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EM-Momente: Big-Mac-Truppe gegen Unschlagbare

Vor der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz erinnert stern.de in einer Serie an die magischen Momente der EM-Geschichte. Im siebten Teil überrascht der größte Außenseiter der EM-Geschichte eine Mannschaft, die auf Jahre hinaus unschlagbar hätte sein sollen.

Von Nico Stankewitz

Zum ersten Mal trat Deutschland mit Bundestrainer Berti Vogts zu einem Turnier an, und schwerer hätte der Rucksack nicht sein können, den Franz Beckenbauer seinem Nachfolger zu tragen mit gab. Deutschland sei "auf Jahre hinaus unschlagbar" verkündete der "Kaiser" nach dem Gewinn des Weltmeistertitels, und auf den ersten Blick schien Deutschland auch noch stärker geworden zu sein mit ehemaligen DDR-Spielern wie Matthias Sammer, Andreas Thom und Thomas Doll im Kader.

Zudem war der Weg zur EM in Schweden auch leichter geworden, denn beide deutschen Verbände waren in dieselbe Gruppe gelost worden, und den der DDR gab es natürlich nicht mehr. Trotzdem gab es viel Kampf und Krampf in der Qualifikation, und die Begeisterung von 1990 war im Vorfeld des Turniers nur noch schwach wahrnehmbar.

Ohne zwei wichtige Säulen

Allerdings hatte Berti Vogts auch einige Sorgen, denn mit Lothar Matthäus fehlte der Kapitän der Weltmeisterelf verletzt, und die Dynamik und Präsenz von Matthäus hatten das Team in den vergangenen Jahren geprägt. Im Mittelfeld entstand ein Vakuum, das der junge Stefan Effenberg noch nicht füllen konnte.

Ähnlich schwer wog der Ausfall von Rudi Völler, der sich im ersten Spiel gegen die ehemalige Sowjetunion, die hier unter der Bezeichnung GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) antrat, den Unterarm brach und im restlichen Turnierverlauf nicht mehr eingreifen konnte. Völler und Matthäus, das waren wirklich bittere Ausfälle, nicht nur als Spieler, sondern vor allem als Führungsfiguren einer Mannschaft, die jetzt nicht mehr durch Beckenbauers Erfolgsaura geschützt wurde.

Schotten retten Deutschland

Gegen die GUS endete die Partie glücklich 1:1, nachdem Thomas Häßler, der stärkste deutsche Spieler des Turniers, mit einem Freistoß kurz vor Spielende den Ausgleich erzielt hatte. Die Schotten wurden mit einer etwas verbesserten Leistung 2:0 bezwungen (Tore von Effenberg und Riedle), so dass ein Unentschieden zur Halbfinalteilnahme ausgereicht hätte.

Im "ewigen Duell" mit den Niederländern hatten diesmal wieder die Oranjes die Nase vorn, die deutsche Elf wurde von der Mannschaft um das altbekannte Trio Rijkaard, Gullit, van Basten mit 3:1 (Tor: Klinsmann) bezwungen und war an diesem Tag chancenlos wie selten. Dass es dennoch zur Halbfinalteilnahme reichte, hatte Deutschland nur den Schotten zu verdanken, die – selbst bereits ausgeschieden – sensationell die GUS bezwangen und Deutschland als Gruppenzweitem doch noch den Einzug ins Halbfinale bescherten.

Turnierhöhepunkt Halbfinals

Nach den durchwachsenen und größtenteils langweiligen Vorrundenspielen sollten die beiden Halbfinalspiele die spielerischen Höhepunkte des Turniers bringen. Am Abend des 21. Juni 1992 trat Deutschland in Stockholm gegen Gastgeber Schweden an.

Angeführt von einem überragenden Thomas Häßler wuchs die Nationalelf über sich hinaus und gewann in einer spannenden und temporeichen Begegnung mit 3:2. Häßler selber hatte mit einem Freistoßtreffer die Führung erzielt, die beiden anderen Tore gingen auf das Konto von Karlheinz Riedle. Der Knoten schien geplatzt zu sein, nun glaubte wieder jeder an einen Sieg bei der ersten Finalteilnahme seit 1980. Denn der Gegner waren nicht etwa die bärenstarken Holländer – es waren die Dänen, die den Turnierfavoriten nach einer hochklassigen Begegnung im Elfmeterschießen eliminierten.

Vom Strand zum Titel?

Dänemark? Die dänischen Spieler waren größtenteils bereits im Urlaub, als die Nachricht kam, dass die Uefa das qualifizierte Jugoslawien aufgrund der politischen Unruhen und des UN-Embargos von den Titelkämpfen ausgeschlossen hatte und Dänemark als Zweiter der Qualifikationsgruppe nachrückte.

Mit unnachahmlicher skandinavischer Lockerheit gingen die Dänen dieses Projekt an, ohne echte Vorbereitung formierte Trainer Richard Möller Nielsen eine kompakte, kampfstarke Einheit, die nach sportwissenschaftlichen Maßstäben keinen Erfolg hätte haben können, ohne entsprechende konditionelle Verfassung und mit inzwischen legendären Ernährungsgewohnheiten, denn die Dänen ließen den Mannschaftsbus schon mal bei McDonalds halten, um sich mit Big Macs und Fritten einzudecken. Wenig verwunderlich also, dass insbesondere nach dem kraftzehrenden Halbfinale der Dänen und der um einen Tag kürzeren Finalvorbereitung Deutschland als Favorit galt, aber im Finale kam alles anders.

Die Niederlage von Göteborg

Es ist bewölkt aber warm an diesem 26. Juni im Ullevi-Stadion von Göteborg. Schon vor dem Spiel feiern die dänischen Fans, wohl wissend, dass sie keine spielerisch brillante Elf wie 1984 oder 1986 haben, aber ein unerschrockenes Team, das jetzt schon Sensationelles geleistet hat.

Das Spiel beginnt mit Geplänkel, aber es sind nicht die Dänen die müde wirken, es ist die deutsche Mannschaft. Schon in der 19. Minute fällt eine Art Vorentscheidung in diesem von Vorsicht geprägten Finale: John "Faxe" Jensen, in zwei Bundesligajahren beim HSV nicht besonders positiv in Erscheinung getreten, setzt sich robust gegen Brehme durch und schließt trocken ab – Dänemark geht mit 1:0 in Führung. Und immer noch nur schwache Gegenwehr der deutschen Mannschaft, der Weltmeister bleibt nur Statist in diesem Fußballmärchen. Kim Vilforts Treffer in der 78. Minute entscheidet über den Titel, aber es ist ein Feiertag in Rot-Weiß – Deutschland findet kein Rezept, um den dritten EM-Titel zu holen. Stattdessen erringt das kleine Dänemark den größten Erfolg seiner Verbandsgeschichte, die Ära Vogts beginnt wie die von Beckenbauer - mit einem verlorenen Finale.

Die Finalelf von Göteborg:

Bodo Ilgner, Stefan Reuter, Thomas Helmer, Jürgen Kohler, Andreas Brehme, Guido Buchwald, Thomas Häßler, Stefan Effenberg (81. Andreas Thom), Matthias Sammer (46. Thomas Doll), Jürgen Klinsmann, Karlheinz Riedle

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