Mit seiner am Mittwoch veröffentlichten Protesthymne "Streets Of Minneapolis" kritisiert Musiklegende Bruce Springsteen deutlich die martialischen Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE. Und er ruft dazu auf, "für dieses Land und den Fremden in unserer Mitte aufzustehen".
Der 76-Jährige bleibt sich damit treu. Immer wieder mischte er sich im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere in politische und gesellschaftliche Debatten ein – oft setzte er dabei auf die Kraft seiner Musik. So auch im Sommer 1988 in Ostberlin, wo er das größte Konzert seiner Karriere gespielt hat. Nicht wenige glauben, dass Springsteen mit dem Auftritt und einer bemerkenswerten Rede seinen kleinen Anteil daran hatte, dass die Sehnsucht der Menschen in der DDR nach Freiheit immer größer wurde – und die letztlich zum Zusammenbruch des Staates und zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.
Anlässlich des Erscheinens von "Streets Of Minneapolis" veröffentlichen wir unseren Text und die Fotostrecke zu Springsteens Ostberlin-Konzert aus dem Juli 2023 erneut.
"Bruce kam einfach zu mir und fragte: 'Hey, wie sind denn die Chancen, in Ostberlin aufzutreten?'", erinnert sich Musikmanager Jon Landau Jahrzehnte später. "Ich antwortete: 'Ich bin sicher, die sind großartig. Lass uns das mal herausfinden.'"
Und tatsächlich: Die Staatsführung gibt wenig später grünes Licht. Klassenfeind Bruce Springsteen, Mr. "Born In The USA", darf gemeinsam mit seiner E Street Band auf die Bühne. Am 19. Juli 1988 spielt der Boss in der Hauptstadt der DDR ein Konzert, wie es der Arbeiter- und Bauernstaat noch nicht gesehen hat – und auch nie wieder sehen wird.
Das Land liegt im Sommer 1988 wirtschaftlich schon am Boden, ein Auftritt des Megastars aus dem Westen kommt da den SED-Oberen gerade recht, um der erodierenden Gesellschaft etwas zu bieten. Anfang des Jahres hatte sich DDR-Fußballnationalspieler Jürgen Sparwasser in den Westen abgesetzt, im Nachbarland Polen erhält die Solidarność-Bewegung Auftrieb, Michail Gorbatschow leitet den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan ein – die Welt ist im Wandel.
Bruce Springsteen sorgt am 19. Juli 1988 für Ekstase in Ostberlin
Weltstar Springsteen und seine Band haben im Jahr zuvor ihr achtes Studioalbum veröffentlicht. Die Scheibe "Tunnel Of Love" erreicht in den USA und in Großbritannien Platz eins in den Charts, eine Europatournee soll den Verkauf zusätzlich ankurbeln.
Doch die DDR-Führung hat auch andere Interessen. Sie will den ausgerufenen Rocksommer, zu dem auch unter anderem Bryan Adams, Joe Cocker und Depeche Mode in den Osten kommen, für ihre Propaganda nutzen. Auf Plakaten erklärt sie das Springsteen-Konzert kurzerhand zum Solidaritätsauftritt unter dem Motto "Nikaragua im Herzen", ohne das Wissen und zum Ärger des Musikers und seines Managements. "Das ist nichts, was wir jemals genehmigt hätten", erzählt Jon Landau später dem MDR. Am Tag des Konzerts sind die Banner mit dem politischen Slogan verschwunden.
160.000 offizielle Eintrittskarten werden gedruckt, dazu wohl Tausende Fälschungen. Regulärer Preis pro Karte: 19,95 DDR-Mark plus 5 Pfennig Kulturabgabe. Doch weit mehr Menschen wollen den Boss sehen. Zeitungen schreiben damals von 250.000 Musikfans, die sich aus allen Ecken der DDR auf den Weg in die Hauptstadt machen. Mitunter ist sogar von 500.000 Besuchern die Rede. Feststellen lässt sich das nicht mehr. Klar ist aber: Der Auftritt Springsteens ist nicht nur das größte Konzert, das es jemals im Arbeiter- und Bauernstaat gegeben hat, es löst auch den größten Verkehrsstau der DDR-Geschichte aus. Die Fans trampen oder fahren mit der Reichsbahn durchs Land, Kolonnen von Trabis und Wartburgs verstopfen die Straßen. Vermutlich Millionen verfolgen die Übertragung der Show im Radio oder im Fernsehen.
Am 19. Juli 1988, ein Dienstagabend, flirrt die Luft in Ostberlin. Hochsommer, schwülwarm, Temperaturen von bis zu 30 Grad. "Irgendwas lag in der Luft. Überall sah man Pärchen, die wild knutschten. Ostdeutsche hatten schon immer den Ruf, in sexuellen Dingen sehr locker zu sein, aber in dieser Nacht schienen alle Dämme zu brechen", erinnert sich Zeitzeuge und Journalist Cherno Jobatey in einem Rückblick des Musikmagazins "Rolling Stone". "Die Atmosphäre war einfach unglaublich. Man hatte gleich das Gefühl, Zeuge eines ganz besonderen Ereignisses zu werden. Etwas, das man nur einmal in seinem Leben erlebt. Die Veranstalter hatten offensichtlich nicht mit diesen Menschenmengen gerechnet, aber niemandem schien der stundenlange Anmarsch etwas auszumachen."
Der Boss liefert ab – mitten in der DDR
Der Einlassbeginn ist für 16 Uhr vorgesehen, doch schon gut zwei Stunden früher öffnen sich die Tore zum Gelände der Radrennbahn Weißensee im Norden der DDR-Hauptstadt. Eine Fläche, so groß wie etwa 20 Fußballfelder. Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Menschen zu dem Konzert, das Geschichte schreiben wird. Irgendwann kapitulieren die Ordner vor dem Andrang. "Ob man so etwas noch mal erlebt, das weiß man ja nicht", sagt eine junge Besucherin mit Jeansjacke und Lippenstift dem Westfernsehen schon Stunden bevor Springsteen um 19.07 Uhr auf die Bühne tritt – und damals wie heute liefert der Boss ab.
Setlist Bruce Springsteen am 19. Juli 1988 in Ost-Berlin
1. Badlands, 2. Out In The Street, 3. Boom Boom (Cover John Lee Hooker), 4. Adam Raised A Cain, 5. All That Heaven Will Allow, 6. The River, 7. Cover Me, 8. Brilliant Disguise, 9. The Promised Land, 10. Spare Parts, 11. War (Cover The Temptations), 12. Born In The USA, 13. Chimes Of Freedom (Cover Bob Dylan), 14. Paradise By The "C", 15. She's The One, 16. You Can Look (But You Better Not Touch), 17. I'm A Coward (Cover Gino Washington), 18. I'm On Fire, 19. Downbound Train, 20. Because The Night (Cover Patti Smith Group), 21. Dancing In The Dark, 22. Light Of Day; Zugabe 1: Born To Run, Hungry Heart, Glory Days, Can't Help Falling In Love (Cover Elvis Presley), Bobby Jean; Zugabe 2: Cadillac Ranch, Tenth Avenue Freeze-Out, Sweet Soul Music (Cover Arthur Conley), Twist And Shout (Cover The Top Notes)
Quelle: setlist.fm
"It's nice to be in East Berlin!", begrüßt Springsteen – weißes Shirt, schwarze Weste, Gitarrengurt über der Schulter – die völlig euphorisierte Menge. Wohin er von seiner Bühne blickt: nichts als Menschen und Jubel.
"Well, lights out tonight
Trouble in the heartland
Got a head on collision
Smashin' in my guts, man
I'm caught in a cross fire
That I don't understand"
"Badlands" vom Album "Darkness On The Edge Of Town" macht den Anfang, Springsteen und seine Band spielen fast vier Stunden. Vier Stunden voller Energie – auf und vor der Bühne. 31 Songs, zwei Zugaben – "I'm On Fire", "Dancing In The Dark", "Glory Days", "The Promised Land", ein Cover von Elvis' "Can't Help Falling In Love" und, natürlich, im ersten Drittel, das Lied, auf das alle gewartet haben: "Born In The USA". Die Hymne mit einem Chor aus Zehntausenden Kehlen. Mitten in der Hauptstadt der DDR schwenken Menschen die Stars and Stripes.
"Born down in a dead man's town
And the first kick I took was when I hit the ground
You end up like a dog that's been beat too much
'Til you spend half your life just to cover up"
Dass auch Egon Krenz, stellvertretender Staatsratsvorsitzender der DDR, für gut 20 Minuten auf der Radrennbahn vorbeischaut, interessiert an diesem Abend keinen. Nach gut einer Stunde kramt Springsteen einen Zettel hervor und liest unter dem Jubel seiner Fans auf Deutsch ab:
Ich bin gekommen, um Rock 'n' Roll zu spielen für euch Ostberliner. In der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden
Das eigentlich vorgesehene Wort "Mauern" wurde noch kurzfristig durch "Barrieren" ersetzt. Keine Politik – nur die Kraft der Musik. Das bleibt das Credo. Anschließend Bob Dylan's "Chimes Of Freedom", unzählige Arme recken sich gen Ostberliner Abendhimmel. Glocken der Freiheit in der Hauptstadt der DDR.
"Far between sundown's finish
An' midnights broken toll
We ducked inside the doorway, thunder crashing
As majestic bells of bolts
Struck shadows in the sound
Seeming to be the chimes of freedom flashing"
Noch am Abend des Konzerts zeigt sich der Boss überwältigt von dem Publikum: "Fantastisch, unglaublich", schwärmt er in einem Pauseninterview mit dem DDR-Jugendfernsehen. "Ich bin überrascht, wie viele Menschen die Musik kennen. Da unten sind viele, die die Songs mitsingen. Sie haben Plakate mit den Titeln der Songs drauf. Es ist wirklich aufregend." Jahre später wird er über den Abend in Ostberlin sagen: "Das war eine sehr intensive, sehr emotionale Show. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass sie eine der besten war, die wir je gespielt haben." Und es ist bis heute das größte Konzert, das Springsteen je gegeben hat.
Gegen 23 Uhr endet das Gastspiel mit einer eigenen Version von "Twist and Shout" (The Top Notes) – auf der Radrennbahn in Weißensee läuft zu diesem Zeitpunkt endgültig die größte Party der Welt.
"Come on and work it on out
You know you twist, little girl
You know you twist so fine
Come on and twist a little closer now
And let me know that you're mine"
Eine letzte Verbeugung, Licht aus, ein Abend voller Euphorie endet. Springsteen und seine Fans sind abgekämpft und überglücklich. Der 19. Juli 1988 auf der Radrennbahn Weißensee geht in die Geschichte der DDR ein, die gut zwei Jahre danach zu Ende geschrieben sein wird.
Nicht wenige glauben, dass auch Bruce Springsteen und seine Band ihren Teil zum Ende der Diktatur im Osten Deutschlands beigetragen haben. Die Atmosphäre des Konzerts "spiegelt den Freiheitswunsch der begeisterten, aus allen Ecken der DDR angereisten, Fans", notiert der RBB. Der New Yorker Journalist Erik Kirschbaum veröffentlicht 2016 das Buch "Bruce Springsteen – Rocking the Wall", das den Besuch des Weltstars in Ostberlin von allen Seiten beleuchtet. Das Konzert sei ein wichtiger "Mosaikstein" der Wende gewesen, schreibt Kirschbaum mit Blick auf Springsteens "Barrieren"-Ansprache. "Es war die vielleicht kürzeste, mit Sicherheit aber die unterschätzteste Anti-Mauer-Rede, die je gehalten wurde." Die Menschen hätten die Rede auch ohne das Wort "Mauer" verstanden. Das Ziel der DDR-Führung sei nach hinten losgegangen. "Die wollten ihren Menschen etwas bieten, um sie zu besänftigen und die Zahl der Ausreiseanträge zu reduzieren – stattdessen haben die Menschen durch das Konzert noch mehr Hunger bekommen."
Cherno Jobatey sieht das etwas anders. "Bei dem Konzert ging es mehr darum, sich gegenseitig abzuschleppen, als die Mauer einzureißen", erzählt er 2018 dem "Tagesspiegel". Der Rocksommer 1988 – auch ein "Sommer of Love"?
Jedenfalls ein Sommer, den wohl niemand, der in Weißensee dabei war, jemals vergessen wird, auch Bruce Springsteen nicht. Nach seinem Konzert schreibt der Boss in der "Jungen Welt", der Zeitung der DDR-Massenorganisation FDJ: "Danke für eine fantastische Nacht in Ostberlin. Wir werden uns immer daran erinnern! P.S.: Hoffe, euch bald wiederzusehen."
Es dauert fünf Jahre, bis Springsteen und seine Band wieder in Deutschland gastieren. Im Frühjahr 1993 spielen sie auf der Berliner Waldbühne – vor Fans aus Ost und West. Die im Juli 1988 ersehnte Freiheit ist wahr geworden.
Gehen Sie mit stern PLUS auf Zeitreise und sehen Sie oben in der Fotostrecke Aufnahmen des unvergesslichen Sommerabends in Ostberlin.
Hinweis: Der stern gehört wie BMG zum Bertelsmann-Konzern.