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Christa Wolf: "Leibhaftig"

Schon bei der ersten Lesung ihres neusten Werks löste Christa Wolf einen Massenansturm aus. "Leibhaftig" zeichnet ein ernüchterndes Bild der letzten Tage der DDR.

Mit einem Massenansturm ihrer Lese-Fans sah sich die Berliner Schriftstellerin Christa Wolf bei der ersten Lesung aus ihrem gerade erschienenen Buch »Leibhaftig« konfrontiert. Zur Premiere am Dienstagabend kamen fast 800 Besucher, unter ihnen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Schriftstellerfreund Volker Braun, in die Alte Pfarrkirche in Berlin-Pankow. In dem Stadtteil lebt die Autorin. Dicht an dicht saßen Ältere, die sie mit ihren Büchern über Jahrzehnte schon begleitet, aber auch auffallend viele junge Menschen.

Abrechnung mit der DDR

Nach »Medea. Stimmen« vor sechs Jahren stellte sich Wolf jetzt erstmals wieder mit einem größeren literarischen Werk vor. Mit »heiterer Gelassenheit und nicht mit Resignation« habe die Autorin über die Endzeit der DDR geschrieben, lobte Gerald Trageiser, Chef des Münchner Luchterhand-Verlages. Bei ihrem einstündigen Vortrag lenkte Wolf jedoch mehr auf die stilistische Machart. Sie habe Passagen ausgewählt, die besonders die wie ein Gewebe verknüpften Erzählstränge, »erfahrbar« machen sollten, sagte sie. Die Abrechnung mit der DDR, die in der Erzählung als rettungslos beschädigt geschildert wird, kam bei der Lesung eher kurz weg.

Albtraum eines Krankenhausaufenthalts

Unter Verwendung autobiografischen Materials erzählt Wolf in »Leibhaftig« den Albtraum eines Krankenhausaufenthaltes in der Endzeit der DDR. Die namenlose Patientin und der Staat befinden sich kurz vor dem Zusammenbruch. In die Fieberfantasien und Halluzinationen der Todkranken mit Erinnerungsfetzen nicht nur aus der DDR, sondern auch aus der Nazi-Zeit, mischen sich die nüchternen Stimmen von Ärzten und Schwestern über den Alltag in der Mangelwirtschaft.

Zwei Stunden Wartezeit

Einige der Besucher hatten zwei Stunden Wartezeit in Kauf genommen, um noch einen Platz in der Kirche zu ergattern. Bei der sich anschließenden Autogrammstunde war der Andrang nicht mehr ganz so groß. »Ich habe schon die letzten Tage gearbeitet«, sagte Wolf und meinte damit den von ihr vorsignierten Bücherstapel. Am kommenden Sonntag wird sich Wolf bei einer weiteren Lesung in der Berliner Akademie der Künste mit »Leibhaftig« vorstellen.

Eigentlich geht es in Christa Wolfs neuer Erzählung »Leibhaftig« nur um eine Person, eine todkranke Frau. Doch ihr innerer Monolog gräbt tiefer und tiefer und holt immer mehr Menschen, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet ist, ans Tageslicht. Die Frau, die selbst keinen Namen erhält, spiegelt in Fieberfantasien und Albträumen die Endphase der DDR wieder. Mal redet die Todkranke in der Ich-Form, mal spricht sie ein inneres Du an. Immer wieder tauchen Weggefährten aus ihrer Vergangenheit auf.

Lebensschicksale

Dicht an dicht erfahren wir in dem neuen Buch von DDR-Lebensschicksalen. Da sind die Opportunisten, die jedem Regime die Treue halten, da sind aber auch die Mutigen, die sich schon vor der Zeit zu erkennen geben und bildlich gesprochen den Sprung über die Mauer wagen. Und da sind auch die Verzweifelten, die Selbstmord begehen.

Das Labyrinth der Klinik

Ärzte bemühen sich um die Patientin, die einen durchbrochenen Blinddarm hat. Die Frau lässt alles mit sich geschehen, arbeitet mit den Medizinern aber nicht aktiv zusammen. In ihren Fieberträumen wird sie von einer jungen Anästhesistin begleitet. Sie durchforschen gemeinsam nachts die unterirdischen Gänge der Klinik, die ein wahres Labyrinth ist. Erst ganz am Schluss begreift die namenlose Patientin, dass die junge Ärztin ihr Schutzengel war. Sie verhinderte, dass die Frau im Krankenbett sich selbst aufgab und den Weg des Todes ging.

Schwere Kost

Die Erzählung »Leibhaftig« ist zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt. Der Leser sucht vergeblich einen Handlungsfaden. Es ist die Erzählung insgesamt, die einem klar macht, worum es geht. Mit ihrem neuesten Werk setzt Christa Wolf den Lesern schwere Kost vor.

Die Autorin, 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, lebt heute mit ihrem Mann in Berlin. Ihre Bücher, darunter "Nachdenken über Christa T.", wurden in viele Sprachen übersetzt, ihr Werk mit etlichen Preisen bedacht. Als sich die Schriftstellerin Anfang der 90er Jahre als frühere informelle Mitarbeiterin der Stasi (1959-1962) offenbarte, brach eine heftige Diskussion über ihre Person und ihr schriftstellerisches Werk los.

DPA / DPA