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Mein Leben als Mensch (Teil 117): Pfui Bubbles

Den Kindern korrekte Manieren anzuerziehen, ist eine mühevolle Aufgabe. Insbesondere, wenn die eigenen Angewohnheiten denselben Kriterien standhalten müssen. Dass beim Hochadel ganz andere Sitten herrschen, erfährt man neuerdings auf der Toilette.

Von Jan Weiler

Das Thema "richtige Umgangsformen" bleibt ein familiärer Dauerbrenner, globale Topnews können dagegen nicht anstinken, Michael hin, Jackson her. Der berühmteste Mensch der Welt wird beerdigt, und alles, was meine Kinder daran interessiert, sind Mutmaßungen zu seinen Tischmanieren. Der Michael Jackson habe sich als reicher Popstar zu Hause bei Tisch bestimmt aufführen dürfen wie ein Erdferkel, behauptet Nick. Das mag sein, zumal an Jacksons Seite jahrelang ein Affe dinierte. Das habe ich übrigens mit Michael Jackson gemein, denn mein Sohn verhält sich während der Mahlzeiten wie einst Jacksons Schimpanse Bubbles, wenn auch unzivilisierter.

Wir haben zum Zwecke der Normierung unseres Nachwuchses und weil man das eben so macht und weil ich in Ruhe essen möchte, bereits vor einiger Zeit Tischregeln aufgestellt. Man darf bei uns während der Mahlzeiten nicht Nintendo spielen und auch nicht laut singen, ganz besonders nicht "Finger im Po, Mexiko". Es ist zudem verboten, das Essen liederlich zu kommentieren. "Das schmeckt mir leider nicht so gut" ist in Ordnung, "Buäh, pfui Spinne, ich will sofort was anderes" geht nicht. Und man darf die Füße nicht auf dem Tisch ablegen, dies übrigens auch nicht nach oder vor den Mahlzeiten, also eigentlich nie. Sara behauptete, das sei eine ganz schlimme Unart, und sie und ich würden so etwas schließlich auch nicht machen. Dabei stimmt das nicht. Ich liebe es nämlich, die Füße auf den Esstisch zu legen. Manchmal kippele ich dabei auch noch mit dem Stuhl und lese so die Zeitung. Das mache ich allerdings nur, wenn ich allein bin. Sara weiß bisher nichts davon, und unsere Kinder dürfen diesen Text nicht lesen, damit sie nicht Glauben und Vertrauen in unsere Erziehungsmaßstäbe verlieren.

Glamouröse Gastregeln

Diese richten sich streng nach den konventionellen Regeln der Höflichkeit und werden ständig mit neuen Dos und Don'ts angereichert, welche ich aus Saras Frauenzeitschriften beziehe, die ich auf dem Klo studiere. Ich verfolge die Entwicklung der Etikette mit größter Aufmerksamkeit, zumal ich dort Umgangs-Feinheiten kennenlerne, deren Originalität mich vor Begeisterung an den Rand der Bewusstlosigkeit peitschen. Gerade erst zum Beispiel las ich die neuen Benimmregeln für Gäste und Gastgeber. Da antwortete doch eine adlige Autorin auf die Frage, ob man als Gast Blumen mitbringen solle, dass man diese ein bis zwei Tage vorher zu schicken habe, denn "wer will schon den halben Abend nach passenden Vasen suchen?" Diesen Satz fand ich ganz unglaublich glamourös. Ich stellte mir sofort vor, wie Angehörige der Zielgruppe dieser Zeitschrift halbe Abende lang in ihrer Zweizimmerwohnung nach einer Vase suchen. Und zwar nicht nach überhaupt einer Vase, sondern nach einer passenden Vase.

Wir besitzen im Ganzen sechs Vasen unterschiedlicher Größe und dazu noch acht ausgetrunkene Sanbittèr-Fläschchen, in die man Gänseblümchen stecken kann, was einen völlig unprätentiösen und dennoch lässig-stylishen Tischlook abgibt, wie ein Frauenzeitschriftendekoredakteur jetzt schreiben würde. Noch nie habe ich nach einer passenden Vase suchen müssen, weil die bei uns alle an derselben Stelle stehen, und irgendeine passt auf jeden Fall. Meine Frau freut sich immer sehr, wenn man ihr Blumen mitbringt, und rubbeldiekatz werden sie auf den Tisch gestellt. Und das soll jetzt nicht mehr richtig sein? Gut. Bitte schön.

Ich bringe sowieso lieber Wein mit. Ist aber - Stand heute - auch verkehrt. Wer nämlich dem Hausherrn eine Flasche Chianti Classico in die Hand drückt, beleidigt ihn im Subtext: "Hier, bitte schön. Am besten, wir machen sie gleich auf, dann gibt's wenigstens was Ordentliches zu saufen." Meistens stimmt das zwar, aber es diskreditiert den Gastgeber natürlich auf das Schlimmste. Dieser hat schließlich schon vor Stunden den Wein geöffnet - und dann den halben Nachmittag nach einem passenden Dekanter gesucht.

Michael Jackson hatte bestimmt ein eigenes Zimmer für seine vielen, vielen Dekanter.

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