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Guido Westerwelle "Mein einziger Plan ist es, zu überleben"


Der frühere Außenminister Guido Westerwelle hat die Leukämie besiegt. Mit einem Buch meldet er sich nun zurück. In Berlin sprach er über den Moment, in dem er dachte zu sterben und über die Liebe zu seinem Mann.
Laura Himmelreich, Berlin

Der Guido Westerwelle von früher scheint unendlich weit weg. Der Mann auf der Bühne im Foyer des Berliner Ensembles sieht zwar aus wie Guido Westerwelle. Doch er spricht anders, leiser, nasaler. Der größte Unterschied ist, dass dort auf der Bühne ein Mann sitzt, der in sich ruht. Der Guido Westerwelle von früher, der angriffslustige, der immer ein bisschen zu laut war, zu schrill, zu krampfhaft bemüht darum zu punkten, an diesem Sonntag scheint der frühere Westerwelle wie aus einer anderen Zeit.

Für ihn selbst ist er das auch. "Zwischen zwei Leben", heißt das Buch, das Westerwelle gemeinsam mit dem ehemaligen stern-Chefredakteur Dominik Wichmann geschrieben hat und nun vorstellt. Westerwelle erzählt, wie die Diagnose Krebs von einem Tag auf den anderen sein Leben aus den Fugen hob. Kurz nach Ende seiner Amtszeit als Außenminister erhielt er die Diagnose Leukämie. Zwischenzeitlich lag seine Überlebenschance nur noch bei zehn Prozent.

"Mein Gott, worüber hast du dich früher alles aufgeregt"

"Wie geht es Ihnen?", fragt die Moderatorin Dunja Hayali zu Beginn der Buchvorstellung. "Mir geht es gut", sagt Westerwelle. "Ich hatte bessere Phasen. Aber auch schon schlimmere Phasen. Man ist noch sehr schwach."

Er muss sich vor Infektionen schützen. Deswegen gibt er niemandem die Hand. Im Publikum sitzen die Weggefährten seines früheren Lebens: Botschafter, Ex-FDP-Politiker wie Dirk Niebel oder die Moderatorin Sabine Christiansen, in deren Talkshow er Dauergast war. Westerwelle begrüßt seine Gäste, indem er seine Hand aufs Herz legt.

Seine Prioritäten im Leben, sagt er, habe der Krebs auf den Kopf gestellt: "Mein Gott!", denke er sich nun häufig, "worüber hast du dich früher alles aufgeregt?"

Der Politiker, der gewohnt war, über alles die Kontrolle behalten zu wollen, musste lernen, auf andere zu vertrauen. Sein Arzt sagte ihm zu Beginn der Behandlung: "Sie müssen sich fallen lassen." Er sei jetzt der Kapitän an Bord. Und das Schiff, das er steuere, sei Westerwelles Leben.

Lebensbuch inklusive Liebeserklärung

In dem Buch schildert er seine Wochen auf der Onkologie-Station des Kölner Universitätsklinikums, mit Schläuchen in Brust, Hals und Rachen wie "ein wundes Schlachtfeld". Er beschreibt, wie er einen allergischen Schock erlitt und dachte, er würde sterben.

Trotz allem, sagt Westerwelle, sei sein Buch kein "Krankheitsbuch", sondern ein "Lebensbuch". Er will Menschen dazu motivieren, sich als potentielle Knochenmarkspender zu registrieren. Westerwelle musste kurz vor der ersten geplanten Transplantation erfahren, dass sein Spender abgesprungen war. Er überlebte nur, weil sich noch rechtzeitig ein neuer fand.

Sein Buch hat aber noch eine weitere Mission. "Eine kleine Liebeserklärung", sei es, sagt Dunja Hayali, an Westerwelles Mann Michael Mronz. Westerwelle korrigiert sofort: "Es ist nicht nur eine kleine." Er ringt um die Worte, hat Tränen in den Augen, als er über seine Beziehung spricht. "Diese Liebeserklärung", sagt er, "Warum sollte ich sie nicht machen? Warum nicht?" Alle sollen sehen, dass homosexuelle Paare genauso für einander da sind, dass es keine Liebe zweiter Klasse gibt. "In meinem Leben ist Michael nicht alles", schreibt Westerwelle in dem Buch. "Aber ohne ihn ist alles nichts."

"Ich habe den Plan zu überleben"

Als Politiker versteckte Westerwelle seine Gefühle gerne hinter Pathos und großer Show. Als Überlebender entblättert er sich so, wie es wohl kaum ein deutscher Politiker vor ihm getan hat, egal, ob es um hohes Fieber geht, seinen Stoffwechsel, oder seine Partnerschaft.

Westerwelle hat durch die Stammzellenspende mit 53 Jahren eine neue Blutgruppe bekommen. "Man bleibt der selbe Mensch", sagt er, "und ist doch ein anderer geworden." Am Ende fragt ihn ein Journalist, welche Pläne er nun habe: "Ich habe den Plan zu überleben", sagt er. "Das ist mein einziger Plan." Die 180 Menschen im Publikum applaudieren lange. Nicht so aufgeputscht euphorisch, wie sie ihm früher auf Parteitagen feierten. Aber es ist ein warmer Applaus, voller Respekt.


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