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Inge Jens: "Ich sehe seinem Entschwinden zu"

Er ist berühmt als einer der klügsten Köpfe Deutschlands - Walter Jens. Doch der wortgewaltige Professor versank in eine Welt jenseits der Sprache. Er leidet an Altersdemenz. Gattin Inge Jens sagt im stern über ihn: "Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr". Er befinde sich "in einer Welt, zu der ich keinen Zugang habe".

Walter Jens gilt als einer der klügsten Köpfe Deutschlands. Doch der wortgewaltige Tübinger Professor, der vor drei Wochen 85 Jahre alt wurde, leidet an Altersdemenz. In einem Interview im stern erklärte seine Ehefrau Inge Jens: "Ich bin jemand, der seinen Partner verloren hat. Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr." Die Krankheit habe ihren Mann "zu einem anderen Menschen gemacht. Er ist nicht mehr mein Mann." Walter Jens sei ihr "nach und nach entglitten" und nun in "einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe".

Vor vier Jahren, so Frau Jens zum stern, habe die Krankheit ihres Mannes begonnen, seine Arbeitskonzentration habe "Tag für Tag nachgelassen". Eine Zeitlang", so Frau Jens, habe ihr Mann "noch Normalität und Arbeit simuliert: Er ging hoch in seine Bibliothek, holte Bücher raus, brachte, ohne, dass er es merkte, alles durcheinander, er saß dann vor einem Stapel Bücher, studierte aufmerksam ein Buch - aber er konnte es gar nicht lesen, denn er hielt es verkehrt herum". Inge Jens: "Er spürte, sein Geist verlässt ihn. Er war von Anfang an verzweifelt. Dann überkam ihn große Traurigkeit."

"Dieses zielsichere Denken - es verschwand"

Und vor Verzweiflung habe er dann um sich geschlagen: "Mein Mann, der nie im Leben irgendwie, irgendwas, irgendwen geschlagen hat! Er fühlte, etwas Unfassbares passiert mit mir. Im Kopf passierte etwas, dass ihm seine Fähigkeit raubte, klar zu denken. Was ihn sein ganzes Leben ausgezeichnet hatte, dieses zielsichere Denken - es verschwand."

Vor fünf Jahren schrieb Frau Jens gemeinsam mit ihrem Mann den Bestseller "Frau Thomas Mann". Dass ihnen das noch gelungen sei, so Frau Jens zum morgen erscheinenden stern, "war eine späte Gnade. Es war eine gemeinsame Freude mit segensreichen Folgen: Ohne diesen kommerziellen Erfolg könnte ich die gute Pflege gar nicht bezahlen, wäre mein Mann vielleicht schon im Heim, vielleicht schon tot."

Walter Jens hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage des Sterbens in Würde auseinandergesetzt. In dem mit dem Theologieprofessor Hans Küng geschriebenem Buch "Menschenwürdig sterben" plädierte er für die aktive Sterbehilfe. Auch in seinen letzten Gesprächen hat er beklagt, Tiere würde man einschläfern, Menschen nicht: "Aber den Zeitpunkt", so Inge Jens im stern, "seinem Leben ein Ende zu machen, den hat er im wahrsten Sinne des Wortes verpasst."

Der Geist ist weg, das Gefühl ist da

Obwohl ihr Mann "seinen jetzigen Zustand, wenn er ihn bewusst erleben würde, ihn sicherlich nicht als lebenswert empfände", könne sie ihrem Mann "nicht vom Leben zum Tode verhelfen". Inge Jens: "Er ist ein Mensch, der vor Ihnen steht. Der Geist ist weg, aber das Gefühl ist da." So wie er sich früher über Thomas Mann oder Fontane freute, so genieße er es heute, "wenn er ein Leberkäsweckle kriegt." Gleichwohl fühle sie, dass eine Grundtrauer sein Leben bestimme. Vor ein paar Wochen sei ihr Mann plötzlich aus seiner Welt für eine kurzen Satz aufgetaucht: "Es ist ein so klägliches Leben."

Sie selbst bete, "dass er eines Morgens einfach nicht mehr aufwacht. Wenn ich einen Wunsch äußern darf, dann den, dass er an einem Infarkt, einem Schlag, was immer es ist, schnell sterben mag, ohne es groß zu merken." Frau Jens ist sich sicher, dass ihr Mann "lebenssatt" sei: Inge Jens: "Schade nur, das er dieses schöne Gefühl nicht mehr denken kann."

Das Interview für den stern führte Arno Luik.

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