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Eric-Emmanuel Schmitt im Interview: "Ich bin wie Hitler"

Wäre aus Adolf Hitler ein anderer geworden, wenn die Wiener Kunstakademie ihn 1908 angenommen hätte? Dieser Frage widmet sich der französische Bestseller-Autor Eric-Emmanuel Schmitt in seinem Roman "Adolf H. - Zwei Leben". Mit stern.de sprach er über Freud, Mussolinis Sexualität und den Hitler in uns allen.

Monsieur Schmitt, Ihre Geschichte beginnt damit, dass Hitler an der Wiener Kunstakademie abgelehnt wird. Sie stellen dem realen Hitler einen Adolf H. gegenüber, der die Prüfung besteht und dessen Leben völlig anders verläuft. Glauben Sie tatsächlich, dass so eine kleine Weichenstellung den Lauf der Weltgeschichte verändern kann?

Nein, überhaupt nicht. Ich beginne nur an diesem Punkt zu erzählen. Dabei zeige ich zwei Personen, die bis zu diesem Zeitpunkt dieselben sind. Das Entscheidende ist aber nicht die Ablehnung. Der Wurm sitzt bei Hitler schon im Apfel, wenn man so will. Er fragt sich nach der gescheiterten Bewerbung nicht: Habe ich zu wenig geübt? Stattdessen glaubt er: Ich bin ein Genie, nur erkennt es niemand. Das ist paranoid. Er sieht die Schuld immer bei den anderen. Ich will beschreiben, wie das Dämonische sich aus dieser Haltung und aus der Geschichte entwickelt, der deutschen, der europäischen.

Über Hitler ist unglaublich viel geschrieben worden. Zuletzt haben die Literaten Harry Mulisch und Norman Mailer sich ihm genähert. Warum hält diese Faszination an? Ist es der Grusel, ein wohliges Schaudern?

Ich habe diesen Roman geschrieben, um zu verstehen, wie man so eine Drecksau, so ein Monster werden kann. Ich habe dafür eine Art Psychologielabor angelegt, um nachzuvollziehen, wie ein 17 Jahre alter Junge, der davon träumt, Maler zu werden, der Wagner liebt und nicht im geringsten ein Antisemit ist, zum Judenhasser, zu dem Diktator wird, der Europa in den Krieg führt und Millionen Menschen tötet. Wie wird aus dem Jugendlichen, den ich respektieren kann, der Erwachsene, den ich verabscheue?

Sie konstruieren dafür sehr starre Gegensätze zwischen den beiden Protagonisten.

Die virtuelle Figur dient mir dazu, die historische Figur genauer zu beleuchten. Das zeigt doch nur: Manche Leute beschäftigen sich mit ihren Schwierigkeiten, öffnen sich den Menschen, den Frauen gegenüber.

Adolf H., das gute Alter Ego, liegt bei Freud auf der Couch, um seine gestörte Sexualität in den Griff zu bekommen...

Wenn man Schwierigkeiten erkennt, kann man mit ihnen umgehen. Adolf H. sieht, dass er mit Frauen, mit seiner Sexualität nicht klarkommt, dass seine Intelligenz Grenzen hat. Hitler tut das nicht: Der schiebt die Schuld immer auf die anderen.

Heißt das, wenn Hitler auf Freuds Couch gelandet wäre, hätte das Schlimmeres verhindert?

Eben gar nicht. Der echte Hitler hätte ihn nie getroffen. Der hatte ja kein Problem. Dachte er.

Warum ist die Sexualität für ihren literarischen Erklärungsversuch so zentral?

Die Sexualität ist die grundlegende Form der Annäherung an unsere Nächsten. Damit entdeckt man andere. Über Hitlers Sexualität gibt es unzählige Theorien. Man weiß im Grunde nur, dass man nichts weiß. Er ist wohl nahezu ohne Sex ausgekommen. Hat das mit seiner Verschlossenheit den anderen gegenüber zu tun? Ermöglichte ihm das, das Barbarische überhaupt erst zu denken?

Lässt sich das Erklärungsmuster auf andere Diktatoren übertragen?

Als die italienische Übersetzung erschien, haben viele die Sexualität Hitlers mit der von Mussolini verglichen. Die Italiener sagten: Das sind zwei völlig verschiedene Typen. Mussolini sei viel sinnlicher gewesen, der Zugang zum anderen hat eine viel größere Rolle gespielt.

Hat ihn das weniger grausam gemacht?

Ich denke ja.

Und Stalin?

Das Buch dürfen Sie schreiben.

Ihr Roman lässt gerade am Anfang viel Sympathie für Hitler zu. Laufen Sie als Autor nicht Gefahr, zu entschuldigen, wo Sie eigentlich erklären wollen?

Genau daran arbeite ich. Anfangs wirkt der echte Hitler sympathisch. Da habe ich diesem jungen, verklemmten Mann nichts vorzuwerfen. Der Leser soll das nachempfinden. Adolf H. ist zunächst etwas lächerlicher gezeichnet. Das dreht sich im Laufe des Romans um.

In Deutschland halten es viele für problematisch, Hitler sympathisch erscheinen zu lassen.

Ich bin Franzose. Und Hitler ist kein Problem, dass ihr Deutschen exklusiv habt. Das ist ein allgemein menschliches Problem. Sicher: die Deutschen tragen ihre Schuld, sie haben ihn gewählt, es ist ihr historisches Schicksal, damit umzugehen. Was mich aber interessiert: Er ist ein Mensch. Dieses Monster, das ich hasse, was habe ich mit dem vielleicht gemeinsam? Ich respektiere vollkommen den anderen Zugang, den man hier in Deutschland hat. Aber es ist auch meine Geschichte. Und ich will sie verstehen. Jeder von uns trägt in sich die Möglichkeit, ein Hitler zu werden. Das ist nicht deutsch, vorbei, vergangen. Jeder hat das in sich.

Sind Sie beim Schreiben manchmal über das erschrocken, was Sie da machen?

Es war eine böse Überraschung festzustellen, dass auch ich diesen Keim in mir trage. Das war schmerzhaft, aber sehr nützlich.

Woran haben Sie das gemerkt?

Sie wollen, dass ich Ihnen von meinen Hitler'schen Trieben erzähle? Gut: Ich bin wie Hitler, wenn ich denke, ich könnte nie eine Drecksau sein. Ich bin wie er, wenn ich die Realität vereinfache, statt ihre Komplexität zu akzeptieren. Wenn ich einen Schuldigen suche, einen Sündenbock, anstatt zu analysieren. Wenn ich denke, dass ich alles richtig mache.

Machmal könnte man den Eindruck bekommen, die Popfigur, zu der Hitler mittlerweile auch geworden ist, färbt auf Ihren Roman ab.

Popfigur?

Es gibt Karikaturen von Hitler, Comic-Filme, die ihn beim Spielen in der Badewanne zeigen. Er ist in der deutschen Popkultur angekommen. Neben der historischen Figur steht ein Pop-Hitler.

Ja? In Frankreich ist das nicht so. Was Sie da sagen, beunruhigt mich sehr. Das würde in Frankreich gar nicht gut ankommen.

Warum?

Ich finde Hitler-Karikaturen nicht gut. Es ist einfach, sich lustig zu machen. Wichtig ist mir aber, zu zeigen, wie nahe wir ihm stehen, nicht wie fern. Charlie Chaplins "Der große Diktator" ist ein wunderbarer Film. Trotzdem ist mir dabei unwohl. Er nährt die Vorstellung, dass Hitler hysterisch, krank, vollkommen anders als wir waren. Das ist in ethischer Hinsicht gefährlich.

Sie überzeichnen doch auch.

Anfangs ist die Figur sympathisch. Später arbeite ich mit Ironie und Sarkasmus, um Distanz zu schaffen. Bei so einem Buch muss man sehr strategisch vorgehen. Man bewegt sich da auf vermintem Gelände. Ich habe versucht, die Minen zu meiden. Es ist mir sicher nicht immer gelungen.

In Deutschland wird man nun besonders darauf achten...

Das ist mir vollkommen klar. Aber das sagt mindestens genauso viel über die Leute aus, die nach den Minen suchen, wie über mich.

Interview: Johannes Gernert