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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Wie die deutschen Frauen zu Verführerinnen werden

Fort mit den Bewertungen, fort mit den Schubladen fordert stern-Autorin Laura Karasek. Jede sollte genau so sein, wie frau will.

Von Laura Karasek

Bitte küssen Sie hierzulande niemandem die Hand! Und machen Sie bloß keiner Frau ein Kompliment – es könnte Ihnen als Angriff ausgelegt werden!

Letzte Woche war ich auf der Frankfurter Buchmesse. Frankreich war Gastland und schickte neben 130 Autoren auch seinen berühmtestes enfant terrible nach Deutschland, den Skandalautor Michel Houellebecq. Ich hatte das Vergnügen, mit diesem rauchenden Außenseiter und von Sex und Sexualität besessenes Genie einen Abend zu verbringen, zu reden, zu trinken. Er vermisse eine aufrichtige Pornographie und Erotik in der deutschen Literatur. Damit könnte ich dienen… sagte oder dachte ich. Ich weiß es nicht mehr, es gab so viel Wein und so viel Worte. Später fragte ich ihn, was er von deutschen Frauen hielte und er antwortete: Ich liebe sie! Sie seien so unprätentiös, authentisch, vielleicht nicht so offensichtlich "Frau" wie die Französinnen.

Am nächsten Tag dachte ich darüber nach: Wie sind wir deutschen Frauen eigentlich im Vergleich zu anderen? Sind wir wirklich weniger weiblich, weniger verführerisch, weniger offensiv? 

Wir wollen sexy, aber trotzdem schlau sein

In Frankreich wird das Weibliche bewundert – in Deutschland wird es eher unterdrückt. Französinnen können intellektuell und weiblich sein – für Deutsche gibt es ein entweder oder, wenn sie ernstgenommen werden wollen. Dabei wollen wir doch feminin, aufregend, sexy, begehrenswert und trotzdem schlau sein. Heute mehr denn je! Aber sexy gilt als stumpf, als primitiv – und deswegen haben wir manchmal den Ruf, bieder, brav, unauffällig zu sein! Vielleicht fühlen wir uns damit wohler, seriöser.

Wo bleibt das Spielerische, die Verführung? Hierzulande wird schon ein Handkuss als Unterdrückung angesehen – siehe Göring-Eckardt und Kubicki, der sich öffentlich für einen HANDKUSSS ENTSCHULDIGEN musste! Demnächst entschuldigen wir uns dafür, dass wir "Guten Morgen" sagen oder jemandem Blumen mitbringen... das tun wir ja in Wahrheit nur, um den anderen zu verunsichern oder zu kränken. Welcher Chauvinist bringt einer Frau schon ein Geschenk mit! Unverschämt! Nein, ein Handkuss oder ein Kompliment, eine Verbeugung oder Verneigung sind nicht etwa ein Zeichen von Bewunderung, von Hingabe! Sie sind ein Frauenunterwerfungsinstrument, kurz vor dem Keuschheitsgürtel. Ja muss denn jede charmante Geste als Beleidigung und Kränkung gedeutet werden, in jedes Kompliment eine versteckte Botschaft der Frauenfeindlichkeit hineingelesen? Sagen Sie bloß keiner, wie schön sie ist – das wird Ihnen schnell als Unterdrückung ausgelegt und Sie reduzieren den armen Menschen auf sein gutes Aussehen! Waren Sie auch schon mal Opfer eines Charme-Angriffs, einer Komplimenten-Kanone? Melden Sie sich bei der Hotline für Betroffene "Hilfe, mir wurde meine Hand geküsst!" Alle regen sich über shit-storm auf, dabei ist der nice storm mindestens genauso gefürchtet. Lieber fake news als real flirts. Bald hören wir wahrscheinlich ganz auf, einander zu begrüßen – aus Angst dabei etwas falsch zu machen. Hinter jedem Witz wird ja inzwischen auch ein Zwinkersmiley verschickt, damit wir "bloß nichts falsch verstehen" – Interpretationsspielraum? Zu riskant! Kompliment steht für Komplikationen. Bevor sie etwas Charmantes tun oder sagen – seien Sie lieber missmutig, freudlos und neutral. Neutral ist ja auch so menschlich – und wer liebt es nicht, sich den ganzen Tag sachlich, emotionslos und angepasst zu verhalten?!

Wie kommt es, dass ich mich freue, wenn ich im Ausland gefragt werde, ob ich Schwedin, Polin oder Tschechin sei?

Die schönen Verführerinnen sind weder dumm noch abhängig noch machtlos.

In Frankreich sind auch Frauen über 40 noch elegant, sinnlich, verführerisch – in Deutschland haben sie ein Verfallsdatum und sollen am besten Gesundheitsschuhe tragen und wenig Haut zeigen. Es soll so viel beachtet werden, es gibt so viele Regeln. Warum eigentlich: fort mit den Bewertungen, fort mit den Schubladen und Klischees und dem Sexismus und dem Antisexismus.

Wir Frauen machen es uns schwer

Es gibt einen neuen Weg und es gibt sie, die deutsche Verführerin, die mit roten Lippen Männer verrückt macht, trotzdem Hermann Hesse liest und über Digitalisierung und Start-ups Vorträge halten kann.

Leider machen wir Frauen es uns manchmal selbst so schwer: Neulich bestellte ich einen Prosecco in einer Bar und wurde von der weiblichen (!) Bedienung verächtlich angesehen, noch bevor ich das SECCO nach dem PRO aussprechen konnte. Ich trug roten Lippenstift und offene Haare. "Blondie…" sagte sie zu mir "Sekt und rote Lippen? Manchmal ist weniger mehr!"

Es sind nicht immer Sprüche von Männern, die uns herabwürdigen, kategorisieren, reduzieren. Es sind wir gegen uns selbst.

Vielleicht sollten wir weniger Regeln aufstellen, weniger bewerten. Wir deutschen Frauen sollten so stark, selbstbewusst, schön, vielseitig, verführerisch sein, wie wir wollen – und wir müssen uns nicht dafür schämen, wenn wir mehr wollen, mehr sind und uns mehr herausnehmen als unsere Kritiker und Kritikerinnen uns zugestehen.

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