Halloween in New York Slash, das lebende Gruselgespenst


Was unterscheidet einen düster auftretenden Rockstar von düster auftretenden Geistern? Slash hat "Slash" geschrieben, seine Biografie - der einstige Gitarrist von Guns N' Roses präsentiert sich zu Halloween in New York als Autor.
Von Ulrike von Bülow, New York

Slash könnte in "Blood Manor" auftreten, das ist ein so genanntes "haunted house", eine Geisterbahn für Erwachsene, die es nur zu Halloween gibt. "Blood Manor" findet man im Westen Manhattans auf der 27. Straße, in einer Fabriketage in Chelsea, der Eintritt kostet 25 Dollar, aber es empfiehlt sich, vorab im Internet ein "R.I.P."-Ticket für 45 Dollar zu erwerben; R.I.P. steht für "Rest In Peace", ruhe in Frieden, und mit diesem Ticket muss man sich nicht unten anstellen in der langen Schlange, die sich Nacht für Nacht vor "Blood Manor" bildet, sondern darf direkt mit dem Fahrstuhl in die Hölle fahren.

Man denkt noch: Höhö, Geisterbahn, kenn' ich ja vom Hamburger Dom - guckt aber ziemlich schnell ziemlich sparsam, wenn man durch "Blood Manor" irrt. Ständig springen aus dunklen Ecken leibhaftige Figuren hervor, geschminkt, verkleidet, mit blutigen Gesichtern und Glupschaugen so groß wie Pfirsiche. Mit Messern in der Hand, die man plötzlich an der Kehle spürt, mit kreischend lauten Kettensägen, von denen Blut herunter tropft, und alle ätzen sie so Sachen wie: "Ah! Frischfleisch! Komm nur, kleines Mädchen, ich zerlege dich…" Und in einem Raum hängen Leichensäcke von der Decke wie Schweinehälften in der Schlachterei. Man traut sich kaum an ihnen vorbei, weil sich bestimmt gleich ein Sack bewegt; in einem anderen Raum liegt ein Mann herum mit offener Bauchdecke, er schreit: "Meine Innereien, meine Innereien!" - und man hat längst nicht mehr auf dem Schirm, dass die Bauchdecke aus dem Kostümfundus ist und all das Blut Theaterschminke.

Slash sieht durch und durch gruselig aus

So ein Besuch in "Blood Manor" wirkt nach, man ist auch am nächsten Nachmittag noch ein bisschen sensibel - und dann sieht man Slash. Er trägt schwarz, von unten bis oben, Zylinder inklusive, und man rechnet jede Sekunde damit, dass er gleich den Vorhang aus dunklen Haaren beiseite schiebt, der vor seinem Gesicht hängt, und die schwarz getönte Sonnenbrille herunterreißt, die seine Augen verdeckt, und sehr böse Sachen sagt.

Rauchverbot stört ihn nicht

Aber Slash, einst Gitarrist von Guns N' Roses, sagt erst mal gar nichts, und groß bewegen tut er sich auch nicht. Er steht bei in einer Filiale der Buchkette "Barnes & Noble" am New Yorker Astor Place, hat eine brennende Zigarette in der linken Hand und in der rechten einen kleinen, weißen Kasten, den er im Zeitlupentempo auf den Tisch stellt und aufklappt; offenbar sein persönlicher Aschenbecher. Er legt seine Zigarette darin ab und setzt sich, dann nimmt er noch einen tiefen Zug. Rauchen in einem öffentlichen Gebäude - das wird hier normalerweise mit mindestens 17 Jahren Guantanamo bestraft, aber wenn so ein Rockstar das macht, einer mit Hotelzimmer-zerlegen-Historie, dann lächeln und nicken ihm alle freundlich zu, irre.

Slash ist gekommen, um seine Autobiografie zu signieren, die dieser Tage erscheint. Sie heißt wie er, "Slash", und es sieht aus, als wollten überwiegend jene Menschen sein Autogramm, denen er das Buch (neben seiner Familie) gewidmet hat: "Den Guns N' Roses Fans überall", schreibt Slash, "ohne deren unsterbliche Loyalität und grenzenlose Geduld alles nichts wert wäre". Die Leute, die für ihn anstehen, tragen Guns-N'-Roses-T-Shirts und dazu Shorts, sie haben tätowierte Waden und lange Haare. Sie sind so unaufgeregt wie er, es gibt kein Gekreische.

Fans mit Waden voller Tattoos

Aufgeregt sind nur die Herrschaften von "Barnes & Noble", die sehr laut sagen: "Slash wird keine persönlichen Widmungen schreiben! Wir haben nicht viel Zeit!", aber da ist Slash schon dabei, persönliche Widmungen zu schreiben. "Wie war der Name?", fragt er, schön tief ist seine Stimme. "Zardy", sagt ein junger Typ, der vor ihm am Tisch steht, "schreib: Für Zardy". Okay, sagt Slash, und schreibt "To Zardy", sehr schwungvoll. Er sieht vielleicht gruselig aus, aber er tritt hier so nett auf, dass man das Gefühl hat, Slash würde seine immer noch brennende Zigarette auch ausmachen, dafür müsste ihm nur mal jemand sagen: Rauchen ist hier verboten.

In seiner Autobiografie geht es um Slashs Kindheit, geprägt von der frühen Trennung seiner Eltern, es geht um BMX-Fahrräder, auf denen er als Jugendlicher am liebsten unterwegs war, und es geht natürlich um Musik, um "Guns N' Roses" - Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre die Rockband schlechthin, mit ihm an der Gitarre. Es geht aber auch um "15 Jahre Alkohol und Drogen", wie Slash schreibt, um das, was er als Rockstar so gesoffen und eingeworfen hat, bis sein Körper sagte: Ich kann nicht mehr. Mit 35 lag er auf einem OP-Tisch, schwere Herzrhythmusstörungen. "Als ich ins Krankenhaus kam, hieß es, ich habe noch sechs Wochen zu leben. Aber seitdem sind sechs Jahre vergangen."

Die Brücke überqueren, um am anderen Ende anzukommen

Und seitdem sei er mehr oder weniger clean, sagt Slash später am Abend. Da ist er bei David Letterman in dessen Late Night Show zu Gast und macht ein Witzchen zum Thema Sucht. Zwei Flaschen Wodka, die habe er früher gebraucht - "bevor ich ausgegangen bin". Grinsen. Dann schlägt Letterman das Buch "Slash" auf und hält ein Foto auf Seite 444 in die Kamera: Es zeigt den Autor mit seinen beiden kleinen Söhnen London und Cash, die sehr niedlich aussehen; sie haben dunkle Locken und dunkle Knopfaugen. Slash trägt auf dem Foto keine Sonnenbrille, er hat die Haare glatt nach hinten gekämmt, man erkennt ihn kaum. "Welche Lektion", fragt Letterman, "bringen Sie Ihren Kindern über das Leben bei?" Wir alle müssen, antwortet Slash unter seinem schwarzen Zylinder, "die Brücke erst überqueren, um am anderen Ende anzukommen."


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