max liebt Alice, Alice liebt Hughie, Hughie liebt Max

Der einzige, der Max nicht für das hält, was er ist, ist sein bester Freund Hughie, an den wiederum Alice ihr Herz verloren hat. Allerdings verschmäht er sie, weil er eigentlich keine Frauen mag, sondern seinen besten Freund.

Greer erzählt rührend und amüsiert von Max, Alice und Hughie, einer Dreiecksbeziehung, die nicht gut gehen kann und doch teilweise gut geht. Und Greer ist ein Schönschreiber, der selbst Nichtigkeiten in wunderbare Sätze verpackt. Und dabei längst vergessene Worte und Dinge wie Fauteuil, Parasol und Wardsche Kisten hervorkramt. Am Detailreichtum über das (un-)bürgerliche Leben zur Jahrhundertwende lässt das Buch kaum zu wünschen übrig. Im Gegenteil: Oft wirken Geers Beschreibungen zu streberhaft und zu sehr auf hübsch getrimmt. Macht aber nichts, denn die skurrile und unmögliche Liebes- und Lebensgeschichte des Max Tivoli ist eine schöne Zeitreise nicht nur für Romantiker.

Niels Kruse

"Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli", S. Fischer, 2005, 19,90 Euro