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Interview Clemens Meyer: "Ich bin eben manchmal exzessiver"

Clemens Meyer ist der neue Shooting-Star am Literaturhimmel. Für seine Storys "Die Nacht, die Lichter" erhielt der 30-jährige Autor den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse. Meyer lebt in einer Zweiraumwohnung im Leipziger Arbeiterviertel und zelebriert sein Bohemien-Dasein. stern.de traf ihn auf der Messe, wo er ständig Autogramme geben und Bücher signieren muss.

Clemens Meyer: Sehen Sie, schon wieder ein Buch weg! 80 sind schon verschwunden. Mein Buch könnte das meistgeklaute dieser Messe werden.

Sind Sie stolz darauf?

Nein, überhaupt nicht! Die Leute sollen in den Laden gehen und mein Buch kaufen! Wenn 200 Stück geklaut werden, sind das 400 Euro, die mir durch die Lappen gehen. Ach, was, sind ja doch Peanuts. (lacht)

Glückwunsch zum Preis der Leipziger Buchmesse! Als Ihr Name genannt wurde, haben Sie die Faust nach oben gestreckt...

Ich war überwältigt! Das Tollste waren die ersten zwanzig Sekunden. Das war pure Freude, der pure Triumph. Weil ich eben wirklich nicht damit gerechnet hatte.

Echt nicht?

Nein! Ich war nicht Favorit. Keiner dachte, dass dieses Buch den Erfolg des ersten noch übertrifft. Na gut, ich vielleicht ein bisschen. Man schreibt doch ein Buch weil man felsenfest davon überzeugt ist, dass es gut ist.

Und die Faust?

Das ist doch normal. Wenn ein Sportler irgendwo gewinnt, freut er sich auch. Ich bin eben manchmal ein bisschen exzessiver.

Sie haben dann gleich einen Schluck aus einer Flasche genommen. Was war da drin?

Na Bier! Ich hatte vorher ein paar Flaschen organisiert. Wenn man gewinnt, muss man doch was parat haben, wenn nicht, dann trinkste trotzdem.

Wie haben Sie denn gefeiert?

Ich konnte gar nicht feiern, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich war einfach fertig, ausgebrannt, ich konnte nicht mehr. Ich bin am Abend vorher mit meiner Agentin, meiner Lektorin und meiner Mutter an der Hotelbar versackt. Bin dann früh aufgewacht, weil ich unruhig war, und habe ein paar Gläser Sekt getrunken, zum Runterkommen. Nach der Messe hätte ich ins Koma fallen können.

Gerade der Leipziger Buchpreis...

Einen anderen hätte ich gar nicht haben wollen! Er ist was Besonderes, weil Leipzig eben meine Heimatstadt ist.

Was war anstrengender zu schreiben, der Roman oder die Stories?

Das kann man nicht vergleichen. Der Roman hat sechs Jahre gebraucht. In dieser Zeit musste ich arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich habe studiert. Es gab schwere Zeiten, aber ich habe immer weiter daran gearbeitet.

Sie hatten einige körperlich anstrengende Jobs als Bauhelfer und Wachmann...

Ich musste ja Geld verdienen, was sollte ich sonst machen, ich habe doch nichts gelernt. Ich wollte Schriftsteller werden, da schickt einem keiner Geld.

War diese Zeit damals wichtig, um Stoff für ihre Bücher zu sammeln?

Es ist nicht so, dass ich da Geschichten erlebt habe, die ich jetzt aufschreibe. Aber ich habe dort Menschenkenntnis erworben und Lebenserfahrung. Nur mit diesem Fundament kann ich heute Geschichten erfinden.

Jetzt müssen Sie nicht mehr nebenbei arbeiten.

Meyer: Das muss ich nicht mehr seit der Roman 2006 erschienen ist. Wär' ja noch schöner! Stellen Sie sich mal vor: Fischer-Autor Clemens Meyer muss nebenbei arbeiten! Das kommt nicht in Frage. Der Verlag ist dazu da, dass ich was zum Leben habe. Das Selbstverständnis habe ich!

Welche der Geschichten haben Sie selbst erlebt?

Nichts von dem, was ich geschrieben habe, habe ich selbst erlebt, gar nichts! Ich habe vielleicht einen Teil davon auf irgendeine Art und Weise ähnlich beobachtet, aber das ist allenfalls der Anfang und der Grund, um zu schreiben.

Die Geschichten sind über Leitmotive miteinander verwoben. Die Nacht und die Lichter kehren wieder, aber auch Taxis und eine Falte auf der Stirn.

Das Mädchen mit der Falte in den beiden Erzählungen ist vielleicht dasselbe. Die 15 Geschichten funktionieren für sich allein, aber ich wollte nicht, dass sie beliebig sind. Sie ergeben einen Kosmos, wie eine Zugreise mit einzelnen Stationen oder eine Reise durch die Nacht.

Ihre Figuren reisen viel.

Das Reisen ist eine Metapher für eine Suche, für den Wunsch anzukommen, für eine Art Heimatlosigkeit. Der Leser reist mit. Es gibt das Taxi, das durch das Buch fährt, es gibt Züge, es kommen Häfen vor.

Reisen Sie selbst gern?

Ich bin immer schon gern unterwegs gewesen. Früher ging das nicht so oft. Ich fahre unglaublich gerne Taxi, in jeder Stadt, sei es London, sei es New York. In Leipzig kennt mich mittlerweile fast jeder Taxifahrer. Dieses Ausgeliefertsein an ein Fahrzeug hat mich immer fasziniert.

Viele Städtenamen in den Stories verweisen auf den Osten Deutschlands, Torgau, Halle, Leipzig...

Ja. Es gibt aber zwei Geschichten, die für mich im Kopf in Hamburg spielen. Das Buch ist nicht nur ostdeutsch verortet. Und selbst wenn es das ist, ich wohne ja hier. Kann doch kein Mensch von mir verlangen, dass ich ein Buch schreibe, das in Köln spielt, wo ich mich nicht auskenne. Für mich gibt es das Phänomen ostdeutsche Literatur nicht mehr. Einem westdeutschen Autor wirft man auch nicht vor, über den Westen zu schreiben.

Was interessiert Sie an ihren Figuren, den Arbeitslosen, den Knast-Insassen, Prostituierten und kleinen Handelsvertretern?

Es sind Menschen, die dramatisches Potential haben, weil sie sozial nicht auf der Sonnenseite stehen. Sie kommen dadurch in existentielle Situationen. Wenn man nicht viel hat, ist man sehr eingeschränkt in dem, was man tun kann.

Und in anderen Bevölkerungsschichten gibt es das Potential nicht?

Ich schreibe nicht über Schichten. Ich schreibe über Menschen. Schichten, das interessiert mich nicht. Schauen Sie zum Beispiel die Geschichte mit dem Hund (Anm. "Von Hunden und Pferden"). Der Hund ist krank, und der Mann hat kein Geld, um die Operation zu bezahlen. Wenn der die Kohle hätte, könnte ich die Geschichte gar nicht schreiben. So geht er auf die Rennbahn, setzt alles, was er hat. Das ist so existentiell. Und selbst die Figuren, die aus dem Knast kommen, sind keine schlechten Menschen. Die gehen ihren Weg wie andere Menschen auch. Häufig sind die ungeraden Wege für mich die interessantesten. Ich habe auch den ein oder anderen Irrweg hinter mir. Das kann einem nicht schaden.

Stimmt es, dass Sie mal im Gefängnis waren?

Ach, lassen wir mal die Legenden arbeiten.

Nach dem Erfolg von "Als wir träumten" war von wilden Sauftouren die Rede...

Mir ging es damals nicht gut. Ich hatte eine Lebenskrise, ich habe so lange an dem Roman gearbeitet. Als Schriftsteller hat man ja keinen Beruf, ich muss nicht morgens um acht Uhr aufstehen. Es ist ein gefährliches Leben, man fällt schnell in ein Loch. Ich habe auf einmal viel Geld gehabt, davor musste ich jahrelang darben. Ich dachte, ich habe mir jetzt auch mal was verdient und darf auf den Putz hauen. Das geht 'ne Zeit lang gut, dann wird es gefährlich. Ich hatte zum Glück mit der Arbeit am zweiten Buch einen neuen Lebensmittelpunkt.

Fühlen Sie sich mit dem Erfolg sicherer in ihrem Leben?

Das weiß man nie. Allzu viel Stabilität und Sicherheit ist nicht gut für den Typ Schriftsteller, der ich bin. Man muss die dunklen Seiten kennen, die Abgründe. Ich werde nie der Typ Schriftsteller sein, der irgendwo mit Frau und Kind im Lehnstuhl sitzt und teure Anzüge trägt. Und 'ne halbe Million auf dem Konto hat.

Sind Sie es leid, immer als der Proll oder der Tattoomann der Literaturszene hingestellt zu werden?

Als Proll wurde ich nach der Preisverleihung bezeichnet. Das hätte fast ein böses Ende genommen, dem hätte ich beinahe eins drauf gegeben. Das ist ja wohl eine Unverschämtheit. Das Schlimme ist – und das schreiben Sie da irgendwie rein: Wenn die Welt behauptet, ich hätte 2006 auf der Buchmesse meine Tattoos überall rumgezeigt, dann ist das eine skandalöse Lüge! Ich bin nicht einmal kurzärmlig rumgelaufen. Das mache ich nur im Sommer und dann ist das ein Teil von mir. Tattoomann!

Sie finden das nicht so lustig?

Ach, mir ist das egal. Ich habe immer das Gefühl, die Leute leben im 19. Jahrhundert. Wir leben im 21. Jahrhundert, zehn Prozent der Bevölkerung sind wahrscheinlich tätowiert. Da sieht man mal, wie verschnarcht dieser Betrieb manchmal ist, wenn das was Außergewöhnliches ist. Aber ist doch wunderbar, man nimmt mich wahr.

Über mangelnde Aufmerksamkeit können Sie sich nicht beschweren.

Das ist richtig und nicht schlecht. Das ist nur so 'ne Sache, die einem gleichzeitig auf den Sack gehen kann. Ich sage Ihnen, dieses Buch ist die einzige Antwort. Das zeigt, dass ich nicht in irgendwelche Schubladen reingehöre, sonst hätte ich ein anderes Buch geschrieben. (Eine ältere Dame bittet um ein Autogramm)

Sie werden sehr oft erkannt. Wie gehen Sie damit um?

Ich muss mich erst mit der neuen Situation zurechtfinden. Jetzt mit dem Erfolg vom zweiten Buch kommen wirklich viele Leute an. (Eine dicke Frau in lila Jogging-Anzug wühlt im Bücherregal) Da ist so 'ne XXS-Frau. Na hoffentlich erkennt die mich nicht und will was signiert haben.

Sie sind sehr jung für so viel Erfolg.

Aber stellen Sie sich mal vor, ich bin mit 35 tot, wie Clemens Eich. Dann gibt es irgendwann eine Gesamtausgabe von mir mit zwei Büchern und irgendwelchen Skizzen. Weiß ich, was noch kommt? Man geht immer so larifari mit dem Leben um.

Ist Schreiben für Sie eine Qual?

Oh ja. Aber das ist gut so. Schreiben ist alles, was ich will und kann, und gleichzeitig ist es eine furchtbare Quälerei. Aber wenn man das Resultat in den Händen hält, das ist der große Lohn aller Mühen.

Interview: Martina Sauermann