HOME

Bewegendes Vermächtnis: Peter Pan muss sterben

Letztes Jahr sorgte der todkranke US-Professor Randy Pausch mit einer Vorlesung für Furore, die zum Symbol für einen beispiellosen Lebenswillen wurde. Nun hat der 47-Jährige mit "Last Lecture - Die Lehren meines Lebens" ein berührendes Buch über seine Krebserkrankung und den Mut zum Träumen geschrieben.

Von Mark Stöhr

Wir sehen einen heiteren Menschen vor uns. Anderthalb Stunden steht der Informatikprofessor Randy Pausch vor dem Auditorium der Carnegie Mellon Universitiy in Pittsburgh und spricht über Kindheitsträume. Darüber, wie man sie sich erfüllt und anderen dabei hilft. Die Veranstaltung firmiert unter dem Titel "Last Lecture", einer nicht ganz ernst gemeinten Vorlesungstradition an US-Universitäten, nach der akademische Persönlichkeiten ihr letztes Vermächtnis formulieren - und danach für immer abtreten. Randy Pausch meint es jedoch bitter ernst und lächelt dabei. Seit einem Jahr weiß er, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist. Alle Therapieversuche sind seither fehlgeschlagen, ihm bleiben nur noch wenige Monate zu leben.

Das war im September 2007, Randy Pausch stand kurz vor seinem 47. Geburtstag. Sein beeindruckender Auftritt wurde aufgezeichnet und tauchte wenig später im Internet auf. Was ursprünglich als Erinnerungsdokument für seine drei kleinen Kinder geplant war, löste eine riesige Welle der Anteilnahme und Bewunderung aus.

Millionen sahen das Video

Geschätzte sechs Millionen Menschen weltweit haben sich das Video inzwischen angesehen. Pausch lebt immer noch. Auf seiner Website http://download.srv.cs.cmu.edu/~pausch/news/ gibt er fast täglich Auskunft über sein momentanes körperliches und seelisches Befinden. Einer der jüngsten Einträge enthält ein Foto, auf dem Pausch mit einer Bestsellerliste abgebildet ist: Sein Buch "Last Lecture" ist in den USA auf dem ersten Platz. Es ist nun auch auf Deutsch erschienen.

"Last Lecture. Die Lehren meines Lebens" geht in seinen Grundzügen auf die Vorlesung zurück. Angereichert wurde es von Gesprächen mit dem Journalisten Jeffrey Zaslow, der als Co-Autor daran mitgeschrieben hat. Auf dreiundfünfzig Fahrradtouren durch sein Viertel, die er unternommen habe, um sich fit zu halten, schreibt Pausch, habe er mit Zaslow telefoniert. Zeit ist eine kostbare Ressource, die es zu nutzen gilt. Auch davon handelt dieses Buch. Es ist eine Mischung aus vielem: Autobiografie und Liebeserklärung an seine Frau, Ratgeber für Krebskranke und ihre Angehörigen und Thesensammlung für ein gelingendes Leben. Vor allem aber ist es eine "Erziehung des Herzens" für seine Kinder, die den größten Teil ihres Lebens auf ihren Vater werden verzichten müssen und später nachlesen sollen, was er ihnen mit auf den Weg gegeben hat.

Seine Träume waren ihm immer ein Antrieb

Zu Beginn steht ein Foto, das den jungen Randy auf seinem Stockbett zeigt, wie er versonnen nach oben schaut. Der Blick ist voller kindlicher Träume und kennt noch keine Enttäuschungen. Ein bisschen ist Pausch sein Leben lang eine Art Peter Pan geblieben, dem seine frühen Träume immer ein Antrieb waren. Ein paar davon hat er sich auch tatsächlich erfüllt. Zum Baseball-Profi hat es zwar nicht gereicht, dafür durfte er für das "World Book", eine illustrierte Enzyklopädie, einen Eintrag zur virtuellen Realität schreiben, war an der Entwicklung von Disney-Parks beteiligt, traf William Shatner alias Captain Kirk und erlebte bei einem NASA-Simulationsflug die Schwerelosigkeit. Aus dem Ingenieur seiner eigenen Träume wurde später ein Traumerfüller für andere. Zu seiner Zeit an der Universitiy of Virginia verschaffte Pausch etwa einem jungen Computergrafiker auf Umwegen einen Job bei George Lucas und dessen "Star Wars"-Episoden. Und in Pittsburgh gründete er das "Entertainment Technology Center", eine, wie er es nennt, "Traumerfüllungsfabrik" für Künstler und Informatiker gleichermaßen.

Es ist eine fast makellose Erfolgsbilanz, die Randy Pausch vorlegt. So wie sein Vater, eine nie versiegende Quelle der eigenen und fremden Kreativität, für ihn ein Held war, will er auch einer für seine Kinder sein. Sie sollen stolz auf ihn sein, wenn sie dieses Buch lesen. Und sie sollen von seiner Erfahrung lernen. Eine der Lektionen heißt: "Mauern sind dazu da, uns die Chance zu geben, zeigen zu können, wie sehr wir etwas wollen."

Ein sehr amerikanisches Buch

Es ist ein uramerikanisches Ethos, das sich durch fast alle Seiten zieht. Erfolg kommt nur durch harte Arbeit, Aufgeben ist verboten, Jammern sowieso. Immer spricht aus Pausch auch der langjährige Universitätsdozent, der Ratschläge etwa zum richtigen Zeitmanagement gibt, To-do-Listen empfiehlt, das Teamwork anpreist und den Vorteil von Ablagesystemen.

Den europäischen Leser mag der belehrende Ton Pauschs befremden, der frei von Selbstzweifeln ist, sein bisweilen überschwappendes Pathos, der anekdotische, auf Pointe gepolte Plauderton. Dass hier aber jemand auf diese Art spricht, der zehn Tumore in der Leber hat und jeden Tag sterben könnte, hinterlässt einen großen Eindruck.

Zudem gibt es auch die leisen Passagen, durch die der ganze Schmerz der Krankheit und des bevorstehenden Abschieds dringt. Die furchtbaren Momente der Diagnose, das Auf und Ab der vermeintlichen Heilung und des plötzlichen Rückfalls, das Ringen um Normalität im Ausnahmezustand. Hier brilliert Randy Pausch als feinfühliger und präziser Erzähler, der nicht nur diejenigen berührt, die in einer ähnlichen Lage sind oder waren.

Früher, schreibt Pausch, habe ihn seine Mutter immer mit folgenden Worten vorgestellt: "Das ist mein Sohn. Er ist ein Doktor, aber nicht so einer, der Menschen hilft." Daran hat sich inzwischen einiges geändert.