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Autor von "Wo die wilden Kerle wohnen": Google ehrt US-Illustrator Maurice Sendak

Berühmt wurde der "Picasso der Kinder" mit seinem Bilderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen". Maurice Sendak war ein Mann, der mit seinen Zeichnungen polarisierte. Heute wäre er 85 Jahre alt geworden.

Von Daniela Späth

Vor rund 80 Jahren hätte wohl niemand gedacht, dass aus dem fünfjährigen Maurice Bernard Sendak einmal ein großer Illustrator werden würde: Sendak wurde am 10. Juni 1928 in New York als jüngstes von drei Kindern im Stadtteil Brooklyn geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Mutter Sadie hatte keinerlei Schulausbildung. Sie war aus Polen in die USA ausgewandert, um dort Geld zu verdienen. Sein ebenfalls aus Polen stammender Vater Philipp war gelernter Schneider.

Während seine Eltern meistens außer Haus waren um zu arbeiten, lag der junge Sendak als schwächliches Kind oft kränkelnd zu Hause. Den Schulunterricht konnte er nicht ausstehen. Um ihn aufzuheitern, brachte ihm seine Schwester Abenteuerbücher aus der Bibliothek mit - für ihn die Eintrittskarte in eine neue Welt. An den Büchern gefielen Sendak vor allem die Zeichnungen und so stand sein Berufsziel schnell fest: Er wollte Kinderbuchillustrator werden. Der Wunsch verfestigte sich, als er mit zwölf Jahren zum ersten Mal den Zeichentrickfilm "Fantasia" (1940) der Walt Disney Studios gesehen hatte.

Schon als Kind ein großer Zeichner

Bereits als Sechsjähriger zeichnete Sendak zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Jack sein erstes Kinderbuch. Auch als er bereits auf der Lafayette Highschool war, hörte er nicht auf, Bücher zu illustrieren. Nach dem Schulabschluss wurde er Dekorateur bei FAO Schwarz, dem größten Spielzeugladen New Yorks an der 5th Avenue. Dort beschäftigte sich Sendak weiterhin mit Kinderbüchern und lernte vor allem die klassischen Illustrationen der britischen Zeichner George Cruikshank und Randolph Caldecott schätzen. Doch das reichte ihm nicht. Deshalb absolvierte er ein Abendstudium an der Art Students League of New York. Es dauerte nicht lange, bis die Kinderbuchlektorin des Verlages Harper and Brothers, Ursula Nordstrom, sein Talent entdeckte und weiter förderte.

In den 1950er und 60er Jahren stießen Sendaks Illustrationen allerdings auf den Widerstand von Lektoren, Kritikern und Bibliothekaren. Vor allem seine Technik, Schatten und Räume mit gekreuzten Linien zu skizzieren, stieß auf Unverständnis und wurde von Kritikern als "zu europäisch" interpretiert und als hässlich abgetan. Auch an seiner Art, Gewaltszenen in seine Geschichten zu integrieren, wurde Anstoß genommen. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass das Gewaltsame kein Selbstzweck war, sondern in psychoanalytischem Sinne ein Angebot zur Bewältigung und Stärkung von Kindern sein kann. Beispielhaft und stilbildend umgesetzt wurde dieses Konzept in Sendaks Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" ("Where The Wild Things Are"), womit ihm 1963 der Durchbruch auch auf internationaler Ebene gelang und schließlich die lang ersehnte Anerkennung zuteil wurde. Für das Buch erhielt Sendak 1964 die Caldecott Medal. Im Jahr 2009 kam die Verfilmung des Buches in die Kinos.

Kampf gegen Widerstände

Sendaks sexuelle Orientierung geriet ebenfalls in den Fokus der Öffentlichkeit. Sowohl seine Kinderlosigkeit als auch die enge Beziehung zu seinen Hunden waren schon lange Thema in Interviews und Artikeln, dass er schwul sei und bis zu dessen Tod 50 Jahre lang mit dem Psychoanalytiker Eugene Glynn (1926–2007) zusammengelebt hatte, erwähnte Sendak erstmals 2008. Seinen Eltern habe er dies nie mitgeteilt: "Ich wollte immer heterosexuell sein, damit meine Eltern glücklich sind. Sie haben es nie, nie, nie erahren." Ein Coming-out hätte der Karriere eines Kinderbuchautors in den 1950er und 1960er Jahren zudem geschadet. Sein Freund Tony Kushner hatte Sendaks Beziehung zu Glynn bereits 2003 in einem Zeitungsbeitrag im "Guardian" erwähnt.

Trotz zahlreicher Widerstände ging Sendak als großer Zeichner in die Geschichte ein. Das US-amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" ehrte den Zeichner 1964 sogar mit dem Titel "Picasso der Kinder". Sein zuletzt erschienenes Buch, "Brundibar", ist eine Adaption der gleichnamigen Kinderoper, die von 1943 bis 1944 im KZ Theresienstadt von Kindern aufgeführt wurde und ihnen Trost spenden sollte. Neben seinen Illustrationen für Kinderbücher arbeitete Sendak auch an Bühnenbildern für Opernproduktionen. Maurice Sendak starb am 8. Mai 2012 in Danbury, Connecticut, im Alter von 83 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.