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Christopher Hitchens ist tot: Am Tag, als die Polemik starb

Daran, dass Gott nach dem Tode auf ihn wartet, glaubte Christopher Hitchens nie. Am Donnerstag ist der brillante Rhetoriker und Journalist an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Hitchens wurde 62 Jahre alt.

Von Jens Wiesner

In seinen Händen wurden Worte zu Waffen: Wenn Christopher Hitchens zu Stift und Zettel griff, erzitterten die Mächtigen - so schneidend scharf waren seine Analysen, so bissig seine Kommentare. Und Hitchens' ätzende Polemik machte vor niemandem halt. Nicht vor dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, den er als Kriegsverbrecher vor Gericht sehen wollte. Nicht vor der englischen Krone und erst recht nicht vor Mutter Teresa, in seinen Augen eine "Medienheilige", die das Elend der anderen ausschlachte, um sich selbst berühmt zu machen. Trotzdem: So mancher dürfte sich im stillen Kämmerlein geadelt gefühlt haben, zur Zielscheibe dieses begabten Rhetorikers geworden zu sein. Doch gegen seinen letzten Opponenten half selbst der spitzeste Bleistift nicht: Am Donnerstag starb der Autor im M.D. Anderson Krebszentrum in Houston. Er wurde 62 Jahre alt.

Wie die "Vanity Fair" berichtet, erlag Hitchens' vom Speiseröhrenkrebs geschwächter Körper den Folgen einer Lungenentzündung. Zu diesem Zeitpunkt hatte der streitbare Journalist seine Behandlung bereits abgebrochen und sich in das Hospiz der Klinik einweisen lassen. Hitchens hatte von seiner Krebserkrankung, an der bereits sein Vater gestorben war, erst vor einem Jahr erfahren: Der gebürtige Brite befand sich auf Lesereise für seine Memoiren - und verwechselte die Schmerzen zunächst mit einem besonders schlimmen Kater.

Jahrzehntelang galt der ehemalige Trotzkist, der 1981 in die USA immigrierte, als Galionsfigur der amerikanischen Linken. Auch deswegen wandten sich viele ehemalige Weggefährten enttäuscht ab, als er nach dem 11. September 2001 mit der Politik der neokonservativen Regierung unter George W. Bush liebäugelte. Endgültig zerschnitten war das Tischtuch, als sich Hitchens 2003 - nach mehreren Reisen in den von Saddam Hussein beherrschten Irak - für das Engagement der Amerikaner im Zweistromland aussprach. Bis zu seinem Tod hielt Hitchens diesen Krieg für notwendig, distanzierte sich aber später von den zweifelhaften Mitteln, mit denen der "Krieg gegen den Terror" geführt wurde. Bei einem Selbstversuch setzte sich der Autor 2008 gar dem Waterboarding aus und beschrieb detailliert die Todesangst, die ihn dabei erfasst hat.

Atheist bis zum Tod

Standhaft blieb Hitchens dagegen in seiner Haltung zur Religion: Zeitlebens war er überzeugter Atheist - auch im Angesicht des eigenen Todes - "Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet" nannte der Autor seinen religionskritischen Bestseller von 2007 im Brustton der Überzeugung. Das Konzept eines allwissenden, allsehenden Gottes war Hitchens zuwider: "Das wäre wie in Nordkorea zu leben", erklärte er 2007 im Gespräch mit dem konservativen TV-Moderator Sean Hannity.

Hitchens' Religion war das geschriebene Wort: "Schreiben ist das einzige, was mir im Leben wichtig ist", bekannte der Schriftsteller drei Jahre später im Interview mit dem US-Talker Charlie Rose. Alkohol, Zigaretten und durchzechte Partynächte gehörten für ihn untrennbar dazu. "Ich kann mir mein Leben einfach nicht vorstellen ohne diese Feiern, ohne diese späten Nächte, ohne diese zweite Flasche."

Ob Hitchens vor seinem Tod noch eine letzte zweite Flasche in den Händen halten konnte? Ein Rosenkranz wird es ganz sicher nicht gewesen sein.

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