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Eine Weihnachtsgeschichte: Das Weihnachtsgeheimnis

Er schrieb die Bestseller "Sakrileg" und "Illuminati". Jetzt hat Dan Brown exklusiv für den stern eine Weihnachtsgeschichte geschrieben. Und darin geht's - wie könnte es anders sein? - um geheimnisvolle Codes und seltsame Rätsel.

Jede Familie hat ihre eigenen Weihnachtsrituale. Im Haushalt der Browns war die Weihnachtszeit stets eine Zeit köstlichen Essens, fröhlichen Gesangs, farbenfroher Geschenke und mysteriöser Codes.

Ja, Codes.

In meiner Kindheit war Weihnachten ohne die alljährliche Schatzsuche undenkbar. Nachdem das letzte Geschenkpäckchen unter dem Weihnachtsbaum geöffnet worden war, wussten meine Geschwister und ich, dass es noch ein "großes" Geschenk gab, das irgendwo im Haus versteckt auf uns wartete. Unsere einzige Hoffnung, es zu finden, war ein verschlüsselter Hinweis, der üblicherweise in einem Umschlag hoch oben im Weihnachtsbaum steckte, außerhalb unserer Reichweite.

Ich erinnere mich noch bestens an jenes Jahr, in dem dieser Umschlag ein besonders aberwitziges Rätsel enthielt. Mein Bruder, meine Schwester und ich tauften es damals das "TOCEP"-Weihnachtsrätsel (tatsächlich war es diese Schatzsuche, welche mich zu der Szene auf Seite 154 von "Sakrileg" inspiriert hat).

In jenem Jahr hatten wir eine Austauschschülerin bei uns zu Besuch. Bea kam aus Südafrika und war verständlicherweise ein wenig überwältigt von der fieberhaften Erwartung, die einem amerikanischen Weihnachtsfest vorausgeht. Trotzdem half sie uns mit Hingabe beim Dekorieren, Singen, Kochen und Backen, was unsere Weihnachtsferien in jenem Jahr zu etwas wirklich Besonderem machte.

So kam es, dass unsere Eltern am Weihnachtsmorgen, nachdem alle Geschenke ausgepackt und geöffnet worden waren, Bea mit sichtlichem Vergnügen den mysteriösen Umschlag reichten und ihr die Brownsche Tradition des Weihnachtsrätsels erklärten.

Erstaunt über die Existenz eines solchen Brauchs öffnete Bea aufgeregt den Umschlag. Das Gedicht darin verkündete, dass es beim diesjährigen Rätsel fünf Buchstaben des Alphabets zu finden galt, die im ganzen Haus versteckt waren. Der letzten Strophe des Gedichts zufolge war der erste Buchstabe, den wir finden mussten, ein T. Du suchst die Letter in der Eck (Hast du schon eine Idee?) Die meisten Ecken fallen weg es gibt nur eine für das T. Nur eine Stelle, wo wir das T finden konnten?

Mein kleiner Bruder Greg hatte als Erster eine Idee. Er sprang auf und stürzte in die Küche. Wir rannten alle hinterher. Zielstrebig nahm er sich einen Hocker und zerrte ihn zur Frühstücksecke hinüber. Dann kletterte er auf die Anrichte, wo die Dose stand, in der meine Mutter ihre Teebeutel aufbewahrte. Und siehe da, in der Dose lag eine Karte mit dem großen Buchstaben T darauf.

Brillant!

Neben dem T lag ein weiterer Hinweis, der uns in den Keller führte. Dort entdeckten wir ein O, das mit Klebeband an einem Hula-Hoop-Reifen befestigt war.

Äußerst raffiniert!

Vom Keller aus führten uns weitere Hinweise durch das übrige Haus. In der Küche fanden wir in einer Dose mit Vitamin C den Buchstaben C. Im Vorraum zum Garten verbarg sich der Buchstabe E auf meiner Exeter-Kappe, deren Vorderseite mit einem großen E bestickt war.

Nun hatten wir vier Buchstaben beisammen: T-O-C-E. Doch wir waren unserer mysteriösen Beute noch keinen Schritt näher gekommen. Wir hofften, dass der fünfte und letzte Buchstabe des Rätsels Lösung sein würde. Der Hinweis, der uns zu ihm führen sollte, verblüffte uns aber alle. Die letzte Letter für das Wort Find't sich an 'nem speziellen Ort Ist sauber glänzend wie Glacé Und ganz natürlich für ein P Ein spezieller Ort für ein P?

Ich suchte in der Speisekammer bei den Gläsern mit konservierten Pfirsichen. Nichts. Mein kleiner Bruder rannte in sein Zimmer und nahm sich seine Philadelphia-Phillies-Kappe vor. Wieder nichts.

Ein natürlicher Ort für P?

Es war Beatrice, unsere Austauschschülerin (die während ihres Aufenthalts zahlreiche Slang-Ausdrücke aufgeschnappt hatte), die plötzlich aufsprang und die Treppe hinaufrannte. Im ersten Moment dachten meine Geschwister und ich, ihr wäre nicht gut ... Doch dann hörten wir sie vor Vergnügen jubeln. Wir eilten nach oben und fanden Bea im Badezimmer, außer sich vor Lachen. Sie deutete auf die glänzend saubere Toilette. Wir spähten hinein und fanden dort zu unserer Freude den Buchstaben P auf die Innenseite der Toilettenschüssel geklebt.

P wie Pipi! Auf der Toilette!

Halb besinnungslos vor Lachen über diesen Einfall wälzten wir uns auf dem Boden. Meine Eltern waren ohne Zweifel die lustigsten Menschen auf der ganzen Welt. Endlich, als wir wieder halbwegs atmen konnten, rannten wir nach unten ins Wohnzimmer zurück, um die Bedeutung der fünf mysteriösen Buchstaben zu entschlüsseln.

T-O-C-E-P?

Wir breiteten die Buchstaben auf dem Wohnzimmerboden aus und starrten sie an.

T ... O ... C ... E ... P?

Was sollte das bedeuten?

Meine jüngere Schwester Valerie erahnte es als Erste. Sie atmete verblüfft ein und wirbelte ungläubig zu meinen Eltern herum. "Nein!", rief sie. "Wirklich?"

Meine Eltern sahen sie freudestrahlend an. "Wirklich. Gleich morgen früh."

Wir übrigen Kinder beobachteten in gebannter Faszination, wie die kleine Valerie triumphierend die fünf Buchstaben TOCEP umordnete ... zu dem magischen Wort EPCOT. Augenblicklich sprangen wir alle vier auf, tanzten durch das Zimmer und jauchzten vor Freude: "Epcot! Epcot!"

Selbst unsere Austauschschülerin Bea hatte schon von Walt Disney World's Epcot Center gehört, und sie stimmte in unseren Freudengesang ein. Ein Traum war Wirklichkeit geworden.

Gleich am nächsten Morgen stiegen wir in ein Flugzeug nach Orlando.

Bis heute ist dies für uns alle eines der schönsten Weihnachtsfeste geblieben, das wir je erlebt haben.

Dan Brown / print