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Leipziger Buchmesse: Vom Sockel geholt, ans Herz gewachsen

Das Buch über ihren Vater, den Weiberhelden, Wehrmachtsoffizier und gehenkten Widerständler, ist ein Bestseller. Jetzt kehrte Wibke Bruhns an ihren Geburtsort Halberstadt zurück, las vor und stellte sich der Kritik von Verwandten.

Die Fahrt ins Ich beginnt hinter einer Wurstbude, die "Feldküche" heißt. Sie steht an der B 81, in einer scharfen Kurve hinter Kroppenstedt, und irgendwie passt der Name gut in die Landschaft. Feldküche. Als sei der Krieg nie zu Ende gegangen. Noch 15 Kilometer bis Halberstadt in Sachsen-Anhalt; Wibke Bruhns, 65, zieht eine Marlboro aus ihrem Silberetui, zündet sie mit einem goldenen Feuerzeug an und schaut hinaus auf die vorbeifliegenden Scheußlichkeiten. Plattenbauten, ein gelbes "Fuck you" gesprüht auf bröckelnden Rauputz, Baumärkte. Irgendwelche Emotionen, wenn sie sich der Heimatstadt nähert? "Nöö", sagt Bruhns und zieht tief an der Zigarette. Sie war sechs, als US-Bomber im April 1945 die schmucke Altstadt in Schutt und Asche legten, in der sie aufwuchs.

Bruhns kurvt durchs geschundene Zentrum und parkt ihren kleinen roten Flitzer vor dem Elternhaus. Der trutzige 33-Zimmer-Bau aus grauem Sandstein hat die Bomben und die Russen, sogar den realen Sozialismus überstanden. Heute ist es ein plüschiges Vier-Sterne-Hotel mit Haustöchtern, die in Tracht servieren. Damals war es ein Statussymbol, gebaut von einem Stararchitekten der Kaiserzeit.

Der Filmemacher Alexander Kluge war 13, als sein Elternhaus im Halberstädter Bombenhagel getroffen wurde. Seine größte Sorge war damals, er könnte zu spät zur Klavierstunde kommen. Der wahre Schock saß so tief, dass er erst viele Jahre später an die Oberfläche drang. Bei Wibke Bruhns, die am Bismarckplatz schräg gegenüber wohnte, dauerte es noch länger, bis sie es wagte, der "Metapher Halberstadt" - der Geschichte ihrer Familie und ihrer furchtbar zerbrochenen Welt - in die Augen zu schauen. Ihre ersten sechs Jahre sind "unter den Trümmern verschüttet", an den Vater Hans Georg Klamroth, den sie sich mit dem Kürzel HG vom Leib hält, kann sie sich nicht erinnern. Auch eine jahrelange Psychoanalyse hat kein Bild von ihm ausgraben können. Weil immer Krieg war, kam der Offizier nur selten nach Hause, alte Fotos zeigen ein blondes Mädchen an der Hand eines schlanken Mannes im hochgeknöpften Wehrmachtsmantel.

Wie wächst man auf, wenn der Vater nackt an einem Eisenhaken im Gefängnis Plötzensee aufgehängt und langsam zu Tode gewürgt wird, weil er vom Attentat gegen Hitler wusste? Wie wächst man auf in einem Haus, in dem die ältere Schwester Ursula ein Kind bekommt, während ihr Mann Bernhard gehenkt wird, weil er für Graf Stauffenberg den Sprengstoff besorgt hat?

40 Jahre lang hat sich die ehemalige stern-Korrespondentin Wibke Bruhns diese Geschichten "vom Hals gehalten". Sie wollte "nichts wissen", denn zu Hause war der Vater nur eine "sorgfältig umschiffte Schmerzzone", über die man schwieg oder weinte. Und draußen im Land war er auch "kein Mensch, sondern eine Lichtgestalt", deren Name auf Mahnmalen stand. Einer von diesen wenigen Helden, auf die man im kaputten Deutschland stolz sein konnte. Oder doch nicht? Als die 14-Jährige aus einem Internat flog, rief ihr Direktor Erwin Schmidt - noch 1953! - hinterher: "Kein Wunder, dass du solch einen schlechten Charakter hast, dein Vater war ein Hochverräter."

Nun ist sie nach Halberstadt gekommen, weil das Fernsehen nach dem Erfolg ihres Buches sie im Elternhaus filmen will. Lächelnd nimmt sie Platz am "scheußlichen Kamin", genau dort, wo sie 1942, zu Großvaters Geburtstag, den sperrigen Spruch hersagen musste, den er selbst gedichtet hatte und unter dem Familienwappen einmeißeln ließ: "Warmer Herd, Harm er wehrt." Selten lag jemand so daneben wie Großvater Kurt. Sein Haus hat mehr Tragödien erlebt, als eine Familie aushalten kann. Der Untergang der einstmals wohlhabenden Saatgut-und-Düngemitteldynastie Klamroth aus Halberstadt ist auch die Geschichte der deutschen Katastrophe im vergangenen Jahrhundert.

Wie immer druckreif, spricht Wibke Bruhns in die laufenden Kameras: "Mein Vater galt später ja immer als Beleg dafür, dass nicht alle Deutschen Schweine waren - aber das nützte mir gar nichts. Was hatte ich davon, dass er ein Held war?" Als sie ihn erstmals 1979 in einem alten Film sah, wie er schmal und "mit erloschenem Gesicht" in einem viel zu großen Anzug vor dem Volksgerichtshof stand und vom tobenden Freisler zum Tode verurteilt wurde, versprach sie ihm: "Jemand muss dich an die Hand nehmen." 20 Jahre lang durchforschte sie die zahllosen Briefe und Tagebücher, die von allen Mitgliedern der Familie in scharfer Sütterlinschrift geschrieben worden waren. Ihre Spurensuche wurde auf Anhieb zum Bestseller.

Sie hätte es sich einfach machen und ein Heldenepos schreiben können. Sie hätte den Vater da oben auf dem Sockel stehen lassen können, unerreichbar, einsam. Aber sie hat ihn heruntergeholt, mit all seinen Ängsten, Schwächen, Widersprüchen, Lügen und liebevollen Seiten. Sie hat nichts ausgespart, weder die schwarze SS-Uniform noch die furchtbaren Tagebuchnotizen aus Russland.

Und sie hat dem Verführer

nachgespürt, der Frauen wie Drogen konsumierte. Seine Frau Else hat sich bis zu ihrem Tod 1987 nicht davon erholt. HG macht keinen Versuch, seine zahllosen Affären mit dänischen Dienstmädchen, Nachbarinnen und "den angeblich besten drei Freundinnen" der Gattin zu verbergen. Als er mit Cläreliese, der Frau eines Freundes schläft, rächt sich Else und schnappt sich deren Mann Helmuth. Eine groteske ménage à quatre beginnt, zwei Jahre lang spielen die Großbürger abends Bridge zu viert, nachts verschwinden sie in fremden Betten.

Die Tochter erfährt von der "absurden Viererbande" erst Jahrzehnte später, als sie die Briefe und Tagebücher des Vaters durchliest. Jede Geliebte hat er darin aufgezählt, nur schwach verschlüsselt: Er glaubte, in griechischen Buchstaben blieben sie unentdeckt. Seine Frau ist an der Untreue des Mannes zerbrochen. Noch bevor er am Galgen endete, war die Ehe nicht mehr zu retten. In seiner schlimmsten Zeit war der Vater allein - und seine Frau quälte sich deswegen noch 43 Jahre lang. Die Trauer darüber treibt die Tochter bis heute um.

Wibke Gertrud Klamroth kommt im September 1938 auf die Welt, noch ist Frieden. Ihren Vornamen erhält sie, weil sie so nordisch aussieht, dass "der Führer seine helle Freude an mir gehabt gehabt hätte". Das kleine blonde Mädchen fürchtet sich vor dem Chaos im riesigen Elternhaus, vor den Flüchtlingen, die später in jedem Winkel hausen, überall toben Kinder, die den Kopf voller Läuse haben. Die heile alte Welt zerfällt, in die Mahagonitäfelung werden Nägel geschlagen, die Russen tanzen mit dreckigen Stiefeln auf den Chippendale-Sofas der Großmutter. Wo früher Schwertlilien im Garten standen, wird nun Rotkohl angebaut, Wibke muss "Rotkäppchen-Kleider" tragen, die aus alten Hakenkreuzfahnen geschneidert wurden. Verstört flüchtet sie in ihre eigene Welt. Sie erfindet Geschichten, für die sie von der Mutter mit der Reitpeitsche verprügelt wird, weil "Lügen" in dieser großbürgerlichen Familie nicht erlaubt waren.

Die Fantasie hat sie vom Vater. Der litt darunter und schrieb voller Selbstanklage in sein Goldschnitt-Tagebuch: "Ich lüge! Von all dem, was ich in den letzten Jahren zu erzählen pflegte, ist wohl nichts buchstäblich wahr." Den Eltern warf er vor, die Lügen nicht energisch genug bekämpft zu haben: "Warum sahen sie mich bloß mit sanftem Vorwurf an, statt mich im Dunkeln einzusperren und mich tagelang hungern zu lassen? Sie sagten: Was hat der Junge für eine Phantasie! statt zu sagen: Wie rotten wir das aus?"

Wibke Bruhns schaut hinauf in den zweiten Stock. Der kleine Balkon gehörte zu ihrem Kinderzimmer. Glücklich war sie damals nicht. Sie war einsam, in den Krieg hineingeboren, die völlig überlastete Mutter hatte keine Kraft mehr für sie, und nach dem Krieg wurde das nicht besser, "erzogen wurde ich eigentlich nicht, ich lief irgendwie nebenher".

Johannes Georg Klamroth, ihr Vater, wird 1898 in eine wohlhabende, kaisertreue Familie geboren. Großvater Kurt ist ein exzellenter Geschäftsmann und "wilhelminisch bis in die Knochen". Er lässt schon den zweijährigen Sohn im Garten antreten, dann wird "mit Gewehr und Fahne marschieren geübt". Das Kaiserreich verlangt harte Männer, Mutter Gertrud macht sich Sorgen um den zarten Sohn, er sei "eine kleine feige Memme", schreibt sie 1904 in ihr Tagebuch, so einer passt nicht "in eine Zeit, in der die Kerle schneidig und tapfer zu sein haben und dem Tod freudig ins Auge sehen sollen" (Bruhns). Im Juli 1916 wird der 17-Jährige felddiensttauglich geschrieben und darf mit einem feinen Dragoner-Regiment an die Ostfront reiten. Schon am zweiten Tag erwischt ihn ein Schulterdurchschuss, der aber nicht seinen "Blutdurst" mindert. Er möchte zu einem anderen Regiment, weil es dort gefährlicher sei. Im Winter 1918 erschießt HG einen Russen, "das dumme Gesicht von dem Mann hättet ihr sehen sollen, es war zum Malen!", schrieb er stolz nach Hause, "der erste Mensch, den ich bewusst getötet habe, Krieg!" Der zweite Mensch, den er tötet, verfolgt ihn ein Leben lang. Im April 1918 erschießt er im Baltikum den betrunkenen deutschen Infanteristen Franz Vitt, der ein Schwein gestohlen hatte und sich bei seiner Verhaftung durch Klamroth wehrte. Hans Georg ist tief verstört, der tote Vitt lässt ihn selbst in schlimmsten Zeiten nicht mehr los.

Bruhns klagt nicht an

in ihrem Buch, sie stellt Fragen, manchmal fassungslos: "Haben die alle den Verstand verloren?" Zwei Jahre vor den Nürnberger Rassegesetzen war man stolz darauf, dass sämtliche Mitglieder der Sippe "rein arischer Abstammung" seien. Die Tochter ist ratlos, als sie liest, dass der Vater sich 1933 freiwillig zur SS-Reiterstaffel gemeldet hat: "Kann das wirklich sein, dass ein intelligenter, erwachsener Mann eine Uniform anzieht, und dann ist er glücklich?" Sie verzweifelt fast, wenn er in sein Tagebuch schreibt, gegen die Partisanen müsse mit aller Härte vorgegangen werden: "Jede unangebrachte Milde ... kann Hunderte deutscher Soldaten ihr Leben kosten", da sei es doch besser, wenn "eher mehr als weniger von diesen Untieren ins Gras beißen."

Wann er beschlossen hat, sich dem Widerstand gegen Hitler anzuschließen, ist nicht ganz klar, denn mit Außenstehenden hat er darüber nicht geredet, und die Mitverschwörer sind alle tot. Seine Tagebücher aus jener Zeit hat die Gestapo beschlagnahmt, sie sind nie wieder aufgetaucht. Als Abwehroffizier hatte er mehr Einblick in die Gräuel als normale Offiziere, die Tochter glaubt, ihm seien "schon in Russland die Augen aufgegangen". Als verantwortlicher Abwehrmann für die "Wunderwaffen" V1 und V2 habe er gewiss auch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im KZ Mittelbau-Dora erlebt. Dort war "die Sterblichkeitsrate höher als in jedem anderen deutschen KZ". HG spricht mit niemandem darüber, als Abwehrmann ist ihm "nichts zu sagen zur zweiten Natur geworden". Nur am Tag nach dem Attentat auf Hitler, am 21. Juli 1944, als er ein letztes Mal nach Halberstadt kommt, offenbart er sich seiner Frau. Sie schreibt in ihr Tagebuch: "Ich weiß noch, wie einleuchtend mir Vaters Darstellung von der Notwendigkeit des Attentats war, aber er sagte nur so wenig, so wenig ... Er wollte nicht, dass ich durch Wissen bei einem etwaigen Verhör durch die Gestapo belastet wäre, er kannte ja ihre Methoden." Sie hat ihn nie wiedergesehen.

Am Abend ist Lesung im wieder aufgebauten Rathaus von Halberstadt, auch zwei Vettern und eine Kusine sind gekommen, um Wibke Bruhns zu hören. Sie hätte es sich einfach machen können und das Heldenkapitel vom Schluss vorlesen können. Und alle im Saal hätten sich ein bisschen besser fühlen können: Was es doch für feine Deutsche gab! Die Tochter liest das Kapitel vor, in dem die Mutter endgültig über die Untreue des Mannes verzweifelt. Danach ist es totenstill im Saal. Bis ein schwer atmender, alter Mann aufsteht: "Meine Schwestern hätten mich bis Grönland gejagt, wenn ich so was über unseren Vater geschrieben hätte!" Auch Wibke Bruhns fürchtete anfangs, die Familie würde sie "vielleicht in der Luft zerreißen". Vetter Lutz räumt ein, er hätte zwar "schwer geschluckt", aber nach der letzten Seite hätte er zugeben müssen, dass es "wohl wertlos gewesen wäre, wenn sie nur ein klein wenig geschummelt oder schön gefärbt hätte". Kusine Annegert dachte anfangs, "Wibke hat mal wieder eine gute Geschichte erfunden, das kann sie ja", aber dann war sie "tief bewegt". Und für Vetter Klaus, bei dem zu Hause auch immer nur geschwiegen wurde, war das Buch ein "Befreiungsschlag".

Claus Lutterbeck / print