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Mein Leben als Mensch (Teil 110): Berlin und das Pubertier

Teenager, die in der Provinz leben, sehnen sich nach ein wenig Großstadtluft. Zum Beispiel nach der aus der Hauptstadt. Denn um zu wissen, was man auf dem Land verpasst, muss man Berlin und all die coolen Leute da mal gesehen haben. Ohne Eltern natürlich.

Von Jan Weiler

Das Leben mit einem Pubertier beschert einem fast täglich neue Erkenntnisgewinne. Im Rahmen der Erforschung ihrer Grenzen erklärte Carla mir zum Beispiel heute Morgen, sie würde gern mal nach Berlin fahren. Allein. Sie ist elf, und ich antwortete, sie sei zu jung, um dort ganz allein herumzulaufen. Sie konterte mit dem Hinweis, dass sie sicher sei, es gebe in Berlin Tausende von Elfjährigen, die dort allein herumliefen. Mein Hinweis, dass die aber dafür nicht extra vorher ins Flugzeug steigen müssten, weil sie in Berlin wohnten, tat sie mit einer Miss-piggyesken Handbewegung ab und bescheinigte mir nicht zum ersten Mal Spießigkeit und Kleinmut. Aber es bleibt dabei: Nach Berlin darf man erst mit 15. Und damit basta.

Was sie da eigentlich wolle, fragte ich sie. "Einfach ein bisschen abhängen und was kaufen." "Um ein bisschen abzuhängen und was zu kaufen, musst du nicht nach Berlin fliegen. Das kannst du hier auch."

"Hier?" Sie sagte dieses kleine Wort mit nicht mehr steigerbarer Verachtung. Man muss dazu sagen, dass wir auf einem Dorf leben. Mit Kühen und Obstbäumen und einer S-Bahn-Haltestelle, von wo man dreimal pro Stunde in eine Millionenstadt fahren kann, die für unsere Tochter allerdings mit dem nicht tilgbaren Makel behaftet ist, nicht Berlin zu sein.

Teenager contra Provinzwurst

"Was ist denn an Berlin so toll?", frage ich sie. "Es ist eben nicht so pupig, und da sind die coolsten Leute." Die coolsten Leute sind alle schon erwachsen, denke ich. Die bleiben gern unter sich. Aber ich bringe es nicht übers Herz, sie mit dieser gemeinen Wahrheit zu konfrontieren. Deshalb sage ich: "Die in Berlin tun nur so toll. In Wirklichkeit haben die nicht einmal frische Milch in Berlin." Aber meine Tochter pfeift auf frische Milch, und sie sagt: "Papa, du bist eine totale Provinzwurst."

Dafür muss sie in ihr Zimmer gehen und Latein üben. Das hat sie jetzt davon. Provinzwurst. Möchte mal wissen, wo sie das herhat. Nach einer Viertelstunde schwant mir, dass sie einerseits entschieden viel zu früh damit anfängt, meinen Lebensentwurf zu kritisieren, und andererseits absolut recht hat. Aber, na und? Ich lebe gern auf dem Land, lieber als in der Stadt. Das hatte ich schon, bis wir der Kinder wegen aufs Land gezogen sind.

Bewohner urbaner Weltgegenden glauben, dass Menschen, die auf dem Land leben, unendlich traurig darüber sind und deshalb am Wochenende in riesigen Zelten oder Scheunen kompensatorische, aber sinnlose Späße veranstalten wie Wurstwasserwetttrinken und dass sie am liebsten Weizenbier mit Bananensaft in gläsernen Zweiliterstiefeln bestellen. Gut, das Letzte stimmt auch. Aber das Nachtleben in Berlin unterscheidet sich in seinen Bräuchen auch nur graduell. Man muss zudem ewig weit fahren, um von einer guten Kneipe zur nächsten zu kommen, und landet schließlich in einer Techno-Disco, die metastasenhaft von englischen Touristen bevölkert wird, die mit Billigfliegern in die Stadt kommen, weil man in Berlin so günstig saufen kann, und sich aufführen wie bayerische Traktormonteure im Bierzelt.

Dörfliches Leben in der Millionenstadt

Trotz ihrer angeblichen Weltläufigkeit versuchen die Berliner im Alltag übrigens alles, um in ihrem Bezirk genauso dörflich zu leben wie ich. Der Berliner verlässt freiwillig niemals den Radius der preußischen Landmeile, der seinen Kiez begrenzt. Man kann von einem Kreuzberger nicht verlangen, mal nach Charlottenburg zu kommen, und einen Weddinger zieht es unter keinen Umständen nach Schöneberg. "Da war ich noch nie", wird er sagen, und es klingt so, als könnte man da auch gar nicht hinfahren.

Im Grunde genommen leben die Berliner also keineswegs in einer Stadt, sondern in Dörfern. Die meisten von ihnen haben einen astreinen S-Bahn- Anschluss, und somit verschwimmen die Unterschiede zu unserem Kaff. Carla wird noch ungefähr 20 Jahre brauchen, um das zu verinnerlichen. Bis dahin müssen wir noch ein bisschen diskutieren. Eben kam sie aus ihrem Zimmer, wo sie ein wenig über Berlin gegoogelt hat. Ob ich den Techno-Club Berghain kenne, da wolle sie nämlich unbedingt mal hin.

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