Kant-Spezialisten Die Bedeutung des Denkers für uns heute

Anlässlich des 200. Todestags von Immanuel Kant haben sich Fachleute zu der Frage geäußert, welchen Einfluss der Philosoph auf unser heutiges Denken hat.

Anlässlich des 200. Todestags von Immanuel Kant haben sich Fachleute zu der Frage geäußert, welchen Einfluss der Philosoph auf unser heutiges Denken hat. Die Antworten im Wortlaut:

Otfried Höffe, Philosophieprofessor (Tübingen) und Kant-Autor:

"Bei anderen Philosophen muss man lange suchen. Bei Kant fällt erst die Auswahl schwer, denn er übt auf das heutige Denken einen überragenden und zugleich umfassenden Einfluss aus. Zum Beispiel hat er die Kritische Theorie zur Moralphilosophie, später auch zur Rechtsphilosophie 'bekehrt'. Im englischen Sprachraum hat er die Vorherrschaft der utilitaristischen Ethik gebrochen. Weltweit befördert er die universalistische Ethik. Das Zeitalter der Globalisierung verdankt ihm das Modell einer weltweiten Rechts- und Friedensordnung. Und den Naturwissenschaftlern, neuerdings den Hirnforschern, zeigt er, wie man trotz einer durchgängigen Naturkausalität den Menschen als frei und verantwortlich denken kann."

Dr. Uwe Schultz, Paris (Autor der rororo-Kant-Biografie):

"Sie, lieber Leser, drängen sich brutal mit Ihrem Auto in die Schlange vor der roten Ampel, Hessens ehemaliger CDU- Landesvorsitzender Manfred Kanther missachtet wissend das bundesdeutsche Parteiengesetz, Bundeskanzler Gerhard Schröder bricht rücksichtslos den Stabilitätspakt der europäischen Währungsunion. Drei Mal werden Rechte, die das Zusammenleben der Menschen und Völker zivilisiert gestalten sollen, außer Kraft gesetzt. Drei Mal wird 'das moralische Gesetz in mir' gebrochen, das sich so ehern vollziehen soll 'wie der bestirnte Himmel über mir' - so hat es Immanuel Kant gefordert. Drei Mal stellt sich unabweisbar Unrechtsbewusstsein ein - das ist sein Verdienst. So wirkt seine Philosophie der Vernunft fort, und schon Goethe hat Eckermann erklärt: 'Er hat auch auf Sie gewirkt, ohne dass Sie ihn gelesen haben.' Kant ist in uns und unser besserer Teil, der von uns humanen Umgang fordert - angefangen beim Warten vor der roten Ampel."

Volker Gerhardt, Philosophieprofessor (Berlin) und Kant-Autor:

"Kants größte Leistung liegt in der unwiderleglichen Demonstration der menschlichen Freiheit. Er kann zeigen, dass jeder, der Freiheit leugnet, selbst Freiheit in Anspruch nimmt. Damit entfällt die vermeintliche Opposition zur Natur: Freiheit steht der Natur nicht entgegen, und sie bedarf auch keiner Lücke in der Kette der Kausalität. Freiheit beruht im Gegenteil auf dem fest geknüpften Netz verbindlich wirkender Gesetze - innerhalb und außerhalb des Menschen. Nur sofern der Mensch diesen Gesetzen restlos unterworfen ist, hat es einen Sinn, von Freiheit zu sprechen.

Die so verstandene Freiheit besteht in nichts anderem als im ungehinderten Vollzug des individuellen Lebens. Bereits das im Spalier wachsende Obst oder das im Käfig gehaltene Tier wird man nicht als 'frei' bezeichnen wollen. Der Mensch ist frei, sofern er nicht von seinesgleichen gezwungen wird, sondern tun kann, was er nach eigener Einsicht will. Nur so hat die Vernunft, sein wichtigstes Lebensmittel, eine Chance, sich zu entfalten; nur so kann die Vernunft als Ursprung und Grund seiner Handlungen gelten.

Alles, was Kant zur Begründung und Begrenzung des Wissens, zur Vergewisserung von Moral und Recht oder zum Verständnis des Schönen sagt, beruht auf diesem Verständnis der Freiheit, die ursprünglicher Ausdruck der Lebendigkeit des Individuums in Relation zu seinesgleichen ist. Somit steht hinter Kants Begriff der Vernunft eine bis heute nicht wirklich ernst genommene Konzeption des Lebens."

DPA

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