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HSV-Schicksalsspiel: Letzte Ausfahrt Tivoli

Der HSV steht vor dem Spiel bei Alemannia Aachen (ab 15.30 Uhr im stern.de-Live-Ticker) vor dem Abgrund. Unabhängig vom Ausgang des Spiels ist klar: In der Pause sollen neue Spieler kommen, der Urlaub für die Spieler wurde gestrichen - und die Zukunft von Thomas Doll ist weiter ungewiss.

Von Tim Schulze

Scharf pfeift der Wind um die AOL-Arena und über das angrenzende Trainingsgelände des Hamburger SV. Zum Abschluss der Übungseinheit ordnet Trainer Thomas Doll Torschusstraining an, danach geht es für die Spieler zum Duschen. Für die zuschauende Schulklasse ist es die letzte Gelegenheit vor der Winterpause, die ersehnten Autogramme der HSV-Stars zu ergattern. Denn das Abschlusstraining der Hamburger vor dem letzten Hinrundenspiel bei Aufsteiger Alemannia Aachen findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Immerhin: Den Kids ist es egal, dass der Bundesliga-Dino eine katastrophale Hinrunde gespielt hat und in der Champions League eine Lachnummer war.

"Wir werden alles versuchen, drei Punkte zu holen", sagt Doll vor dem wichtigen Spiel. Es wäre erst der zweite Sieg für die Hamburger in der laufenden Bundesliga-Saison. Ob Doll nach der Winterpause noch Trainer des HSV sein wird, ist offen: Den Verantwortlichen ist keine eindeutige Aussage über seine Zukunft zu entlocken. Wurde in den vergangenen Tagen und Wochen eifrig darüber spekuliert, wann Doll seinen Stuhl räumen würde, scheint seine Zukunft nicht entschieden zu sein. In einem Interview sagte Präsident Bernd Hoffmann: "Wir wollen in der Konstellation weitermachen und hoffen, dass jeder die richtigen Lehren aus dieser Zeit zieht." Angeblich seien neun der zwölf Aufsichtsräte weiterhin für Doll. Ob er im Fall einer Niederlage auf dem Aachener Tivoli zu halten sein wird, ist fraglich. Aber Hoffmann betont: "Es hängt nicht ausschließlich vom Resultat ab".

Professionelle Einstellung und Disziplin sind gefordert

Der zuletzt angeschlagene Trainer gibt sich kämpferisch: "Wenn wir 120 Prozent geben, können wir es schaffen. Alle haben erkannt, dass es über eine professionelle Einstellung und Disziplin funktioniert. Es liegt an uns, wie wir in die Winterpause gehen." Die Hamburger benötigen einen Sieg und viel Glück, um nicht auf einem Abstiegsplatz zu überwintern. Am Volkspark ziehen sie sogar aus dem mageren torlosen Unentschieden gegen Nürnberg am letzten Samstag Hoffnung: "Wir können eine starke Woche abschließen", gibt Doll den Motivator. Und die peinliche Mitgliederversammlung Anfang der Woche, als die Presse unter bierseligem Fan-Mob ausgeschlossen wurde? "Kein Spieler macht sich Gedanken darüber". Doll gesteht aber: "Ruhe gibt es nur, wenn Erfolg das ist, das ist klar."

Ob mit Doll oder ohne: Die Clubführung bastelt an einem Nothilfepaket, das in der Winterpause geschnürt werden soll. Der bei Schalke degradierte Frank Rost ist ein Kandidat, um endlich einen Schlussmann auf der Linie zu haben, der höheren Bundesliga-Ansprüchen genügt. Stefan Wächter und Sascha Kirschstein blieben den Beweis bisher schuldig. Außerdem sollen weitere Spieler geholt werden: "Darüber wird zu reden sein", sagt Sportchef Dietmar Beiersdorfer.

Weihnachtsurlaub gekürzt

Vorsorglich hat Doll seinen Spielern den Weihnachtsurlaub gekürzt. Bereits am 27. Dezember dürfen die Profis wieder zum Training antreten, eine Woche früher als ursprünglich geplant. Vielleicht hilft das ja. Bisweilen vermittelten seine Spieler den Eindruck, als hätten sie den Ernst der Lage nicht erkannt. Nach dem Aachen-Spiel wollen die Verantwortlichen die Köpfe zusammenstecken. Beiersdorfer: " Wir sind in einer sehr, sehr kritischen Situation. Wir haben jetzt mit der Analyse begonnen und werden sie nächste Woche fortsetzen."

Das ist dringend nötig. Seit dem Eklat auf der Mitgliederversammlung ist klar: Aus der sportlichen Krise ist eine handfeste Club-Krise geworden. Denn für den Ausschluss der Presse waren größtenteils Supporters verantwortlich, eine Fanorganisation innerhalb des Vereins mit über 25 000 Mitgliedern. Und die haben Macht, weil sie Stimmrecht besitzen. Damit können keine grundsätzlichen Entscheidungen an der Fan-Organisation vorbei getroffen werden. Dem Hamburger SV steht ein heißer Winter bevor.

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