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Schmökern statt Böllern: Vampire, Moriartys Erbe und eine exaltierte Hotelchefin

Keine Lust auf Böllerbumms? Dann bleiben Sie Silvester doch zuhause und lesen ein Buch. Joyce Carol Oates hat gerade was mit Vampiren geschrieben. Dazu gibt es Neuigkeiten aus dem Holmes-Universum.

Da schlottern selbst Stephen King die Knie: Joyce Carol Oates hat einen neuen Schauerroman verfasst - und der ist nicht nur schaurig, sondern auch schaurig gut.

Da schlottern selbst Stephen King die Knie: Joyce Carol Oates hat einen neuen Schauerroman verfasst - und der ist nicht nur schaurig, sondern auch schaurig gut.

"Natürlich, sie sind ja alle tot - deshalb ist jetzt niemand hier. Außer mir." Erst mit dem Ende des Romans "Die Verfluchten" lassen sich diese Sätze aus dem Prolog wirklich deuten. Dazwischen hat die Grande Dame der US-Literatur, Joyce Carol Oates, auf knapp 750 Seiten ein skurriles Sittengemälde der amerikanischen Elite-Gesellschaft um die Wende zum 20. Jahrhundert gezeichnet - und daraus einen Schauerroman gestrickt.

Wer Geduld hat, wird belohnt: Es dauert rund 100 Seiten, bis das Grauen ganz langsam in den Roman kriecht - erstmals in Form von Ruth, einem Mädchen, das an einem Apriltag 1905 mit weißem Kleid, nackten Füßen und der "Blässe des Grabes" auf einem Dachsims hockt. Das Ungewöhnliche: Das Kind war ein Jahr zuvor bereits an Diphtherie gestorben. Es ist der erste Vorbote eines Unheils, das die Familie des Geistlichen Winslow Slade und die gesamte High Society in Princeton heimsuchen wird.

Oates selbst lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in dem kleinen Universitätsstädtchen in New Jersey. Studenten stehen für einen Platz in ihren Seminaren an der Elite-Hochschule Schlange. Die 76-jährige gilt mit ihren bisher mehr als 50 Büchern seit Jahren als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis. "Die Verfluchten" (engl. "The Accursed") - begonnen in den 1980ern - gehört mit "Bellefleur", "Die Schwestern von Bloodsmoor" und "Die Geheimnisse von Winterthurn" zu einer Serie von Schauerromanen.

Die Macht des weißen Mannes

Erzählt wird die Geschichte um den sogenannten Crosswick-Fluch von M. W. van Dyck II., einem fabulierenden Hobby-Historiker. Der hält - eine schlechte Eigenschaft - alles für berichtenswert, was ihm unter die Augen kommt. Es geht um Ränke und Intrigen auf dem Uni-Campus, aber auch um die amerikanische Gesellschaft im Allgemeinen - zwischen dem aufkommenden Sozialismus und dem Festhalten am Klassendenken, um Frauenhass und religiöse Intoleranz. Eigentlich ist "Die Verfluchten" ein Roman über die Macht des weißen Mannes.

Und diese Macht ist krank: Da ist etwa Uni-Präsident Woodrow Wilson, ein Hypochonder und Pedant. Nur die tägliche Spritze Heroin zwischen seine Fußzehen und seine Magenpumpe bringen ihn durch den Alltag. Am späteren US-Präsidenten lässt Erzähler van Dyck kein gutes Haar.

Oder der spröde Dabney Bayard, Spross einer hochangesehenen Familie, dessen liebliche Braut Annabel Slade vom Hochzeitsaltar weg entführt wird. Sie kommt in ein Verlies und muss niederwertige Hausarbeiten ableisten. Ihr geschieht - wie es in Princeton heißt - "das Unaussprechliche". Sie kann ihrem Peiniger entkommen, gebiert einen Dämon und stirbt im Kindbett. Aber es könnte auch ganz anders sein: Van Dyck tischt dem Leser in seiner pseudo-historischen Akribie nach und nach diverse Gerüchte über das Geschehen auf.

Wenn London und Sinclair saufen gehen

"Die Verfluchten" ist ein literarischer Flickenteppich - sowohl in Handlung und Figuren, als auch im Stil: Der genreübergreifende Plot setzt sich zusammen aus geheimen Tagebucheinträgen, Berichten, Briefen, irrelevanten Seitensträngen und Fußnoten. Über allem liegt eine leichte Gänsehaut. Dabei ist das Schauerliche nicht immer nur ein Element von Dämonen. Oft ist auch der Mensch des Menschen Wolf.

Besonders zu erwähnen ist die beeindruckende Szene des Schriftsteller-Schmauses in einem piekfeinen New Yorker Edellokal. Jack London ("Der Seewolf") reißt mit den Zähnen das rohe Fleisch von den Knochen, schlürft Austern, stürzt Whisky, Bier und Wodka in sich hinein und schwafelt etwas von "nordischer Rasse" und Überlegenheit. Dagegen erschrickt der Vegetarier und Abstinenzler Upton Sinclair ("Der Dschungel") über die Einstellungen seines sozialistischen Idols. Am Ende liegen der hemdsärmlige Raufbold mit blutender Kopfwunde und Sinclair mit Erbrochenem um dem Mund in einer Ecke. Und irgendwie hat das alles etwas mit dem Crosswick-Fluch zu tun.

Stephen King mag's

Oates macht die großen Namen der amerikanischen Geschichte zu Karikaturen ihrer selbst. Grusel-Altmeister Stephen King schreibt in der "New York Times" über den Roman: "Er ist derb, fesselnd, problematisch, grauenerregend, lustig, weitschweifig und voller verrückter Figuren. Man sollte ihn unbedingt lesen."

"Die Verfluchten" ist ein Fiebertraum. Alles steht meilenweit entfernt und greift doch ineinander. Zugegeben: Es ist kein einfacher Roman, aber einer, bei dem sich meist die Nackenhaare sträuben - nicht ausschließlich wegen des Schauders, sondern auch wegen seiner Skurrilität, seiner kruden Wendungen und der verrückten Einfälle.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie ein Sherlock-Holmes-Roman ohne den berühmten Detektiv auskommt...

Wildert im Sherlock-Holmes-Universum: der britische Autor Anthony Horowitz

Wildert im Sherlock-Holmes-Universum: der britische Autor Anthony Horowitz

Sein Wartezimmer war leer, und so hatte der junge Arzt Arthur Conan Doyle Zeit und Muße, Kurzgeschichten zu schreiben. Dass er mit dem ebenso genialen wie verschrobenen Detektiv Sherlock Holmes aus dem Stand einen Mythos erschuf, dürfte dem gebürtigen Schotten zu Beginn seiner Autorenkarriere um 1880 herum kaum bewusst gewesen sein.

Das Publikum liebte die Abenteuer von Holmes und seinem treuen Chronisten Dr. Watson so sehr, dass Conan Doyle mit dem Schreiben kaum nachkam und schließlich beschloss, seinen Helden im Kampf mit dem Erzrivalen Moriarty an den Reichbachfällen in der Schweiz sterben zu lassen. Die Leser waren entsetzt, und nach acht Jahren kehrte der Totgeglaubte im "Hund von Baskerville" zurück.

Mit dem vermeintlichen Tod von Holmes in der Geschichte "Das letzte Problem" beginnt "Der Fall Moriarty" von Anthony Horowitz. Der britische Drehbuchautor und Romancier hatte bereits 2011 mit "Das Geheimnis des weißen Bandes" einen temporeichen Roman um Sherlock Holmes vorgelegt. Jetzt scheinen der große Detektiv und sein Begleiter Dr. Watson Geschichte zu sein, und zwei neue Protagonisten betreten die Szenerie.

Nebenfiguren im Rampenlicht

Da ist zum einen Inspektor Athelney Jones von Scotland Yard, den Conan Doyle-Leser als eher belächelte Nebenfigur aus einigen Holmes-Geschichten kennen. Ihm zur Seite steht Frederick Chase, angeblich ein Ermittler der New Yorker Detektiv-Agentur Pinkerton, der nach England gekommen ist, um dem Supergangster Clarence Devereux das Handwerk zu legen.

Jones und Chase tauchen tief ein in das viktorianische Verbrecher-Milieu, erleben perfide Giftmorde ebenso wie gruselige Kindesentführungen oder mörderische Racheakte, und müssen mehr als einmal um ihr Leben fürchten. Es geht Knall auf Fall zur Sache: Der mit einigen drastischen Szenen gespickte Roman scheint der populären britischen TV-Serie "Sherlock Holmes" oder Guy Ritchies actionreichem Kinofilm mit Jude Law und Robert Downey Jr. nacheifern zu wollen. Schade, vom bedächtigen Gestus und dem feinen Humor der Original-Geschichten bleibt hier wenig übrig.

Zum Ende hin hat Horowitz für seine Leser noch eine faustdicke Überraschung parat, die er im Romantitel bereits angedeutet hatte. Ein wenig fühlt man sich als Leser dann doch an der Nase herumgeführt. Und in Anspielungen und versteckten Hinweisen geistert natürlich auch der große Sherlock Holmes durch diesen blutrünstigen Roman. Der Mythos ist einfach nicht totzukriegen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Anna Sacher ganz anders war, als Sie immer gedacht haben...

Erbe einer legendären Hotelchefin: das Sacher in Wien

Erbe einer legendären Hotelchefin: das Sacher in Wien

Von Anna Sacher, der legendären Hotelchefin, sind vor allem Zerrbilder überliefert. Ihre Vorliebe für dicke Zigarren ist ebenso bekannt wie ihre Leidenschaft für Französische Bulldoggen, die sie sogar selbst züchtete. Porträts zeigen sie als selbstbewusste Patronin, die sich ihrer gesellschaftlichen Stellung sehr wohl bewusst war. Doch was machte diese Unternehmerin wirklich aus? Dass eine Frau eines der führenden europäischen Hotels über vier Jahrzehnte erfolgreich leitete, war schließlich in der damaligen Zeit keineswegs üblich.

In ihrem Buch "Das letzte Fest des alten Europa. Anna Sacher und ihr Hotel" begibt sich Monika Czernin nun auf Spurensuche. Die österreichische Autorin und Filmemacherin versucht die resolute Wienerin von verstaubten Klischees zu befreien. Anna Sacher (1859-1930) ist ihrer Ansicht nach weit mehr gewesen als ein "Zigarre rauchender Feldwebel und eine schnoddrige Kultfigur des Fin de Siècle", nämlich eine moderne Frau. Sie war nicht nur "Managerin eines bedeutenden und komplexen Unternehmens", sondern auch eine Person unter permanenter öffentlicher Beobachtung.

Die Autorin widersteht aber Gott sei Dank der Versuchung, aus der machtbewussten Patriarchin und Schwiegertochter des Sachertorten-Erfinders eine Vorläuferin der Emanzipation zu machen. Das war sie nämlich definitiv nicht. Czernins Buch ist ein Zwitter: Weder ist es ein klassisches Sachbuch noch ein Roman. Es ist tatsächlich nicht leicht, eine Biografie zu schreiben, wenn es an autobiografischen Zeugnissen fehlt.

Denn wie so viele unternehmerisch tätige Menschen hatte Anna Sacher kaum Zeit oder Lust, ihr Leben für die Nachwelt festzuhalten. Tagebücher oder Briefe von ihr sind nicht bekannt oder erhalten. Wie sie dachte oder fühlte, wir wissen es nicht. Weich gespülte und geschönte Nachrufe auf sie nach ihrem Tod sind da leider auch kein Ersatz.

Die Autorin ersetzt dieses dokumentarische Manko durch Fantasie, indem sie Anna Sacher in fiktiven Szenen und Gesprächen auftreten lässt. So sehen wir die Chefin im Smalltalk mit ihren berühmten Gästen. Alles, was Rang und Namen im Habsburgerreich hatte, ging schließlich bei ihr ein und aus: Kaiserin Elisabeth und Erzherzog Franz Ferdinand, die Gesellschaftsdame Pauline Metternich und der Skandal-Autor Arthur Schnitzler, der Maler Gustav Klimt und der Musiker Gustav Mahler, dazu viele k.u.k.-Promis, die heute kaum einer mehr kennt.

Über die Biografien dieser Wiener Hautevolee vermittelt Czernin ein plastisches Bild der explosiven Kulturmetropole, ihrer Kreativität, aber auch Gefährdung. Nur gerät Anna Sacher in diesem nicht enden wollende Prominenten-Reigen zu sehr in den Hintergrund, wirkt bisweilen nur wie eine Art Stichwortgeber. Wer sie wirklich war, erschließt sich kaum.

Nur wie nebenbei erfährt man auch die wahren Tragödien in ihrem Leben. So beging ihre Tochter mit kaum 19 Jahren Selbstmord. Warum? Das bleibt ungeklärt. Sohn Eduard litt wahrscheinlich unter seiner dominanten Mutter, die ihn andererseits aber auch verhätschelt zu haben scheint. Jedenfalls versagte er auf voller Linie, keines seiner Unternehmen gelang, er häufte Schulden an, die seine Mutter begleichen musste.

Auch die goldenen Zeiten des "Sacher" waren nach dem Ersten Weltkrieg vorbei. Das Habsburgerreich lag in Trümmern, die feine Gesellschaft war hinweg gefegt. Vielleicht war Anna Sacher auch schon zu alt. Sozialen Neuerungen wie dem Achtstundentag konnte sie offenbar nichts abgewinnen, ihr Hotel ließ sie verspätet modernisieren. Die Schulden nahmen schließlich überhand. Das Ende war tragisch: Anna Sacher wurde von der eigenen Familie entmündigt. Das Hotel musste nach ihren Tod verkauft werden.

Von Sebastian Fischer, Johannes von der Gathen und Sibylle Peine, DPA / DPA