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Graham Greene: Schriftsteller und Spion, Katholik und Kommunist

Der Geburtstag Graham Greenes jährt sich zum 100. Mal. Ein Rückblick auf das vielschichtige und bisweilen widersprüchliche Leben des großen Schriftstellers.

Trotz seines Weltruhms wirkte er auf Zeitgenossen stets zurückhaltend, freundlich und überraschend bescheiden. Er war Katholik und heftiger Kritiker der Kurie, der Freund linksgerichteter Staatsmänner und ein Gegner der US-Weltpolitik, er war britischer Geheimagent, Lebemann und einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Am 2. Oktober jährt sich der Geburtstag Graham Greenes zum 100. Mal. Schon zu Lebzeiten genoss der Brite legendären Ruhm, der sich auf eine Vielzahl Bestseller begründete. Er schrieb "Der stille Amerikaner", "Das Herz aller Dinge" und "Der dritte Mann", der als Film mit Orson Wells noch berühmter wurde als die Romanvorlage.

"Eine Art Leben"

Besessen von der Neugier auf Menschen und - wie Ulrich Greiwe in seiner soeben erschienenen Biografie meint - voller Staunen über den "Reichtum des Lebens" war Schreiben für Greene "eine Sache von Leben und Tod". In den ersten zwanzig Jahren seit seiner Geburt 1904 war das englische Berkhamsted "einziger Schauplatz für Glück, Elend, erste Liebe und Schreibversuche". So jedenfalls erinnert sich Greene in seiner jetzt in Neuübersetzung vorgelegten Autobiografie "Eine Art Leben". Den Sohn eines Schuldirektors zog es schnell in die Ferne, Reisen in alle Welt blieben ihm ein Leben lang ein ebenso elementares Bedürfnis wie Schreiben.

Er lernte berühmte Politiker kennen, von denen diejenigen ihm am nächsten standen, die einen dritten Weg beschritten: Mit Fidel Castro, Salvador Allende, dem früheren sozialistischen Präsidenten von Nicaragua, Daniel Ortega, und dem panamaischen Ex-Staatschef Omar Torrijos verband ihn tiefe Freundschaft. Die wechselnden US-Regierungen sahen in dem streitbaren Autoren hingegen den "Kommunisten-Freund", dem sie häufig die Einreise verwehrten.

Langjähriger Favorit auf den Literaturnobelpreis

Greenes literarisches Werk ist üppig: Bis zu seinem Tod am 3. April 1991 schrieb er über 30 Romane, Theaterstücke, Drehbücher, Essays und Kurzgeschichten. Angesichts der hohen Qualität seiner Bücher galt er viele Jahre als Favorit für den Literaturnobelpreis, den er aber nie erhielt. Dabei verstand er es wie kaum ein anderer, große moralische Fragen mit politischer Aktualität zu verknüpfen. Gleichwohl blieb er stets der große Erzähler, der seine Leser zu bannen verstand. Viele seiner Romane, von denen vor allem "Der stille Amerikaner" (1955), "Die Kraft und die Herrlichkeit" (1940), "Der dritte Mann" (1951) und "Unser Mann in Havanna" (1958) zu Weltruhm gelangten, wirken heute noch so frisch wie zur Zeit ihres Ersterscheinens. Greene gelang das Kunststück, als Reporter des Weltgeschehens und zugleich Erforscher der menschlichen Seele zu überzeugen. Henry James und Joseph Conrad waren seine Vorbilder, später auch Anton Tschechow, den er verehrte.

Kritischer Katholik

Immer wieder thematisierte Greene in seinen Büchern die amerikanische Weltmachtpolitik, zentrale Glaubensfragen und das weite Feld der Liebe: Für Vivien Dayrell-Browning trat er 1926 zum katholischen Glauben über - eine Entscheidung, die der Kirche einigen Verdruss bereiten sollte. Denn Greene blieb stets ein äußerst kritischer Beobachter des Vatikans: Die Einstellung von Johannes Paul II. zur Geburtenkontrolle kam ihm "absurd" vor. In einem Brief äußerte er sich darüber hinaus zu diesem Papst: "Ich mag dieses Showbiz nicht, diese Küsse auf den Boden." In der römischen Kurie sah Greene ein Pendant zum sowjetischen Politbüro, allerdings mit dem Unterschied, dass sich "selbst in Moskau" die Dinge allmählich änderten. Dennoch war er gläubig: "Es ist ein Mysterium, das nicht vernichtet werden kann. Auch nicht durch die Kirche."

Ein Sohn und eine Tochter gingen aus der früh gescheiterten Ehe mit Dayrell-Browning hervor. Zwölf Jahre dauerte die stürmische Beziehung zu der verheirateten Catherine Walston, die er vergeblich für immer an sich binden wollte. Und schließlich zog er ins südfranzösische Antibes, um Yvonne Cloetta nahe zu sein, die er über dreißig Jahre liebte. "Ich habe ein paar gute Bücher geschrieben", resümierte Greene kurz vor seinem Tod. Und: "Ich hatte meinen Platz in der Welt, und das bedeutete mir mehr als Glücklichsein."

Susanna Gilbert-Sättele, DPA

Literaturhinweise:

Graham Greene: Eine Art Leben
Zsolnay Verlag, Wien
224 Seiten, 19,90 Euro

Ulrich Greiwe: Graham Greene und der Reichtum des Lebens
dtv premium, München
203 Seiten mit Abbildungen und Anhang, 15 Euro