Joyce Carol Oates "Komm! Ergib dich! Es ist Zeit!"

Die amerikanische Bestseller-Autorin Joyce Carol Oates hat eine Familiensaga von brillanter Melancholie geschrieben: "NIAGARA" erzählt von einer schönen jungen Witwe und ihren dunklen Geheimnissen vor der grandiosen Kulisse der Niagarafälle.
Von Gerda-Marie Schönfeld

"Die grausame Schönheit der Wasserfälle, die dir zuruft: Ergib dich!" heißt es in einer Ballade über das weltberühmte Naturschauspiel an der amerikanisch- kanadischen Grenze. Hochzeitspaare lieben diesen Ort, die Welthauptstadt aller Frischvermählten. Im Juni sind die Flitterwochenzimmer immer ausgebucht. Und so verbringt auch die 29-jährige unberührte Braut Ariah mit ihrem nagelneuen Ehemann, einem dünnen ernsthaften Pfarrer, hier im Jahre 1950 ihren Honeymoon.

Es ist der Brückenwärter, der sich wundert, warum im Frühnebel um 6.15 Uhr ein Fußgänger über die Brücke hastet, im dunklen Anzug und schicken schwarzen Abendschuhen - aber ohne Socken. Kein gutes Zeichen. Der alte Mann hofft, dass dies der letzte ist, den er vor seiner Rente springen sieht, während der Fremde über das Geländer klettert, dem Alten kurz zuwinkt und dann in den tosenden Tod stürzt.

Familiensaga am Niagara

Selbstmörder am Niagara bringen sich nicht einfach um. Selbstmörder werden hier geadelt durch die grausame Schönheit einer hypnotischen erhabenen Gewalt, die ihnen zuruft: "Komm! Es ist Zeit! Ergib dich!". Ein Sprung, in Sekunden zerschmettert der Schädel. Sehr wenige wurden lebend gefunden. Die Touristenmanager sind einerseits besorgt über das Image der Fälle als Selbstmörderparadies, andrerseits trägt dieser hübsche Schauer durchaus zum Geschäft bei.

Giftmüllskandal und finanzieller Absturz

So ist die junge Witwe Ariah Stadtgespräch, als sie sieben Tage nach dem Gatten fahndet und die aufgedunsene Leiche schließlich identifiziert, dies mit Hilfe eines jungen erfolgreichen Rechtsanwalts. Dirk Burnaby ist aus bester Familie und fasziniert von der blassen rothaarigen eigenwilligen Witwe und ihrem wunderbaren Klavierspiel. Er heiratet sie, es kommen drei Kinder, und man sollte meinen, das glückliche Märchen hätte hier ein Ende.

Hat es aber nicht. Weit ausholend erzählt Joyce Carol Oates, wie Burnaby, Mitglied der allerersten Kreise von Niagara, auf eine junge Frau trifft, die ihn beharrlich um Hilfe nervt. Sie wohnt im Armenviertel, wo alle Kinder ständig krank sind. Burnaby wendet sich angeekelt ab. Seine Kundschaft war das nie. Bis er auf einen Giftmüllskandal aus den Nachkriegsjahren stößt, von dem alle ehrbaren Reichen der Stadt profitiert haben, seine Familie auch. Damit ändert sich das erfolgreiche Leben des Anwalts Burnaby. Er steuert zielsicher auf seinen gesellschaftlichen und finanziellen Absturz zu. Als er verschwindet, darf sein Name im Hause Burnaby nie wieder erwähnt werden. Es bleibt der jüngsten Tochter, einem verdrossenen Teenager, vorbehalten, Jahre später das mysteriöse Schicksal des Vaters aufzuklären.

Süßes morbides Verderben

Die amerikanische Bestseller-Autorin Joyce Carol Oates, geboren 1938, der schon mit "Blond", einer fiktiven Biografie über Marylin Monroe, ein Meisterwerk gelungen ist, so fragil wie ihre Hauptdarstellerin, hat mit "NIAGARA" eine üppige und brillante Familiensaga geschrieben, spannend bis zur letzten Seite, ein Krimi. Ihre Figuren taumeln ins Unglück, und dennoch hält die Autorin schützend die Hand über sie, auch wenn sie nicht immer sympathisch sind. So ist die Heldin Ariah, die junge Witwe, eine ziemlich neurotische Zicke, die jedem Kompliment misstraut und immer darauf wartet, dass der Familien-Fluch sie trifft. Dennoch buhlen ihre Kinder um ihre Liebe, und irgendwie tut das der Leser auch. Denn alle sind sie immer viel zu dicht an den tödlichen Wasserfällen, an dem süßen morbiden Verderben, das ihnen zuruft: "Komm! Ergib dich! Es ist Zeit!"


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