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literatur: Michael Najjar: Begleittext

zu beginn des 21. jahrhunderts unterliegt auch japan einer sich beschleunigenden veränderung traditioneller kultur- und wertesysteme. die japanische moderne, die mit der meiji-restauration 1886 beginnt, zeichnet sich besonders durch eine ausgeprägte dichotomisierung zwischen »japan« und »dem westen« aus. diese ständige konfrontation japanischen und

europäisch-westlichen denkens führte zu einem sich scheinbar nie auflösenden dualismus.

das ende des kalten krieges, die globalisierung und die verwandlung zur informations- und wissensgesellschaft zwingen japan dazu, die eigene rolle im koordinatensystem der kulturen und nationen zu überdenken, der drang zur abgrenzung, basierend auf einem tief verwurzelten ethnozentrismus, wird geringer. es geht um eine neue standortbestimmung im globalen maßstab, eine art zeitenwende. das japan der moderne ist in seinem verhältnis zu asien und zum westen durch sein ureigenstens selbstverständnis der japanischen einzigartigkeit (uniqueness) geprägt.

dieses selbstverständnis wird sich auch im postmodernen japan nicht einfach auflösen, aber es verändert sich in seinen auswirkunkungen. das traditionell geprägte und starre japanische gesellschaftssystem wird nun plötzlich einem kontinuierlichen wandel unterworfen.

japan befindet sich inmitten eines dekonstruktionsprozesses, der möglicherweise das »dualisimus-dilemma« auflöst und aus den fragmenten ein neues verständnis, eine neue identitätsbildung und eine vision für die zukunft erschafft.

kern des japanischen selbstverständnisses ist die neigung oder besser das bedürfnis, sinn nicht im wesen der dinge, sondern in ihrer beziehung zueinander zu erkennen. eine vorstellung, die ihren ursprung im buddhismus hat. der moderne westliche individualismus betont stets das subjekt, seine eigentümlichkeit und einzigartigkeit.

die japanische kultur hingegen beobachtet stets die strukturellen verknüpfen des subjektes mit seiner umgebung und der daraus resultierenden gegenseitigen modifikation. diese, zum westlichen denken ontologisch grundlegend entgegengesetze betrachtungsweise, kann bis zur abwesenheit oder dem verschwinden des subjektes führen. die leere des zentrums, sowohl im innern als auch in äußeren erscheinungsformen, ist im buddhismus ein anzustrebender idealzustand.

viele für uns europäer schwer zu verstehende japanische kulturelle und soziologische besonderheiten werden auf dieser gedanklichen grundlage eher begreifbar.

die perfekte umsetzung für die vorstellung des leeren zentrums und des abwesenden subjektes ist die stadt tokyo selbst. eine amöbenartige megametropole ohne zentrum, ohne wirklichen zentralen mittelpunkt. zwar gibt es bei genauerer betrachtung doch ein art zentrum, aber dieses zentrum ist vollkommen leer: der kaiserpalast. das heilige nichts.

wie roland barthes treffend beschreibt, entfaltet sich hier »das imaginäre auf zirkulären um- und irrwegen um ein völlig leeres subjekt«. die stadt besteht aus millionen von kleinen »units«, die sich in permanenter wechselwirkung - und wohl auch ein wenig zufällig - gegenseitig beinflussen und verändern.

eine zentrales prinzip ist nicht erkennbar. der japanische philosoph shinohara kazu spricht hier von »progressiver anarchie«. damit ist nicht etwa das chaos, sondern das fehlen des übergeordeten prinzips gemeint. die dinge bilden sich, indem sie gebildet werden.

tokyo ist der prototyp der stadt im 21. jahrhundert, ein paradigma zukünftiger gesellschaftsordungen.

es geschieht fasznierendes.

japan gleitet deutlich spürbar in eine stark medial geprägte artifizielle realität über, die durchaus als wegweisend für zukünftige urbane gesellschaftliche entwicklungen gedeutet weden kann. die virtuelle realität findet in japan nicht nur im

sterilen vakuum der datennetze statt, sondern enfaltet sich in der realität des realen.

natürlich lassen sich derartige entwicklungen am besten in tokyo erkennen, einer stadt die ihres gleichen sucht. eine stadt von der grösse tokyos führt zur bedingungslosen irritation des unendlichkeitssinns und erinnert uns fortwährend daran, dass das »rationale« lediglich ein system unter vielen ist. wie sonst ist es zu erklären, dass die 25 millionen einwohner tokyos nicht alle ziellos umherirren, da es in der stadt weder strassennamen noch hausnummern gibt.

wo die numerische strukturieruntg fehlt, wird die visuelle erfahrung zum entscheidenden element der orientierung.

die kreuzung von shibuya beispielsweise ist das sinnbild für die elektronische fragmentierung der realität, sie gleicht einem sich permanent selbstreproduzierenden bildorkan. es ist wie ein rausch, ein bildersturm, in dessen strudel die perspektiven zu taumeln und zu schwanken beginnen.

hier kann man sie treffen, die »shibuya-kids«, die junge japanische generation, die sich einen besonderen weg des protestes und der eigenen identitätsbildung gesucht hat: extremstyling.

eine junge generation, die ihre identitätsbestimmung neuerdings nicht mehr durch angleichung an die gruppe, sondern durch ein

höchstmass an individualität und extrovertiertheit definiert. ihre »waffen« sind make up, lippenstifte und extravagante kleidung. ihr provozierendes und futuristisches erscheinungsbild speist sich aus dem fernsehen, aus den japanischen manga-comics und vor allem aus computerspielen. die permanent flimmernden video- und werbeclips scheinen auf der strasse ihre »realtime-inkarnation« zu erleben. die überlappung medialer und realer botschaften ist so dicht und komplex, dass eine unterscheidung oftmals nicht mehr möglich ist.

im zentrum dieses gewaltigen reproduktionstechnischen bilderorkans suchen die menschen ruhe und entspannung - und zwar im stahlkugelgewitter der »patschinkos«. diese spielhöllen sind geprägt durch eine atmosphäre schwerer manufakturarbeit. in kollektiver einsamkeit jagen die spieler vor maschinen sitzend tausende von stahlkugeln durch ein raffiniertes system von abprallmechanismen. der hierbei produzierte lärm führt bei westlichen besuchern zu physischen schmerzen. die japaner jedoch

verfallen in einen meditativen trancezustand und verbringen konzentriert und andächtig stunde um stunde vor den maschinen.

hier scheint sich eine art maschinenempathie entwickelt zu haben. der futurismus hat die maschine als wichtigstes element der individuationsauflösung an die stelle der natur gesetzt. die natur als andachtsraum wird der menschlichen steuerung unterworfen. ein phänomen, welches sich besonders gut in japanischen parks beobachten lässt. die domestizierung der natur in ein vorgegebenes, durchdachtes und ästhetisch höchst anspruchsvolles raster ermöglicht die gefahrlose kontemplation.

weniger gefahrlos für das bewustsein erscheint die multiple duplizierung von realsituationen mittels gigantischen screens im öffentlichen raum. die vervielfachung führt zur permanenten auflösung des raum-zeit-kontinuums, erschafft raumkopien und gleichzeitig neue räume. das ist aber im grunde nur konsequent, denn die perfekte kopie ist ein japanisches wirtschafts- und kulturphänomen und lässt sich wiederum auf das meister-schüler-prinzip des buddhismus zurückführen.

das entscheidende ist immer der weg und die bewältigung des weges, niemals aber das ziel. japan ist auf dem weg in eine neue welt, die sich im bewusstsein ihrer soziokulturellen tradition in höchstem maße artifiziell definieren wird. die auflösung bisheriger trennlinien zwischen »realem« und »virtuellem« vollzieht sich in japan rasend schnell. diese entwicklung bezieht sich im übrigen nicht nur auf die umwelt, sie macht auch vor dem menschlichen körper nicht halt.

die permanente metamorphose, die auf der abwesenheit eines integrierten prinzips besteht und das wesentliche nicht in der substanz der dinge, sondern in ihrer relation sucht, ist der kern dessen, was man unter »japanese style« verstehen kann. dieses verständis, gepaart mit der der rasanten transformation zum virtuellen environment, liefert eine idee und eine vorahnung, wie sich die menschheit und der lebensraum in dem sie existiert in den kommenden jahrzehnten entwickeln werden.

willkommen in der fernen gegenwart...

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