"Sogar, wenn der Film im Flugzeug lief, würden die Leute aufstehen und rausgehen." Wenn die Kritik, wie diese der "Variety", den Streifen in Sachen Unterhaltung um Längen schlägt, ist das kein gutes Zeichen. Die aufwändig produzierte Dokumentation "Melania" ist frisch im Kino, und es verbietet sich für mich eigentlich, sie zu verreißen. Ich habe sie ja gar nicht gesehen. Okay, da geht es mir wie dem Rest der Welt.
Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier
Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.
Am Eröffnungswochenende überschlugen sich weltweit die Meldungen über leere Säle und atemberaubend wenig verkaufte Tickets. Wollte man die Epstein-Files vor den Blicken der Öffentlichkeit schützen, man müsste sie nur in einem Kino deponieren, das den Melania-Film zeigt. Rund 75 Millionen Dollar hat der von Amazon produzierte Film gekostet, der die 20 Tage vor der zweiten Amtseinführung Donald Trumps aus der Perspektive der First Lady zeigen will.
Weniger wohlmeinende Stimmen beschreiben die Geschichte einer Politikergattin, die den moralischen Absturz um sie herum so fest ignoriert, als eine Art Gucci-Version von "Zone of Interest". Was etwas zu hart ist. Andere wiederum beklagen, dass man nach dem Schauen des Filmes weniger über die Frau weiß als vorher. Eine Frau, die den einen als Sphinx erscheint. Anderen wiederum dient die gebürtige Slowenin als erschütterndes Beispiel, wie sehr sich ImmigrantInnen erniedrigen müssen, um in den USA den sozialen Aufstieg zu schaffen.
Auf den ersten Blick gibt es für diese Doku keinen Grund. Auf den zweiten auch nicht. Wenn ich ausdruckslose Gesichter und schöne Kleidung sehen will, kann ich auch die Bunte lesen oder Met Gala gucken.
Sind andere Dokus wirklich tiefer als "Melania"?
Doch ist das Werk über Trumps Frau wirklich so herausragend flach? Ist nicht das meiste, was unter dem Titel Dokumentation veröffentlicht wird, dreimal chemisch gereinigt, poliert und durch den Windkanal gejagt? Waren "Beckham", "Robbie" oder das, was populäre Fußballclubs als "Blick durchs Schlüsselloch" verkaufen, je mehr als bloße Imagefilme? Keines dieser Unterhaltungsprodukte hatte echte Brüche zu bieten, keine Irritationsmomente. Hat David Beckham in seiner Doku je ein Wort über seinen 180 Millionen-Deal mit den Katarern erzählt? Hat Victoria wenigstens einmal resigniert mit den Schultern gezuckt über ihre Schwiegertochter oder darüber, wie ermüdend es ist, einem völlig talentlosen Sohn eine sauteure Anschubfinanzierung nach der nächsten zu spendieren?
Es sind doch Menschen wie wir. Dann dürfen sie gerne unsere Probleme haben – oder wenigstens teurere. Ja, okay, die Haftbefehl-Doku hatte aufgrund des ausgestellten Schadens ihres Protagonisten einen elendstouristischen Entertainment-Faktor. Ob sie dazu geeignet war, junge Menschen von Drogen fernzuhalten, ist allerdings reichlich umstritten.
Generell aber darf man festhalten: Wenn eine öffentliche Person ihre Doku mit Enthusiasmus bewirbt, ist stets Vorsicht geboten. Oder hat irgendwer hierzulande den Film von Robert Habeck geguckt? Kann ein Streifen gut sein, in dem ein messianisch inszenierter Politiker seinen Wahlkampf mit gerade einmal knapp 12 Prozent beendet, und der daraus trotzdem eine Heldenreise macht? Da scheint mir der Melania-Film zumindest ästhetisch deutlich ansprechender zu sein. Toll aussehen tut sie ja.
So bleibt eines der wenig wirklich interessanten Werke dieser Gattung die wunderbare "Schulz-Story" von Markus Feldenkirchen. Ein Buch, das nur deshalb entstehen konnte, weil der außerordentlich ehrenwerte Martin Schulz auch da noch zu seiner Zusage stand, den Wahlkampf dokumentieren zu dürfen, als dieser schon spektakulär schief ging. Auch die Dokumentation des Desasters rund um die WM 2022 in Katar mit Hansi "Ich zeig euch jetzt mal Graugänse" Flick ist nur deshalb so sehenswert, weil die Irren vom DFB sich auf den Amazon-Deal einließen im Glauben, der Auftritt bei der WM werde ein Erfolg werden. "Melania" ist am Ende wie die Amtszeit von Donald Trump selbst: Ein mit großen Media-Budget aufgeblasenes Nichts, das sich trostlos von einem behaupteten Highlight zum nächsten schleppt. Doch auch streng kontrollierte Inszenierungen sind am Ende entlarvend. Wie will der Protagonist wahrgenommen werden? Welche Brüche werden entfernt? Wie hermetisch will die öffentliche Person ihren echten Charakter von der Wirklichkeit abriegeln? Gerade das nicht Gezeigte kann sehr grell sein.
Oder um es anders zu sagen: Wer den Blick in die eigenen Abgründe versiegelt wie Gullideckel bei Staatsempfängen, der lässt am Ende tiefer blicken, als es ihm oder ihr lieb ist.