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Mein Leben als Mensch (Teil 91): Das Sieger-Kind

In den Skiferien gehen Nick und Carla in die Skischule, ebenso wie Colin-Noel. Doch der scheint nicht im mindesten auf die Piste zu wollen, er schreit und weint die ganze Woche. Sein Vater Klaus, ein effizienzorientierter Naturbursche, meldet ihn trotzdem zum Abschlussrennen an.

Von Jan Weiler

Wir waren in der Schweiz, Graubünden. Der Ort war hübsch, das Hotel zauberhaft, die Pisten weiß, und der Skikurs für die Kinder begann um neun Uhr morgens. Vorher wurde gefrühstückt. Mit uns am Tisch saß das uns vom Hotel zugeordnete Ehepaar Klaus und Susi mit seinem vierjährigen Sohn Colin-Noel. Sie kamen aus Erkelenz, und sie kamen, um zu gewinnen. Das machte Klaus uns gleich klar. Sein Sohn sei der geborene Winner, ein Challenge-Seeker. Ein Mover. Im Kindergarten der Opinion-Leader der Igelgruppe. Colin-Noel habe bereits Buchstabierwettbewerbe sowie ein Blockflöten-Vorspielen erfolgreich absolviert, zeige sich seit Jahren als unschlagbar im Sackhüpfen, und nun sei Skifahren dran, da könne man Demut lernen, es sei gut für die Koordination, der Schnee härte die Kinder ab und stärke die Abwehrkräfte. Klaus sah aus wie eine Mischung aus René Obermann und Reinhold Messner, wie ein effizienzorientierter Naturbursche.

Nach dem Frühstück brachen wir auf zur Skischule, einer Institution, der wir unsere Kinder seit Jahren gern anvertrauen, weil sie davon abends so schön müde sind. Colin-Noel wollte nicht mit. Er weinte. Er mochte keinen Schnee. Klaus schon. Er liebt Schnee, unter anderem weil dieser kostenneutral, also gratis zur Verfügung gestellt werde, was heutzutage nicht selbstverständlich sei.

Heimlich gucken, was die Kinder machen

Wir lieferten Nick und Carla in ihren Gruppen ab, und sie mischten sich wie kleine Fische in den Schwarm. Colin-Noel setzte sich in den Schnee und brüllte. Klaus sagte, das lege sich bald, und verschwand. Mittags fuhren wir an der Skischule vorbei, heimlich gucken, was die Kinder machen. Ehrlich gesagt, fuhr ich aber vorbei, um heimlich zu gucken, was Colin-Noel so machte. Er saß im Schnee und schrie.

Am nächsten Tag das Gleiche. Wir schauten um elf, und Colin-Noel hockte auf der Piste, die Arme verschränkt, im Gesicht grenzenlose Verzweiflung. Wir fuhren unauffällig gegen Mittag vorbei, und Colin-Noel weinte. Wir kamen um halb drei, und er warf mit Schnee nach dem Skilehrer. Abends sagte ich zu Klaus: "Vielleicht wäre Schlittenfahren was für Colin-Noel", und er sagte beleidigt: "Mein Sohn ist ein Naturtalent. Er ist in einer intensiven kognitiven Phase." Mittwochs schmollte Colin-Noel kognitiv am Rande der Übungspiste, donnerstags hatte er dabei nicht einmal Skier an, freitags machte er erste zaghafte Versuche, indem er sich vom Skilehrer über die Ebene ziehen ließ.

Hans und Franz, die Schlittenkutscher

Samstags ließen wir die Skischule sausen, denn die Kinder wollten unbedingt mit der Kutsche fahren. Die im Ort konkurrierenden Schlittenkutscher hießen Hans und Franz, genau wie die Brüste von Heidi Klum. Sie waren zwar miteinander, nicht aber mit Heidi Klum verwandt. Wir entschieden uns für Franz, und für diesen Tag kann ich Colin-Noels Fortschritte nicht beurteilen.

Am Abend verkündete Klaus, sein Sohn werde morgen zeigen, was in ihm stecke. Beim Abschlussrennen werde er von Nick kaum zu schlagen sein. Ich lachte. Nick fährt gut, meistens brettert er einfach so lange geradeaus, bis ein Hindernis kommt, dann lässt er sich fallen. Sieht spektakulär aus. Kurven kann er auch, wenn er will, hält sie aber für überbewertet. Klaus erhob sich vom Abendessen und erklärte, er müsse nun die Skier seines Sohnes wachsen. Er wolle auch die Kanten schleifen. Skisport sei eine Hightech-Veranstaltung. Er strich Colin-Noel über den Kopf und sang: "So sehen Sieger aus."

Am nächsten Vormittag dann das Abschlussrennen. Nick machte sich gut, er fand alle Tore und fiel nicht hin. Mehr kann und darf man von einem Fünfjährigen auch nicht erwarten. Finde ich. Etwas später war Colin-Noel an der Reihe. Sein Vater schubste ihn aus dem Starthäuschen, und Colin-Noel rutschte die Piste abwärts, das Visier beschlagen von lauter Aufregung. Klaus rannte wie ein Irrer hinter ihm her und brüllte: "Hopp! Hopp! Hopp! Hopp!"

Die Siegerehrung mit der Verteilung der Skischulmedaillen filmte Klaus mit zitternder Hand, und auch ich war aufgeregter, als ich zugeben wollte. Um es abzukürzen: Nick wurde Zwölfter von 26 Startern. Und Colin-Noel wurde Elfter. Nächstes Mal lasse ich auch wachsen. Die kleine Krücke muss doch wohl zu schlagen sein.

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