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Ingeborg-Bachmann-Preis: Wenig Mut und viel Privates

Schöne Texte und Juroren-Bonmots: Kann das alles sein bei einem literarischen Wettstreit? Statt Provokation gibt es jede Menge persönliche Befindlichkeit. Mehr Leidenschaft täte dem Wettbewerb gut.

Geschichten vom Erwachsenwerden, persönliche Erinnerungen, genaue Schilderungen von Alltäglichkeiten: Zuschauer und Juroren wurden beim Bachmann-Wettbewerb über weite Strecken mit kunstvoll gestrickter Innerlichkeit konfrontiert. Von Lisa Kränzlers ausgezeichnetem Beitrag "Willste abhauen" bis zu Stephan Mosters Erzählung "Der Hund von Saloniki", die am Ende leer ausging, kreisten viele Texte um Privates. Richtig spannend wurde es erst bei der Preisvergabe: Die Kandidaten lagen so oft gleich auf, dass mehrere Stichwahlen nötig wurden.

Der einzige wirklich experimentelle Beitrag der Berlinerin Sabine Hassinger, die in "Die Taten und Laute des Tages" ein verwirrendes Spiel mit Identitäten und Wahn betreibt, erregte zwar engagierte Jurydebatten, hatte aber bei den Preisen keine Chancen. Die Österreicherin Cornelia Travnicek dagegen, die mit ihrer flotten Erzählung "Junge Hunde" Tempo in die Schilderung des Erwachsenwerdens brachte, punktete beim Publikum.

Bei insgesamt hohem handwerklichen Niveau und sprachlicher Souveränität vermisste so mancher Beobachter Experiment und Wagnis, beim "schönsten Betriebsausflugs der deutschsprachigen Literatur", wie der Wettbewerb am Wörthersee schon mal genannt wurde. Man wünsche sich mehr Leidenschaft, war immer wieder am Rande der Veranstaltung zu hören, mehr Haltung zur Welt, mehr Auskunft über den Zustand der Gesellschaft jenseits privater Befindlichkeit. Mutiger Stil oder gewagter Inhalt sei kaum mehr zu finden. Literaturkritiker Uwe Wittstock sagte in einem Interview, der Wettbewerb sei nach den stürmischen Jugendjahren in ruhiges Fahrwasser gekommen.

Weniger Eklats und Reizthemen

Tatsächlich bleiben wirkliche Provokationen seit Jahren aus. Dabei prägten Eklats und performative Akte die Aura des Wettbewerbs maßgeblich mit. Rainald Goetz' fast schon legendärer Auftritt von 1983 etwa, bei dem sich der Autor am Ende seiner Lesung mit einer Rasierklinge in die Stirn schnitt und Blut zu Boden tropfte, während die Jury debattierte. Oder die zynischen Aussagen des Schweizers Urs Allemann, der 1991 mit seinem Text "Babyficker" Debatten über Moral und Strafwürdigkeit der Kunst auslöste.

Einige Jahrgänge mit eher lauen Texten hatten vor ein paar Jahren zur Änderung der Regeln geführt. Autoren, die sich bei den Jurymitgliedern bewerben, müssen jetzt bereits Publikationen vorweisen und ein Empfehlungsschreiben eines Verlags beilegen. Damit sollten ein höheres Niveau garantiert und subjektive Empfehlungen wohlwollender Juroren vermieden werden.

Kritik der Jury: Beschränkung auf Privates

Entsprechend konnte die Jury auch in diesem Jahr den Kandidaten fast durchgehend handwerkliche Professionalität bescheinigen. Auch die ehemalige Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig, die nicht zu den Vertretern biederer Innerlichkeitsliteratur gehört, sagte in einem Fernseh-Interview am Sonntag, sie habe "viele schöne Texte" gehört und hätte selbst Schwierigkeiten gehabt, darunter einen Besten zu wählen.

Allerdings fiel den Kritikern, die die Texte ja ausgewählt hatten, selbst negativ auf, wie beharrlich die Themen um Privates kreisten. Immer wieder kritisierten sie in den Debatten die Konzentration auf den persönlichen Erfahrungsbereich.

Schließlich gewann nach Stichwahlen jener Text, der sich am weitesten aus dem Privaten herauswagt und in humorvollen Aufblitzern Welt- und Kulturgeschichte einfließen lässt: #link;http://www.stern.de/lifestyle/verleihung-in-klagenfurt-olga-martynova-erhaelt-ingeborg-bachmann-preis-1853559.html;Olga Martynova mit "Ich werde sagen: Hi"#. Juryvorsitzender Burkhard Spinnen konnte sich am Ende deshalb freuen, dass die Preisvergabe "die Jurydebatte klar widerspiegelt".

juho/Irmgard Rieger, DPA / DPA
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