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Fortsetzung der SM-Trilogie Mr. Grey ist wieder für Sie da

Willkommen, "Grey": E.L. James hat am Donnerstag ihr neues Buch in New York präsentiert - "Fifty Shades of Grey" aus der Sicht des Mannes.
Willkommen, "Grey": E.L. James hat am Donnerstag ihr neues Buch in New York präsentiert - "Fifty Shades of Grey" aus der Sicht des Mannes.
© Alexandra Kraft
Die "Fifthy Shades"-Serie geht in die Verlängerung. Jetzt erzählt E.L. James die Geschichte aus der Sicht von Christian weiter. Ortstermin bei einer Signierstunde in New York.
Von Alexandra Kraft, New York

Die Schlange ist gigantisch. Durch die zwei Etagen des Buchladens, zwischen den Regalen, durch die Drehtür nach draußen, vor den Schaufenstern vorbei, die New Yorker 5th Avenue hinauf und dann noch einen ganzen Block um die Ecke. 600 Frauen vielleicht, zwei, drei Männer dazwischen und es herrscht eine Stimmung wie bei einer Teenager-Knutsch-Party. Es wird gekichert und getratscht. Die Worte Orgasmus und Sex werden geflüstert. Manche der Damen stehen hier seit vier Uhr früh. Das schweißt zusammen.

"Zum Glück war es eine warme Nacht", sagt Alex Gomez, sie wartet an dritter Stelle. In der linken Hand hält sie das frisch erschienene Buch von E.L. James. Auf dem Cover steht in silberner Schrift "Grey", es ist die Fortsetzung der "Fifthy Shades of Grey"-Serie. Nun wird die Liebesgeschichte aus der Sicht von Christian erzählt. Natürlich immer noch mit Bondage, Vanilla-Sex und Peitschenhieben. Schon in der Nacht, kaum das die ersten Bücher zum Download bereit standen, tauschten die Fans auf Twitter die besten schlüpfrigen Stellen aus.

GREY - das ist das Cover des neuen Romans von E.L. James
GREY - das ist das Cover des neuen Romans von E.L. James
© Penguin Random House/dpa

Es ist morgens 11 Uhr 30, als der Satz: "Sie kommt" ehrfürchtig durch die Reihen geraunt wird. Alle sind plötzlich in Bewegung. Alex Gomez zappelt von einem Bein auf das andere und wedelt sich mit der linken Hand Luft zu. "Wie sehe ich nur aus, meine Haare, ich habe nicht geduscht", sprudelt es aus ihr heraus. Dazwischen sagt sie immer wieder: "Ich bin nur hier, weil meine Freundin arbeiten muss und keine Zeit hat. Das Buch ist nur für sie, mich interessiert es nicht." Das klingt nach plumper Ausrede, aber welche erwachsene Frau gibt schon gerne zu, dass sie für eine Signierstunde mit der Autorin eines Sex-Romans sieben Stunden ansteht?

Der Hype flaut nicht ab

Und da ist sie dann wirklich. E.L. James. Eine kleine stämmige Frau in einem auffallenden, grün gemusterten Kleid. Der Ausschnitt ist tief, ihre langen schwarzen Haare perfekt gestylt. Vier Sicherheitsmänner achten darauf, dass ihr niemand zu nahe kommt. Kaum dass sie hinter einem braunen Tisch Platz genommen hat, legt sie schon los. "Hallo, wie geht es Ihnen?" "Gut." "Wie heißen Sie?" Unterschrift. "Tschüss." Fertig.

All das dauert jedes Mal etwa zehn Sekunden, dann ist die nächste dran. "Wir wollen ja, dass alle, die ein Buch gekauft haben, auch drankommen", sagt eine Mitarbeiterin der Buchhandlung. Für Alex Gomez ist schon alles vorbei. Sie steht inzwischen mit hochroten Kopf am Ausgang und stammelt immer wieder "Oh mein Gott". Schnell stellt sie ein Foto der Widmung auf ihre Facebook-Seite.

Die ersten drei Bücher, der Film und nun der neue Roman - der Hype flaut nicht ab. Kaum dass E.L. James Anfang Juni verkündet hatte, dass ein neues Buch erscheinen werde, schossen die Vorbestellungen bei Amazon nach oben. Und ebenso begann reflexartig das kollektive Kopfschütteln. Wie kann eine so schlecht geschriebene Geschichte so viele Menschen anziehen? Warum lesen Frauen begeistert, wie sich eine junge Studentin einem reichen Mann unterwirft und verprügeln lässt? Ratlosigkeit.

Morde und Meuchelei sind okay, Sex wird gepixelt

Vor allem Männer waren es, die Frauen erklärten, warum sie das Buch doof zu finden hatten. Und die sich lustig machten. Die das Ende des Feminismus ausriefen. Das Wort Mama-Pornos erfanden. Wie könnt ihr nur so doof sein und solchen Schund lesen? Kein Spruch war zu schlecht, um nicht gemacht zu werden. Ganz so, als würde nicht ein Mann auf die Idee kommen, Sex-Heftchen zu blättern und Pornos zu schauen.

In den USA wird im Fernsehen mit Genuss und Hingabe gemordet und gemeuchelt. Zur besten Sendezeit, gerne sehr blutig und detailliert. Geht es um Sex, ist alles anders. Nackte Frauen, Busen oder Hintern gibt es im Grunde nicht zu sehen. Alles wird immer schön gepixelt. Männer dürfen immerhin ab und an den Sixpack entblößen. Prüder geht es kaum. Filme wie Basic Instinct, mit der Beine spreizenden Sharon Stone, scheinen schon Jahrhunderte her. Und gibt es mal eine Andeutung von Erotik, dann ist es meist für Männer gemacht.

Und genau diese Lücke füllt E.L. James. "Fifty Shades of Grey" sind Groschenromane, kein Zweifel. Mehr wollen sie aber auch gar nicht mehr sein. Früher brannten in diesen billigen Heftchen Ärzte mit der Krankenschwester durch, oder der Patientin. Heute ist es eine sexuell unerfahrene Studentin, die sich einem Mann mit Millionen, Hubschrauber und Penthouse hingibt. Dieses Frauenbild mag überholt sein und in der echten Welt würden die meisten Frauen zu Recht schreiend weglaufen. Aber im Roman gibt es am Ende trotzdem für alle ein Happy End - sogar für den gepeinigten Christian.  

Es gibt nicht viel Neues zu erfahren

Für viele Frauen offensichtlich eine traumhafte Vorstellung. Die Sprache der Romane ist schlicht und lässt sich schön in der Bahn auf dem Weg zu Arbeit lesen. Dass es alle paar Seiten mindestens ein bisschen Gefummel und Geknutsche gibt, sorgt für Kribbeln. Versohlte Hintern, heraus gezogene Tampons und Blowjobs für heimliche Schamesröte. Ohne E-Reader, auf denen man unentdeckt lesen kann, wäre die Autorin E.L. James vermutlich nur halb so erfolgreich. Es ist ein bisschen wie früher, wenn man heimlich mit der Taschenlampe unter der Decke las. Der Ruch des Verbotenen lockt sicher viele an.

Auch mit dem neuen Buch ist der Wirbel - zumindest in den USA -wieder groß. Christians Sicht ist düsterer, manchmal ein bisschen unheimlicher. Aber die Geschichte ist bekannt, es gibt wenig Neues zu erfahren. Genau das kann ja auch entspannend sein. Ein bisschen, wie wenn man einen alten Bekannten wieder trifft. Und diesmal weiß man schon von der ersten Seite an, dass am Ende alles gut wird.

Viele in der Schlange zur Signierstunde wenden sich ab, wenn eines der Kamerateams sie filmen möchte. Eine Frau sagt verlegen: "Mein Mann weiß nicht, dass ich hier bin." Dann gibt es Selbstbewusste, wie Indonesia, die sich heute extra einen Tag frei genommen hat. "Ich muss das Buch unbedingt lesen", sagt sie. Und dann spricht sie von Christian Grey, als wäre er ein Familienmitglied, dass sie schon lange, lange kennt. Sie redet davon, wie reich er ist, wie er seine Freundin verwöhnt, was für ein verständnisvoller Mann er sei. Wie sehr er sich kümmere. Minutenlang geht das so. Dann meint sie: "Ich werde doch noch träumen dürfen." So wie viele andere Frauen auch.


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