Buchmesse Besucherrekord auf Leipziger Buchmesse

Wäre die Leipziger Buchmesse der Gradmesser für das Klima in der Buchbranche, könnten Verleger und Buchhändler aufatmen: Noch nie pilgerten so viele Literaturfreunde zum "Frühlingsfest der Bücher" wie in den vergangenen vier Tagen.

Wäre die Leipziger Buchmesse der Gradmesser für das Klima in der Buchbranche, könnten Verleger und Buchhändler aufatmen: Noch nie pilgerten so viele Literaturfreunde zum "Frühlingsfest der Bücher" wie in den vergangenen vier Tagen. Die Organisatoren der Bücherschau, die am Sonntag endete, waren optimistisch, erstmals die Schallgrenze von 100 000 Besuchern zu durchbrechen. Das Interesse an Büchern scheint also ungebrochen groß. Nur lässt es sich nicht automatisch in klingende Münze umsetzen: Die Buchbranche ist noch längst nicht aus dem Konjunkturtal heraus, auch wenn der Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, unerschütterlich Optimismus zu verbreiten sucht. Er hält ein Wachstum in diesem Jahr von bis zu vier Prozent für möglich.

Die Buchbranche ist noch nicht aus dem Konjunkturtal heraus

Die Stimmung ließen sich Verleger, Autoren und Buchhändler an diesen vier Tagen dennoch nicht vermiesen. Sie genossen das "Familientreffen" und die abendlichen Bücherparties ebenso wie die Besucher die Nähe zu ihren Lieblingsautoren. Das bedeutete oft auch Tuchfühlung: Durch die Hallen schoben sich so viele Menschen, dass es zeitweise nur noch im Schneckentempo voranging. Als Konsequenz kündigte die Messeleitung für 2005 eine neue Hallenaufteilung an, die das Gedränge in den Gängen entzerren soll.

Auf dem Leipziger Messegelände präsentierten sich erstmals mehr als 2000 Verlage aus 30 Ländern. Bei Europas größtem Lesefest "Leipzig liest", das in diesem Jahr um die Hörbuch-Reihe "Leipzig hört" ergänzt wurde, hatten die Besucher die Qual der Wahl zwischen 1200 Veranstaltungen mit rund 1000 Gästen. Bei Lesungen prominenter Autoren wie Christa Wolf, Christoph Hein, Hermann Kant, Adolf Muschg, Michael Frayn, Rolf Hochhuth, Yann Martel oder Jeffrey Eugenides verteilten sich die Fans notfalls auch auf dem Fußboden.

Andrang bei Thor Kunkels Lesung

Das Hickhack um Thor Kunkels umstrittenen Roman "Endstufe" über Pornofilmchen der Nazis bescherte dem Autor bei seiner ersten Lesung aus dem angeblichen Skandal-Buch einen vollen Saal. Der Eichborn Verlag präsentierte es nach dem Rückzieher von Rowohlt druckfrisch drei Tage vor Verkaufsstart. Magnet für die Teenager - darunter allein an die 30 000 Schüler aus ganz Deutschland - war das Comic- Forum. Einschlägige Verlage hatten berühmte Zeichner wie "Die Simpsons"-Schöpfer Bill Morrison und den publikumsscheuen Manga-Star Akira Toriyama nach Leipzig geholt.

Die Nähe zu den Lesern ist für Verleger und Autoren das große Plus des Leipziger Bücherfestes. "Frankfurt ist die Businessmesse, ein Pflichttermin, da läuft das Lizenzgeschäft. Leipzig ist die Kür, die literarische Messe", brachte es Diogenes-Sprecherin Ruth Geiger auf den Punkt. Der Berliner Verleger Christoph Links würde dennoch gern mehr fürs Geschäft tun und im Frühjahr über Taschenbuchrechte mit anderen deutschen Verlagen verhandeln: "Im trubeligen Frankfurt geht das nur mit enormem Terminstress. Hier wäre das viel entspannter, aber die Lizenzleute der Verlage sind nicht da."

Doppelt so viele Lesungen wie in Frankfurt

Suhrkamp-Geschäftsführer Philip Roeder verweist wie viele Verlagskollegen auf den besonderen Reiz des Lesefestes auch für die Autoren: "Das Publikum ist hier aufgeschlossener. Wir veranstalten hier doppelt so viele Lesungen wie in Frankfurt." Die vom Börsenverein initiierte Werbung für das Buch im Fernsehen tut sich dagegen nach wie vor schwer: Die TV-Gala zur Verleihung des Deutschen Bücherpreises an Yann Martel, Michael Moore, Yadé Kara, Eoin Colfer, Eric-Emmanuel Schmitt und Mirjam Pressler kam bei der dritten Ausgabe zwar in der Branche besser an als in den Vorjahren. Das Fernsehpublikum zeigte jedoch wenig Interesse: Nur 270 000 Zuschauer schalteten ein.

Nach vier Tagen im Scheinwerferlicht kehrt bei Verlagen und Buchhändlern nun wieder der Alltag ein. Viele hoffen auf den lange erwarteten wirtschaftlichen Aufschwung und einen Impuls vom "Bücherfrühling". Verleger Joachim Unseld (Frankfurter Verlagsanstalt) jedoch teilt wie viele in der Branche den Optimismus von Börsenvereins-Chef Schormann nicht: "Unser Bundeskanzler und unser Vorsteher haben da in letzter Zeit eine nicht ganz zu begründende Zuversicht." Nicht, dass es dem Buchhandel und den Verlagen so schlecht gehe wie anderen Branchen. "Aber ich sehe auch kein Licht am Ende des Tunnels."

Simona Block und Nicola Prietze, DPA

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