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Interview zum Afghanistan-Einsatz: "Endlich weinen können"

Heike Groos war als Rettungsärztin mit der Bundeswehr in Afghanistan. Sie kehrte mit einem Trauma heim, das sie nun in einem Buch verarbeitete. Im stern.de-Interview klagt Groos an, dass die Bundeswehr im Umgang mit ihren Soldaten, die aus Kriegsgebieten zurückkommen, versagt.

Frau Groos, über Ihre Erlebnisse in Afghanistan haben Sie ein Buch geschrieben, "Ein schöner Tag zum Sterben". Warum haben Sie Ihre Erlebnisse veröffentlicht?
Erst hatte ich Bedenken, so viel Persönliches von mir preiszugeben. Als ich den Text anderen Soldaten zum Lesen gegeben habe, hat mich sehr berührt, wie emotional diese harten Kämpfer reagieren. Einer sagte mir, er habe endlich weinen können. Ein anderer sagte, zum ersten Mal nach acht Jahren habe er mit seiner Frau über seine Zeit in Afghanistan sprechen können. Und auch seine Frau schrieb mir, wie glücklich sie sei, endlich mit ihm darüber zu reden. Wir gehen in die Auslandseinsätze ohne genau zu wissen, was uns erwartet. Hinterher fühlen wir uns nicht aufgefangen und nicht betreut. Das sind Fakten. Wir müssen anfangen zu akzeptieren, dass es so ist, und darüber reden. Ohne Schuldzuweisung. Wir sollten besser machen, was nach Vietnam und dem Zweiten Weltkrieg nicht passiert ist, darum geht es mir.

Sie waren nicht nur selbst in Afghanistan, sondern haben als Bundeswehrärztin auch viele Soldaten nach ihrer Rückkehr getroffen. Sie beklagen, der Bundeswehr fehle es an einer klaren Strategie, wie man mit diesen Rückkehrern umgeht.
Der gesunde Menschenverstand sagt, ja, dort ist Gewalt, dort sieht man Dinge, mit denen die Seele eines Menschen schwer klar kommt. Doch die Angst, als Weichei zu gelten, überwiegt, so dass immer noch zu wenig Soldaten psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, es könnte ja ein Karriereknick sein. Da muss ein Wandel stattfinden. Fakt ist, dass traumatische Erlebnisse verarbeitet werden müssen, bevor sie zum Problem werden. Das ist ja im täglichen Leben außerhalb von Bundeswehr oder Krieg auch so. Wenn man einen Unfall hat oder jemand in der Familie stirbt, dann sind wir erschüttert, deprimiert, und es ist normal, dass wir Zeit brauchen, um uns wieder zu Recht zu finden.

Mittlerweile trauen sich mehr Soldaten, über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen.
Ich glaube, dass auch jetzt die Dunkelziffer noch sehr hoch ist. Und ich glaube auch, dass es nur menschlich ist, wenn man ein Arbeitgeber ist und denjenigen, den man für den Stabilsten hält, für eine Führungsposition auswählt. Eine Armee braucht harte, zähe Kämpfer, das ist klar. Auf der anderen Seite ist es eine persönliche Sache des einzelnen Soldaten. Man möchte stark sein, leistungsfähig, belastbar. Und vor sich selbst zuzugeben, dass man durch die Anforderungen nicht härter geworden ist, sondern die Haut dünner, ist sehr schwer. Aber es ist von öffentlichem Interesse, weil immer mehr Soldaten in den Einsätzen sind und weil gerade der Afghanistan-Krieg immer aggressiver, immer gefährlicher wird und immer mehr Opfer zurückkommen.

Sie selbst waren vier Mal in Afghanistan, berichten in Ihrem Buch auch darüber, wie Sie den Tod von Kameraden erlebt haben. Wie haben Sie das verarbeitet?
Nach meinem dritten Einsatz wollte man mir mit der Kolbow-Kur etwas Gutes tun. Man hat mir eine Fastenklinik ausgesucht, weil mein Bodymaßindex nicht mit dem eines Soldaten übereinstimmt. Ich habe Einläufe bekommen und musste Glaubersalz trinken. Es gab nur grüne Nahrung, Salate, Kräuter, morgens um sechs Kneippsche Güsse und Qigong. Ich habe viel Sport gemacht, das hat mir gut getan, war aber am Ziel vorbei. Es gab einen Psychologen, aber ich fand es zu kompliziert, ihm erst mal nahe zu bringen, was ich dort erlebt habe.

Nach dem letzten Einsatz hatten Sie eine sehr schwere Phase ...
.. das Trauma war da. Ich wehre mich nur dagegen zu sagen, wenn ich emotional reagiere, bin ich krank. Gerade ich als Arzt muss mitempfinden können.

Wie haben Sie Ihr Trauma überwunden?
Das Einzige, was ich wirklich gebraucht habe, ist jemand, der mir zuhört, den das wirklich interessiert. Doch generell ist es schwer, in seinem persönlichen Umfeld so jemanden zu finden. Familie scheidet aus, die haben ja Todesängste, wenn man wieder gehen muss.

Also müsste es Mentorenprogramme geben.
Ja, so etwas stelle ich mir vor. Es müsste ein Camp außerhalb der Bundeswehr geben, wo man auf andere Veteranen trifft, mit denen man reden kann. So etwas müsste freiwillig, aber normal sein. Ich würde gerne von den Begriffen wegkommen, Patient, Therapie, Krankheitsbild. Ich war selbst nie in einer stationären psychiatrischen Behandlung und schon gar nicht im deutschen Militärkrankenhaus, aber von Bekannten weiß ich, dass man in einer psychiatrischen Klinik landet, wenn man nicht sofort wieder integrierbar ist. Das ist ein Schock und impliziert, dass man ein psychiatrischer Patient ist. Die Ansage muss doch sein: "Du hast was Schreckliches erlebt. Nimm' dir Zeit." Ein bisschen Verständnis, gesunder Menschenverständnis, Anerkennung - und schon fühlt man sich sehr viel wohler. Viele Kameraden beklagen, dass sie den Arsch hingehalten haben, aber keiner fühlt sich wertgeschätzt. Dabei könnte man sagen: "Danke, du bist ein Held, hier hast du ein Verwundetenabzeichen, eine Gratifikation und Sonderurlaub".

Das klingt so einfach. Warum hat sich das nicht durchgesetzt?
Weiß ich nicht. Vielleicht kommt es ja noch, die deutsche Bürokratie ist langsam. Wir brauchen die Bundeswehr, ich habe viele schöne Erinnerungen und bin traurig weggegangen, aber es war richtig für mich.

Welchen Sinn sehen Sie rückblickend in Ihrem Afghanistan-Einsatz?
Als ich das erste Mal da war, 2002, hatte ich das Gefühl, es macht Sinn. Die Einheimischen haben sich gefreut und haben uns das auch gezeigt. Ich kam viel mit Frauen in Kontakt, die Männern gegenüber sehr zurückhaltend sind. Die haben mich überschwänglich begrüßt, haben mich angefasst, umarmt, Tee angeboten, Geschenke gemacht und demonstriert, wir sind so froh, dass ihr hier seid und wir sind so froh, eine Frau zu sehen, die arbeitet und ohne Kopftuch rumlaufen darf. Ihr seid das Symbol, dass die Taliban weg sind, und wir frei sind. Ihr bringt uns Hoffnung, wir dürfen unsere Kinder wieder in die Schule schicken. Die Stimmung hat sich geändert, man hätte vielleicht nach einem halben Jahr gehen müssen.

Kathrin Buchner
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