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Mutter gegen Bestseller-Autor: Abrechnung mit dem "miesen Arschloch"

Skandal-Autor Michel Houellebecq ("Elementarteilchen") hasst seine Mutter so sehr, dass er sie schon für tot erklärt hat. Nun rächt sich die 83-jährige Lucie Ceccaldi in einem eigenen Buch. "Lügner und Aufschneider" nennt sie ihn darin. Der Mutter-Sohn-Krieg sorgt in Frankreich für Schlagzeilen.

Von Astrid Mayer, Paris

Es war ein Tritt in den Bauch der Frau, die ihn einst in sich trug. Mit seinem Roman "Elementarteilchen" hat Michel Houellebecq seiner Mutter ein ziemlich hässliches Denkmal gesetzt: eine Hippie-Frau, die ihre Kinder vernachlässigt und weggibt, um sich der Selbstverwirklichung und sexuellen Experimenten zu widmen. Der französische Autor hat nicht einmal den Namen geändert. Die Romanfigur trägt den Mädchennamen seiner Mutter. Das wollte die mittlerweile 83-jährige Lucie Ceccaldi nicht auf sich sitzen lassen und hat nun ebenfalls ein Buch geschrieben. Das trägt den klingenden Namen "Die Unschuldige" und kommt etwas überraschend, schließlich hatte der Sohn die Mutter erst vor ein paar Jahren in einem Interview für tot erklärt.

Tatsächlich haben sich die beiden offensichtlich seit 1991 weder gesehen noch gesprochen. Houellebecq hat eine Sauwut. Seine Mutter aber auch. Deshalb hat die "Tote", die quicklebendig auf der Insel Réunion haust, nun die Geschichte ihres Lebens veröffentlicht, die eine Abrechnung mit dem Sohn ist. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund: Houellebecq sei "ein kleines, eitles Arschloch". Er habe sich um zwei Jahre jünger machen wollen und dazu seiner Mutter unterstellt, seine Geburtsurkunden gefälscht zu haben, heißt es da. Einen Satz vorher ist der Sohn ein "mieses Arschloch". In der Direktheit des Schreibstils ist der Apfel tatsächlich nicht weit vom Stamm gefallen.

Dass ihr Sohn sie in "Elementarteilchen" derart bloßgestellt habe - vom Namen bis zur Beschreibung der realen Lebensumstände - könne sie ihm nicht verzeihen. Es habe sie tief getroffen, sagt Ceccaldi, die ihr Kind im Alter von fünf Monaten bei den Großeltern ließ. Die Rechtfertigung füllt 412 Seiten.

Zu lesen gibt es die Memoiren einer Frau, die sich weder um Konventionen noch Besitz oder Sozialstatus schert. Eine viel beschäftigte Ärztin, die ihr Kind an die Schwiegermutter abgibt, allerdings nicht, um 14 Stunden am Tag zu arbeiten, wie sie in einem Interview sagte, sondern, um mit ihrem Mann eine Monate dauernde Afrika-Reise zu machen, nach der sie sich jedoch von Houellebecqs Vater trennte. Weil sie anschließend keine feste Bleibe hatte, habe sie das Kind nicht zu sich nehmen können, so die Erklärung.

Neben all den Beschimpfungen und Aufrechnungen, die das Buch durchziehen, zeichnet es das lebendige Bild einer Getriebenen, die nichts behalten oder an sich binden kann: weder das Kind noch den Geliebten, dem sie durch die Welt nachreist, auch nicht ihren Besitz, der ihr immer wieder "abgegaunert" wird. Lucie Ceccaldi gehört zu den wenigen Frauen in den frühen 60er Jahren, deren Kind nach der Scheidung dem Vater zugesprochen wurde. Sie habe für beide Unterhalt gezahlt, heißt es.

Das Ende konzentriert sich dann wieder mehr aufs Beleidigen: Ihr Sohn sei ein Lügner, ein Emporkömmling, ein Aufschneider und Parasit, "der leider aus meinem Bauch gekommen ist". Sie werde erst wieder mit ihm sprechen, wenn er sich öffentlich, mit seinem Roman "Elementarteilchen" in der Hand, bei ihr entschuldige. Ein paar Interviews später heißt es dann wiederum, dass sie gerne wieder mit ihrem Kind sprechen wolle und sich auch bei ihm entschuldige - dafür, dass sie ihn verlassen habe. Wahrscheinlich entspricht beides irgendeiner Wahrheit. Mit der nimmt es aber auch der Spross nicht so genau, der ebenfalls seine Lebensgeschichte gerne mal so hindreht, wie sie ihm gerade in den Kram passt. Das hat jüngst einer seiner Biografen herausfinden müssen. Übrigens derselbe Journalist, der Lucie Ceccaldi auf die Idee brachte, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Es sei ein Versuch der Kommunikation, sagt sie: "Die Mutter ruft ihren Sohn". Ob der sie allerdings gehört hat, ist bisher nicht bekannt: Er bewege sich irgendwo zwischen Irland und Spanien, ließ sein Verlag wissen.