E-Books Die kulturlosen Rüpel


Von wegen Literaten und ihre neuen Werke. Das Topthema der Frankfurter Buchmesse waren E-Books, elektronische Lesetafeln, die Büchern Konkurrenz machen sollen.
Von Andrea Ritter

Also, ich versteh überhaupt nicht, warum die Leute so viel Aufregung um das Ding machen", sagt Michael Krüger, Geschäftsführer des Hanser Verlags. Die Leute, das ist der surrende Literaturbetrieb: Buchhändler, Verleger, Journalisten. Das Ding ist eine taschenbuchgroße elektronische Tafel, die für Büchermenschen so etwas werden soll wie der iPod für Musikfans: das E-Book. Der Leser der Zukunft, so die Idee, schleppt keine Bücher mehr mit sich herum, sondern speichert gleich eine ganze Bibliothek auf seiner Elektrotafel. Und liest dann Seite für Seite, ohne umzublättern. Auf der Frankfurter Buchmesse wurden nun die ersten Geräte präsentiert, die demnächst bei uns auf den Markt kommen sollen.

Alle Kanäle nutzen

Während die einen sich darüber freuen, dass E-Books endlich "sexy" würden, sehen Kulturpessimisten in der Datenkiste schon Buch und Abendland begraben. Die Verleger jedoch, jene seltsame Spezies, die allen Abgesängen zum Trotz immer noch davon lebt, dass sie Bücher macht und verkauft, betrachtet das Ding mit skeptischer Gelassenheit. "Als Verleger nutze ich alle Möglichkeiten, um ein Buch zu verbreiten", sagt Hanser-Chef Krüger, der ab kommendem Frühjahr E-Book-Formate anbietet. "Und wenn sich die Technik durchsetzt - na gut. Allerdings lesen die meisten Menschen im Schnitt nicht mehr als 15 Bücher im Jahr. Warum sollten sie auf einem Apparat 1500 lesen?"

In vielen Verlagshäusern gehören E-Books längst zum Alltag: Als praktisches Arbeitsgerät, auf dem man problemlos unzählige Manuskripte speichern und zum Teil auch lektorieren kann, ohne an einen Papierberg gebunden zu sein. Im Goldmann Verlag, der elektronische Buchformate schon seit Längerem in seinem Repertoire hat, sieht man genau darin den Nutzen des E-Books. "Das ist nichts für Leute, die abends am Kamin einen schönen Roman genießen wollen, sondern für jemanden, der viel reist und dabei unbeschwert lesen möchte", sagt Goldmann-Verleger Georg Reuchlein.

Die üblichen Grauzonen

Das elektronische Buch ist so gesehen nichts anderes als ein neuer Datenträger, auf dem sich üblicherweise an Papier gebundene Inhalte speichern und abrufen lassen. Problematisch wird es erst, wenn es um den Schutz und den Verkauf der Inhalte geht. In Deutschland gilt für Bücher eine Preisbindung. Ob darunter, wie vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gefordert, auch elektronische Bücher fallen, muss jedoch erst noch verhandelt werden. Und selbst wenn man die aus dem Internet zu ladenden Bücher zum Druckbuchpreis verkauft, ist es nahezu unmöglich, sie vor illegalen Downloads und Kopien zu schützen - damit könnten die Buchmacher nun vor denselben Problemen stehen wie ihre Kollegen aus der Musik- und Filmindustrie.

Die E-Book-Hersteller liefern sich derweil ein Wettrennen um durchsetzungsfähige Formate, Geräte und Kooperationen. Ab dem Frühjahr soll ein breites Spektrum verschiedener Lesegeräte auf den Markt kommen, die voraussichtlich zwischen 200 und 600 Euro kosten werden. Zu den größten Anbietern gehört der Online-Buchhändler Amazon: Mit seinem in den USA bereits erfolgreich eingeführten Elektrobuch "Kindle" können, mithilfe einer von Amazon vertriebenen Software, ausschließlich von Amazon bereitgestellte Inhalte abgerufen werden. Die japanische Firma Sony will ihren Reader mit Unterstützung der Buchhandelsgroßketten Libri und Thalia lancieren.

Ungebetener Gast

Die Verleger fürchten sich nicht vor dem E-Book, aber sie sorgen sich um Qualität und Vielfalt der Literatur. "Die Technik muss man akzeptieren", sagt Michael Zöllner von Klett-Cotta. "Wichtiger wird es sein, die Buchpreisbindung aufrechtzuerhalten und Monopolisierungs-Tendenzen entgegenzuwirken."

Bücher zu lesen, zu machen und zu verkaufen ist eben - nicht immer, aber immer noch - eine Herzensangelegenheit, die sich aus der Liebe zur Literatur speist. Das E-Book wirkt da wie ein kulturloser Rüpel, den man zwar anerkennt, aber niemals gernhaben wird. Die neue Technik, so die Meinung vieler Verleger, wird sich ihre Inhalte suchen und finden. Nur mit Literatur wird das nicht viel zu tun haben. Darum war das E-Book das meistdiskutierte, aber auch das meistgehasste Thema auf der Frankfurter Buchmesse - denn nach ein paar Tagen wollten die Verlagsleute auch gern mal wieder über Romane und Autoren statt über Elektrotafeln reden.

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